Buchempfehlungen


Hier geben wir allen, die ein Buch mit philosophischem Horizont so begeistert gelesen haben, daß sie es anderen weiterempfehlen möchten, die Gelegenheit, ihre Eindrücke in einigen Zeilen mitzuteilen.
Die hier veröffentlichten Meinungen beziehen sich weder auf die Arbeitsschwerpunkte des Vereins noch geben sie Vereinsmeinung wieder.


"Der Golem der Forschung" und "Der Golem der Technik"
"Auf der Suche nach dem Stein der Weisen"
"Newtons Koffer" und "Irrtümer der Wissenschaft"
Ein Hörbuch (Doppel-CD) "Was soll ich tun? - Kants Moralphilosophie"
Leben lernen
Die Wortmagierin des Dennoch


Harry Collins und Trevor Pinch

"Der Golem der Forschung" Was wir über Naturwissenschaft wissen sollten
ISBN 3-8270-0334-2
"Der Golem der Technologie" Wie unsere Wissenschaft die Wirklichkeit konstruiert
ISBN 3-8270-0335-0

Beide: Berlin Verlag, Berlin 2000

Harry Collins ist Wissenschaftssoziologe an der Cardiff University
Trevor Pinch ist Professor für Wissenschafts- und Technologiegeschichte an der Cornell University

Spätestens seit dem Film 'Der Golem', der in den frühen 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstand, wissen interessierte Mitbürger - auch die, die nicht so vertraut mit der jüdischen Mystik sind - wer oder besser was sich hinter diesem Namen verbirgt: Ein von Menschenhand geschaffener, gutmütiger, kraftvoller und hilfsbereiter menschenähnlicher Koloss, der jedoch auf sich allein gestellt, aufgrund seiner begrenzten geistigen Fähigkeiten außer Kontrolle geraten und gefährlich werden kann. Aus dieser Definition heraus spannen die Autoren einen Bogen zu Wissenschaft und Technik der Gegenwart.
Im ersten Band wird das Bild korrigiert das die Wissenschaft in ziemlicher Selbstüberschätzung von sich selbst gemalt hat. Hierzu dienen einige Beispiele aus der Grundlagenforschung.
Im Folgeband wird die Technologie-Gläubigkeit in Frage gestellt. Zu einigen Fallbeispielen aus der jüngsten Vergangenheit, deren offizielle Darstellung jeder Interessierte in der Medienberichterstattung verfolgen konnte, liefern die Autoren Hintergrundmaterial, das aufzeigt, wie militärischer Zweckoptimismus, wirtschaftlicher Druck oder die Arroganz von Wissenschaftlern die Darstellung technologischer Abläufe und ihre Zusammenhänge bis zur Verfälschung nachteilig beeinflussen können.
Die positive Botschaft der Golem-Bände, die die Autoren vermitteln wollen ist, dem Leser vor Augen zu führen, dass die auftretenden Probleme bei Forschung und angewandten Wissenschaften wesentlich komplizierter und vieldeutiger sind als es uns die Medien vermitteln. Die Erkenntnis dass in Wissenschaft und Technik – salopp ausgedrückt – auch nur mit Wasser gekocht wird, hilft meiner Meinung nach eine weit um sich greifende Technikfeindlichkeit in der Öffentlichkeit abzubauen.

Von: Alexander Berresheim


Hans-Werner Schütt

"Auf der Suche nach dem Stein der Weisen" Die Geschichte der Alchemie
ISBN 3-406-46638-9

Verlag C.H.Beck, München 2000

Hans-Werner Schütt ist Chemiker und Wissenschaftshistoriker, sowie Professor für Geschichte der exakten Wissenschaften und der Technik an der Technischen Universität Berlin.

"Quid est Alchymia?" – "Was ist die Alchemie?" fragt der Autor am Anfang seines Buches. Er macht erst gar nicht den Versuch eine umfassende Antwort zu geben, weil das seiner Aussage zufolge nicht möglich ist. Zu vielschichtig seien Quellen, Aufgaben und Geistesströmungen gewesen die diese Wissenschaft von Anbeginn an geformt und durchdrungen, sowie ihre Methodik und Ziele bestimmt haben. Die historisch überschaubare Zeitspanne ihrer Entwicklung reicht vom ptolemäischen Ägypten über die hellenistische Epoche bis ins hohe Mittelalter, an dessen Ende sie, also zu Beginn der Aufklärung, ihr esoterisches Gewand abstreifte und mit den bis dahin gewonnenen Erkenntnissen nahtlos in die moderne Chemie überging. Unscharf, wenn nicht falsch ist auch nach Meinung des Autors die Beschränkung ihrer Erklärung auf die 'Goldmacherei' im Sinne von Gold als chemisches Element im heutigen Sinne. Eine wesentliche Aufgabe bestand darin das Wesen der Materie in ihrer vielfältigen Erscheinungsform zu erkunden. Eine Vielzahl von Personenbeschreibungen berühmter Alchemistinnen und Alchemisten samt ihrem Lebenswerk geben einen Einblick in das philosophische und naturwissenschaftliche Selbstverständnis dieser esoterischen Kunst. Der Autor versucht – meiner Meinung nach erfolgreich – das Gestrüpp der üppigen Legenden und verwirrenden Symbolik zu beseitigen um dem interessierten Leser einen freien Blick auf den eigentlichen Kern dieser scheinbar obskuren Wissenschaft zu ermöglichen. Hierbei habe ich es als angenehm empfunden, dass überlieferte Fachausdrücke nicht einfach durch moderne Begriffe übersetzt werden, da sich in vielen Fällen deren Sinngehalt im Laufe der Zeit grundlegend geändert hat. Vielmehr erklärt der Autor ausführlich was man im damaligen Kontext darunter zu verstehen hat.
Das Buch liest sich auch für den Nichtchemiker sehr spannend. Die deutsche Ausgabe des 'Scientific American' schrieb: "Zum Thema Alchemie gibt es derzeit nichts Besseres!"

Von: Alexander Berresheim


Federico Di Trocchio

"Newtons Koffer" Geniale Außenseiter, die die Wissenschaft blamierten
ISBN 3-593-35976-6

Verlag Campus 1998

Federico Di Trocchio ist Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität von Lecce

Luc Bürgin

"Irrtümer der Wissenschaft" Verkannte Genies, Erfinderpech und kapitale Fehlurteile 'Und sie hatten doch recht'
ISBN 3-8112-1655-4

Verlag Gondrom 1998

Luc Bürgin ist freier Wissenschaftsautor

Beide Bücher erscheinen zu einem Zeitpunkt, zu dem in betroffenen Fachkreisen die Praxis der Publikation von neuen Ideen und Arbeitsergebnissen aus Forschung und Technik heftig diskutiert und in Frage gestellt wird. Was, und ob überhaupt etwas veröffentlicht wird entscheiden in den meisten Fällen einige, wenige Redakteure von Fachzeitschriften, oder auch Behörden in enger Verbundenheit mit ein paar selbsternannten Autoritäten. Sogar gesicherte neue Erkenntnisse werden unterdrückt wenn sie der überholten Überzeugung einflussreicher Hochschullehrer entgegenstehen. In der Forschung hat das eine lange Tradition und einschlägige Beispiele sind Legion.
Der Autor des ersten Buches beschreibt einige eklatante Fälle, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit, von Kolumbus und Kepler bis in die Neuzeit.
Das zweite Buch wendet sich mehr den angewandten Wissenschaften zu, wo weniger die persönlichen Befindlichkeiten Einzelner, als vielmehr wirtschaftlicher Druck oder die Reputation von Konzernen im Vordergrund der Einflussnahme stehen. Aber auch hier wird deutlich wie sehr die Richtung und Geschwindigkeit einer technologischen Entwicklung von einigen, wenigen Menschen bestimmt werden kann.
Wer sich an einer Diskussion über den Sinn und das Wesen des Fortschritts beteiligen will sollte beide Bücher gelesen haben.

Von: Alexander Berresheim


Matthias Katzer

"Was soll ich tun? - Kants Moralphilosophie""

'auditorium-maximum'-Verlag

Zu den angenehmen Seiten einer längeren Bahnfahrt gehört ihr meditativer, nachdenklich stimmender, die umtriebige Alltagswelt an-sich-vorbei-ziehen lassender Charakter, der die innere Achtsamkeit des Reisenden wie von selbst auf philosophische Reflexionen lenkt. Kürzlich hatte ich dabei die Möglichkeit, während der physikalischen auch auf eine solche geistige Reise zu gehen und in ein neu erschienenes Philosophie-Hörbuch des 'auditorium maximum'-Verlags zu Immanuel Kants Moralphilosophie zu lauschen.
Schon nach wenigen Hör-Minuten wird klar, dass diese Doppel-CD mehr ist als ein rezitatives Sammelsurium Kant'scher Werke und stattdessen in einer durchdachten redaktionellen Aufbereitung die Genealogie und vertiefte Ausarbeitung seiner Ideen in einen dialektischen Diskurs mit anderen Anschauungen und Weltinterpretationen gestellt wird. So etwa die heute wieder hochaktuelle Auseinandersetzung Kants mit der empiristischen Erkenntnistheorie David Humes zum Großthema 'Freier Wille' - das sinnlich determinierte "Selbst" und "Ich" vs. der jedemmenschenmöglichen Wahlfreiheit durch rationale Erkenntnis, das Verhältnis von Begrenzung und Freiheit zwischen den Polen des Gefühls und der Vernunft.

Dabei kommen auch geistesverwandte und kritische Stimmen aus dem 'Off' von Nietzsche, Rousseau, Schiller und Thomas Mann in Form von Rollenspielen verschiedener Sprecher zu Wort, die Erzählerin Miriam Schriewer gibt gar ein 'von außen' kommentierendes Marswesen.
Doch in den zweieinhalb Stunden Hörgenuss geht es nicht nur um die Wirkungsmacht Kants auf die Ideale der Aufklärung und des Humanismus, sondern ganz konkret um die Möglichkeiten, die uns sein Freiheitsbegriff als Denk- und Handlungsoptionen heute bietet: Es geht um das "Was soll ich tun?" und die Fragen nach ethischen Verbindlichkeiten im 'realen Leben', wofür der 'Kategorische Imperativ' immer noch plausible Antworten liefern kann.
Der weitgehende Verzicht auf Philosophie-Insider-Fachjargon macht diese Produktion auch für 'Einsteiger' gut zugänglich und natürlich muss man kein Bahnticket zum Anhören und Mitdenken lösen - zum Kaffee-Klatsch nebenher passt's aber leider nicht.
Sehr hörerfreundlich ist auch die Unterteilung der CD in einzelne "Songs", die am Ende jeweils mit einer Klavierminiatur von Gary Lamb ausklingen.
Hörproben aus dieser Doppel-CD und weitere Philo-Hörbücher (Schopenhauer, Parmenides, Aristoteles, Nietzsche u.A.) finden Sie nebst direkter Bestellmöglichkeit auf der Website des rührigen und engagierten 'auditorium-maximum'-Verlag.

Von: Werner Friebel


Luc Ferry

Leben lernen. Eine philosophische Gebrauchsanweisung

Kunstmann Verlag, 318 Seiten

Ne, trotz des verdächtigen Titels kommt dieses philosophische 'Survival-Kit' nicht aus der Ratgeberecke der unterkomplexen Weltanschauungen leicht konsumierbarer Sinnerklärer, sondern ist ein geistreicher und meiner Meinung nach gelungener Versuch, jedem philosophisch interessierten 'Einsteiger', vor Allem Jugendlichen, Freude an der Selbstreflexion und erweitertem Denken zu vermitteln.

Dazu unternimmt der Autor Luc Ferry, vielfach preisgekrönt und französischer Erziehungsminister von 2002-04, eine Exkursion durch die Ideen- und Wirkungsgeschichte der (europäischen) Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart, wobei er neben die historischen Rahmenbedingungen die Frage nach dem konkreten Nutzen der jeweiligen Weltanschauungen in den Mittelpunkt stellt. Er erläutert ausführlich, warum sich das metaphysische Heilsversprechen des Christentums gegen das kosmologische griechische Weltbild durchsetzen konnte; wie Aufklärung, Humanismus und die Freiheitsvorstellungen von Descartes, Rousseau, Kant und Hegel die moderne Philosophie begründeten, bevor deren Ideale in der Dekonstruktion der Postmoderne, vor Allem durch Nietzsche, hinterfragt und scheinbar den neuen Götzen von Materialismus, Ich-Bezogenheit und Technokratie geopfert wurden.

Dabei bleibt Ferry aber nicht stehen, sondern er schlägt einen Bogen von Husserl über Heidegger in die Gegenwart, für die er jenseits von Skeptizismus und Dogmen jeglicher Art einen neuen Humanismus der liebenden Selbst- und Mitverantwortung fordert - weit über den herrschenden oberflächlichen Pluralismus hinaus.
Als didaktischen 'Roten Faden' hat Ferry die "klassische" Einteilung der Philosophie in "Theoria" (Erkennen der Realtität), die "Ethik" (zwischenmenschliches Verhalten und Gesetze) und die "Weisheit" (Suche nach dem persönlichen Lebenssinn) gewählt, anhand derer er die Zusammenhänge und Schlussfolgerungen der geistigen Prozesse verdeutlicht und mit vielen Beispielen erhellt.
Natürlich können auf gut dreihundert Buchseiten die komplexen Verflechtungen der Geistesgeschichte nicht in aller Tiefe dargestellt werden, mancher wichtige Denker, manche bereichernde Nebenströmung muss sich mit einer kurzen Erwähnung begnügen, doch der Einstieg zum Verständnis der Zusammenhänge gelingt Ferry mit seiner gut verständlichen Schreibe, zumal er weitgehend ohne akademisches Fachgedöns auskommt.

Seinen Lesern, denen Ferry im dialogischen Duz-Ton vertraulich begegnet, macht er jedenfalls klar, dass Philosophieren keine Zitate-Klopperei bedeutet, sondern die Möglichkeit, ein reflekierendes Bewusstsein über das Bewusstsein zu entwickeln und für jeden Denkenden auf die Frage 'Was soll ich tun?' Antwortoptionen bereit hält.
Keine "ex-und-hopp-Lektüre", sondern Anregung zu eigenem kritischen Denken - fundiert und mit Schmackes.

"Leben lernen: eine philosophische Gebrauchsanweisung" - von Luc Ferry

Von: Werner Friebel


Die Wortmagierin des Dennoch

Zum 100. Geburtstag der Lyrikerin Hilde Domin erscheint „Im Vorbeigehn“ mit Aquarellen von Andreas Felger.

(Erstpublikation in Fixpoetry.com)

Hilde Domin – Andreas Felger.
Im Vorbeigehn. Lyrik und Aquarelle
Präsenz Kunst & Buch Verlag, Hünfelden 2009.
64 Seiten, 14,90 Euro
ISBN 978-3-87630-080-1

„Ein Gedicht ist ein gefrorener Augenblick, den jeder Leser für sich wieder ins Fließen, ins Hier und Jetzt bringt.“
Derart pointiert verteidigte die 2006 verstorbene Lyrikerin Hilde Domin schon 1968 in dem Essay „Wozu Lyrik“ die Poesie gegen ihre Widerredner. Und hielt sich selbst bis zu ihrem Abschiedsband „Der Baum blüht trotzdem“, den die zarte Wortmagierin noch voll auf der Höhe ihrer Kunst 1999 im Alter von 90 Jahren veröffentlichte, an den damit selbstgestellten Anspruch: Ein Dichter muss sein Erleben und sein Leid mit Worten so gestalten, dass sich der Leser damit identifizieren kann.

Das Schreiben aus Leiderfahrungen ist bei Hilde Domin authentisch, musste sie doch als Jüdin und NS-Regimegegnerin bereits 1932 mit ihrem späteren Mann, dem Kunsthistoriker Erwin Walter Palm, Deutschland und ihr heimisches Köln verlassen, um via Italien und England schließlich in die Dominikanischen Republik zu emigrieren. Sie hatte Jura, Wirtschaftswissenschaften, Soziologie und Philosophie (bei Karl Jaspers und Karl Mannheim) studiert und arbeitete während der Exiljahre als Sprachlehrerin und Übersetzerin, bevor sie 1954 unverbittert nach Deutschland zurückkehrte und sich 1961 endgültig in Heidelberg niederließ, weil sie immer am Glauben an die Möglichkeit eines zivilisierten Deutschlands festgehalten hatte und sich in diesem Sinn politisch in der SPD und als Vordenkerin der Grünen engagierte.
Der literarische Durchbruch gelang ihr 1959 mit dem bei S. Fischer erschienenen Gedichtband "Nur eine Rose als Stütze", in dem sie das Vertrauen in die Literatur als lebenshelfende Kraft mit virtuoser Schlichtheit in ein eindringliches Bild setzte, von Walter Jens als die "Vollkommenheit im Einfachen" gelobt.

Im Juli 2009 wäre die vielfach ausgezeichnete Dichterin 100 Jahre alt geworden und aus diesem Anlass wird sie mit Recht als eine der bedeutendsten deutschen Nachkriegsdichterinnen mit mehreren Publikationen gewürdigt. So zeigte der Kultursender 3sat im Mai 2009 die dokumentarische Hommage «Ich will dich - Begegnungen mit Hilde Domin» von der fast 70 Jahre jüngeren Filmemacherin Anna Ditges, die damit ein intimes und glaubhaftes Lebens-Porträt der Lyrikerin zeichnete.

Für das literarische Portrait engagiert sich seit einiger Zeit der Präsenz Kunst & Buch Verlag mit einer Auswahlreihe aus Domins lyrischen Arbeiten, deren mittlerweile dritter Band „Im Vorbeigehn“ nun vorliegt.
Der edle haptische Eindruck des schmalen Hardcover wird beim ersten Aufschlagen visuell noch verstärkt durch die hochwertig gedruckten, abstrakt-assoziativen farbigen Aquarelle von Andreas Felger, den mit Hilde Domin eine tiefe gegenseitige Bewunderung und Freundschaft verband.
Eine ähnliche Nähe zu Domin hatte auch ihre langjährige Assistentin Marion Tauschwitz, die in ihrem Vorwort die Inspiration der Lyrikerin aus der Naturphilosophie Spinozas betont, nach der der Mensch in eine kosmische Ordnung gestellt ist, die Liebe und die Natur Spiegel für das Perpetuum der Erneuerung sind und dass der Neuordner / in dir in mir / fingernagelgroß schläft.

So befasst sich die „Dichterin der Rückkehr“, wie der langjährige Freund Hans-Georg Gadamer sie einst nannte, nicht nur mit dem Verlust essenziellen Lebensinhalts und dem Gewinn des dadurch ermöglichten Neuen, sondern vor Allem mit der dem Menschen innewohnenden Kraft zu einer aufrechten Haltung gegenüber dem Schicksal, das es anzunehmen gilt mit dem Mut zur aktiven Teilhabe: „Brenne / Wir sind Fackeln mein Bruder / Wir sind Sterne / Wir sind Brennendes / Steigendes / Oder wir sind nicht / gewesen“. Daraus spricht keine Verbitterung, sondern die Aufforderung zur Zivilcourage, diese Hoffnung des „Fürchte dich nicht / es blüht / hinter uns her.“
Hilde Domins Gedichte sind nie hochkomplex oder metaphorisch verstiegen, bedürfen aber einer aufmerksamen Annäherung durch den Leser, um die Wirkung der vielfach geglückten Symbiosen von feinsinniger Sprachästhetik und Engagement zu erspüren.
Auch bei nach 'schwerer Besetzung' verlangenden Themen wie der Liebe zeigen sich die hier zusammengestellten Gedichte meist knapp und unprätentiös; sie begnügen sich mit fast ökonomischer Bildhaftigkeit, erschließen aber gerade durch den Verzicht auf adjektivischen Tand und Euphemisierungen ein umso eindringlicheres poetisches Wahrnehmungsfeld: „Ich liege in deinen Armen / wie in einem Schiff, / ohne Route noch Hafen / aber mit Delphinen am Bug.“

Mit ihrem hohen Anspruch an Wahrhaftigkeit in der Selbstoffenbarung und einem trotz Flucht und Exil bewahrten Lebensmotiv der Hoffnung trotzen Hilde Domins Gedichte der Schwere des Lebens mit Leichtigkeit, „weil das Wunder immer geschieht“.

Ich gehe vorüber -
aber ich lasse vielleicht
den kleinen Ton meiner Stimme,
mein Lachen und meine Tränen
und auch den Gruß der Bäume im Abend
auf einem Stückchen Papier.

Und im Vorbeigehn,
ganz absichtslos,
zünde ich die ein oder andere
Laterne an
in den Herzen am Wegrand.

Von: Werner Friebel
http://oxnzeam.de (Philosophische Schnipsel)