Die Projekte Philosophietreff Waldperlach

Archiv Waldperlacher Straßennamen · Festschrift


Philosophen und Humanisten als Namensgeber Waldperlacher Straßen

Dieser Überblick will nicht von Namensstiftern Waldperlacher Straßen berichten, die lediglich in mehr oder minder bedeutsamer Weise zur allgemeinen kulturellen und zivilisatorischen Entwicklung beigetragen haben, wie bspw. Adam Riese mit der Umstellung des Zahlensystems von der lateinischen zur indisch-arabischen Weise; oder Barthold Heinrich Brockes, der die Lyrik aus dem üppig Barocken in das analytisch Aufklärerische zu überführen begann; oder gar Adolf Franz Friedrich Freiherr von Knigge, ohne den ein Waldperlach in seinen gutbürgerlichen Umgangsformen gar nicht denkbar wäre. Vielmehr werden ausschließlich diejenigen Persönlichkeiten berücksichtigt, die auf philosophischem Gebiet gearbeitet und gewirkt haben. Es fällt beim Durchstreifen der Waldperlacher Straßen deutlich auf, dass für unser Viertel besonderes Augenmerk auf die Denker des Umbruchs in der Reformationszeit und der Epoche des Humanismus gelegt wurde.

Die Epoche des Humanismus reicht vom frühen 15. bis weit in das 16. Jahrhundert hinein und entspricht in etwa der Zeit der Renaissance. Es entsteht hier ein besonderer Bildungsanspruch - ähnlich der späteren Epoche der Aufklärung -, der den Menschen aus der insbesondere religiösen Unterdrückung in eine schöpferische, würdige, gütige und tolerante Gemeinschaft freier Menschen führen will. In die Spätphase dieser Epoche fällt die Reformation als Erneuerungsbewegung der christlichen Kirche, die jedoch zunächst weniger zu Toleranz und (Religions-)Freiheit führt, denn zur Aufspaltung der Kirche selbst. Auch diejenigen Waldperlacher Denker, die aus der Zeit der Aufklärung stammen, zählen eher zum konservativen Flügel ihrer Zeit, bleiben sie doch zumeist der religiösen Tradition verhaftet.

Wenn auch in keinem Philosophie-Lehrbuch dieser Name zu finden ist, so kann dennoch und durchaus zu Recht auch Till (geb. um 1300 in Kneitlingen, gest. um 1350 in Mölln), der der EULENSPIEGELSTR. ihren Namen gegeben hat, in diesem Überblick Erwähnung finden. Der Name kommt nicht von der Eule, sondern vom mittelniederdeutschen ulen (wischen) und spegel (Spiegel, Hintern), meint also: Wisch' mir den Hintern! Till war also ein Schalk, als dieser aber das Gegenteil eines Augenwischers. Eher war er ein Scheibenwischer, der seinen Mitmenschen außerdem einen Spiegel vorhielt. Dabei hatte er jedoch immer ein offenes Herz für das einfache Volk und das Menschlich-Allzumenschliche.

Mit der AGRIPPASTR. wird nicht der antike römische Philosoph Agrippa geehrt, der zu den Skeptikern (den Infragestellern) zählt und im ersten Jahrhundert n. Chr. lebte, sondern Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (geb. 14.9.1486 in Köln, gest. 18.2.1535 in Grenoble). Dieser Agrippa war ein bedeutender Gelehrter seiner Zeit und ein Musterbeispiel des Toleranzdenkens. Nicht allein, dass er die sogenannten Geheimwissenschaften, also eigentlich alles, was nicht der kirchlichen Lehrmeinung entsprach, systematisch erforschte. Er nahm sich auch das unchristliche Recht heraus, Vorlesungen über die Kabbala zu halten, das wesentliche mystische Fundament des Judentums. Als früher Frauenrechtler verfasste er mehrere Schriften, in denen er den Wert der Frau gleich oder gar über dem des Mannes ansetzte: „So hat auch das weib hierüber sampt dem Mann ein gleich gemüt vernunfft und red empfangen.“ Er behauptete, dass Frauen unbestechlich seien, womit die schon damals sehr weit verbreitete Korruption zur männlichen Domäne erklärt wurde. Und er erkannte, dass Eva als die zuletzt Geschaffene das vollkommenste Wesen der Schöpfung sei. Allein Adam sei der Baum der Erkenntnis verboten gewesen. Gott habe also Eva durchaus gestattet, den Stand der Unwissenheit zu verlassen.

Die ERASMUSSTR. heißt nach Erasmus Desiderius von Rotterdam (geb. 27.10.1465, gest. 12.7.1536 in Basel). Als (katholischer) Augustinermönch zum Priester geweiht, entwickelte er sich zu einem der wichtigsten humanistischen Freigeister und wurde schließlich im protestantischen Münster zu Basel beigesetzt. Er versuchte, den Streit der katholischen Kirche mit Luther zu befrieden, wie er überhaupt für seine toleranzgeprägten, pazifistischen Anstrengungen bekannt wurde: Es gibt keinen gerechten Krieg! Er wollte „lieber mit einem aufrichtigen Türken als mit einem falschen Christen zu tun haben“. Sein besonderes Anliegen war jedoch eine humanistisch-wohlwollende Pädagogik, für die er nicht Schüler, sondern Mitschüler suchte. Sein Leitspruch lautete: „Menschen werden nicht als Menschen geboren, sondern als solche erzogen.“

Die SPALATINSTR. trägt ihren Namen nach Georg Burkhardt (geb. 17.1.1484, gest. 16.1.1545 in Altenburg), der sich den Namenszusatz Spalatinus – der aus Spalt – gab. Nach eigener, bereits humanistisch geprägter Ausbildung in Philosophie, Griechisch, Geschichte, Recht und Theologie wurde er Erzieher von Johann Friedrich, dem späteren Kurfürsten von Sachsen, und ermöglichte durch seinen Einfluss als Geheimsekretär wesentlich, dass der eigentlich katholische Kurfürst Luther wohlwollend gewähren ließ. Nicht zu Unrecht gilt Spalatin als der „Steuermann der Reformation“. Wesentlich waren jedoch auch seine Tätigkeiten als langjähriger und einflussreicher Leiter der Wittenberger Universitätsbibliothek und hier als Übersetzer alter Schriften, war doch die Antike mit ihrem Menschenverständnis das Vorbild des Humanismus.

Der Namensgeber der ULRICH-VON-HUTTEN-STR. (geb. 11.4.1488 auf Burg Steckelberg, gest. 29.8.1523 in Ufenau) sollte eigentlich Ritter werden. Wegen des schwächlichen Körperbaus wies sein Vater ihm jedoch eine geistige Laufbahn zu, die Ulrich zu einem überragenden Dichter der neuen Zeit werden ließ. „O Jahrhundert, o Wissenschaft! Es ist eine Lust zu leben. Die Studien blühen, die Geister regen sich. Barbarei, nimm dir einen Strick und mach' dich auf Verbannung gefaßt!“ Zeitlebens unstet auf Reisen in Italien und Deutschland entwickelte er sich immer mehr zum politischen Denker und Aktivisten und wurde so trotz einer in der Mitte seines Lebens erhaschten Syphilis doch noch zum streitbaren Ritter. Sein tätiger Zorn richtete sich hauptsächlich auf eine Kirche, die sich machthungrig und über Gebühr im Weltlichen ausbreitete. Als äußerst sprachbegabter, federschwingender Humanist und als wutentbrannter Kämpfer für die neue Sache – sein Motto war: „Ich hab's gewagt!“ – hatte er den Adel, zu dem er selbst gehörte, jedoch gegen sich. Als deutscher Nationalist, der gegen die römische Bevormundung antrat und für eine weltliche Gesellschaft unter Führung der Ritterschaft stritt, war er der Lichtblick einer untergehenden Klasse. Zuletzt entschied sich der Kaiser für Rom und gegen Luther. Von Hutten aber begann seinen späten eigenen Partisanenterror, der als „Pfaffenkrieg“ bekannt wurde.

Die MELANCHTHONSTR. trüge keinen so wohlklingenden Namen, hätte Philipp (geb. 16.2.1497 in Bretten, gest. 19.4.1560 zu Wittenberg) seinen Geburtsnamen, Schwartzerdt, nicht ins Griechische übersetzt bekommen. Als Professor für diese Sprache nach Wittenberg berufen, lernte Melanchthon Luther kennen und übernahm große Teile der reformatorischen Lehre. Aber er war zutiefst der Willensfreiheit verpflichtet, wenngleich Philosophie und Ethik letztlich in Gott gründen sollten: Der Mensch muss aus freien Stücken zu Gott finden, nicht unter dem Zwang eines religiösen Gebäudes. Deshalb war für ihn auch eine Reform der Bildung vonnöten. So war Melanchthon zwar gegen die Kopernikanische Wende, beharrte auf der Stellung der Erde im Mittelpunkt des Alls, und war doch Mitbegründer und leidenschaftlicher Gestalter des Humanistischen Gymnasiums. Mit dem Titel „Lehrer Deutschlands“ geehrt wollte er die Jugend zu den „wahren Quellen“, nämlich denen der wissensverliebten Antike, führen. „Ich bin ganz und gar der Meinung, daß wer in geistlichen oder weltlichen Dingen etwas unternehmen will, sehr wenig ausrichten wird, wenn er nicht zuvor seinen Geist in den humanen Wissenschaften reichlich geübt hat.“ Von humanistischer Güte geprägt versuchte er, im Streit zwischen Kirche und Reformation so kompromissbereit zu vermitteln, dass die Lutheraner ihn schließlich bezichtigten, die Lehre verraten zu haben.

Dass ein blindes Huhn auch einmal ein Korn findet, diese Erkenntnis verdanken wir wohl Georg Rollenhagen (geb. 22.4.1542 in Bernau, gest. 20.5.1609 in Magdeburg), der der ROLLENHAGENSTR. ihren Namen gab. „Wenn die katz nicht ist im haus, so hat frei umlaufen die maus“, auch diese Weisheit stammt von dem Lehrer, Prediger und sinnig klugen Dichter, insbesondere von moralisch-pädagogischen Theaterstücken. Im „Froschmeuseler“, einem gewaltigen Versepos, inspiriert unter anderem von „Reinke de Vos“ (dem Vorläufer des „Reineke Fuchs“) wurde zeitkritisch und pazifistisch, teils satirisch, aber noch gottes- und herrschaftshörig sowohl Politik wie Anstand in fabelhafter Form gelehrt. Hier kann man aus berufenem Tiermund – der Papst tritt bspw. als Schildkröte „Beißkopf“ auf, Luther als der Frosch „Elbmarx“ - ebenso erfahren, warum die Monarchie die bestmögliche Staatsform ist, als auch, wie man die Tollwut behandeln kann.

Unser Weg durch die Waldperlacher Straßen macht einen zeitlichen Sprung. Wir landen im 18. Jahrhundert, der Zeit der Aufklärung, und in der SPALDINGSTR. bei Johann Joachim Spalding (geb. 1.11.1714 in Tribsees, gest. 25.5.1804 in Berlin), dem herausragenden Denker der Neologie, der Neuen Lehre. Die lutherisch-reformatorische Theologie wurde durch die Philosophie der Aufklärung wiederum reformiert, die Vernunftwahrheit – durchaus unter der Vorherrschaft des Ethischen – nun der Offenbarungswahrheit gleichgestellt. Was gedacht war als Verteidigung der Religion gegen das wissenschaftlich geprägte Denken, erschien jedoch alsbald als Beschleunigungssatz des Säkularismus, der ideologischen Trennung von Kirche und Gesellschaftsverfassung. In der „Betrachtung über die Bestimmung des Menschen“ versuchte Spalding eine Selbstreflexion: „Es ist doch einmal der Mühe werth, zu wissen, wozu ich da bin, und was ich vernünftiger Weise sein soll?“ Zur Beantwortung dieser Frage, so Spalding, kann ich nur mir selbst folgen, Offenbarung steigt im vernünftigen Umgang aus mir selbst, nicht aus Gott, führt allerdings für Spalding letztlich doch wieder zu Gott hin: „Nur das macht mich eigentlich zu etwas Beträchtlichem, daß ich die Ordnung empfinden, in derselben bis zu ihrem Anfange hinaufsteigen und mich meiner freywilligen Uebereinstimmung mit ihm, dem Ursprunge alles Guten, in Gesinnungen und Absichten, bewußt seyn kann.“

Die HAMANNSTR. hat ihren Namen zu Ehren von Johannn Georg Hamann (geb. 27.8.1730 in Königsberg, gest. 21.6.1788 in Münster), der zunächst der Aufklärung als Emanzipation des Individuums verpflichtet war. Sein Zeitgenosse, Nachbar und Förderer Immanuel Kant nannte dies „das Heraustreten aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Nach persönlichem Absturz durchlebte Hamann eine „Höllenfahrt der Selbsterkenntnis“, die in einem christlichen Erweckungserlebnis mündete. Fortan verlangte er als Erkenntnisweg eine leidenschaftlich-intuitive Hingabe an die Welt, dass „wir biß in den Schooß der Gottheit dring[en] müssen, die allein d[as] ganze Geheimnis uns[eres] Wesens bestimmen und auflösen kann.“ Das berühmte sokratische „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ deutete Hamann als höchste Form der Erkenntnis im Sinne begnadeter, genialer Intuition jenseits der Rationalität. Die Vernunft, das zentrale Symbol menschlicher kritischer Autonomie, wurde nun selbst kritisiert. Mit der Kritik an der Vormachtstellung der Vernunft, die selbst an Voraussetzungen wie Erziehung, Sprache und vorvernünftige Überzeugungen gebunden sei, wurde der eigentlich rückwärts auf religiöse Erweckung orientierte Hamann dennoch auch zu einem Vorbereiter der Moderne, die die historische Bedingtheit der menschlichen rationalen Erkenntnismöglichkeiten berücksichtigt.

Johann Caspar Lavater (geb. 15.11.1741 in Zürich, gest. 2.1.1801 ebendort), Namensgeber der LAVATERSTR., war Pfarrer, aber philosophisch und durchaus wissenschaftlich ambitioniert. Mit seinem Hauptwerk "Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe" gilt er als Begründer der Physiognomik. „Physiognomik ist die Wissenschaft, den Charakter des Menschen im weitläuftigsten Verstande aus seinem Aeußerlichen zu erkennen; Physiognomie im weitläuftigen Verstande wäre also alles Aeußerliche an dem Körper des Menschen und den Bewegungen desselben, in sofern sich daraus etwas von dem Charakter des Menschen erkennen läßt.“ Insbesondere die Gesichtsdeutung, die aus Form und Größe einzelner Gesichtsteile auf den Charakter und unter Umständen auch auf das zukünftige Schicksal der betreffenden Person schließt, wurde schnell sehr populär. Es sollte sich hier die Sprache der Natur als wesentlicher Erkenntnisquell offenbaren.

Christian Gotthilf Salzmann (geb. 1.6.1744 in Sömmerda, gest. 31.10.1811 in Schnepfenthal), Namensstifter für die SALZMANNSTR., war, bevor er eine eigene Schule gründete, zunächst am Philanthropin beschäftigt, der seinerzeit fortschrittlichsten pädagogischen Anstalt in Dessau. Mit dem überaus populären Erziehungsroman „Konrad Kiefer“ wurde er zum deutschen Rousseau. Ein besonders weitsichtiges Werk war jedoch auch sein „Ameisenbüchlein oder Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher“, das den pädagogischen Anspruch reflektierte und vertiefte. So lautete sein Leitspruch: „Von allen Fehlern und Untugenden seiner Zöglinge muß der Erzieher den Grund in sich selbst suchen.“

Schließlich gelangen wir in die HEGELSTR., benannt nach dem berühmtesten der in unserem Viertel heimisch gewordenen Denker: Georg Friedrich Wilhelm Hegel (geb. 27.8.1770 in Stuttgart, gest. 14.11.1831 in Berlin). So unscheinbar diese Straße ist, so erstaunlich mutet es an, dass die städtischen Instanzen diese auswählten und nicht eine in der Nähe der anderen großen Philosophen der deutschen Tradition. Hegel hatte zunächst Theologie studiert, sah aber zunehmend eine historische Entwicklung vom Katholizismus über den Protestantismus zur Philosophie. In diesem Fortschritt spiegelt sich der große Entwurf Hegels, zu beschreiben, wie die gesamte weltgeschichtliche Entwicklung sich aufspannt. Der Weltgeist Logos hatte sich zu Beginn aller Zeit gespalten in Materie und Geist und über viele historische Vermittlungen schließlich im absoluten Wissen, das mit der Hegelschen Erkenntnis erreicht wird, zielgerichtet zurück in sich selbst versöhnt. Das Ganze als dasjenige, das in sich seine gesamte Vorgeschichte – ein in Dreischritten (These-Antithese-Synthese) voranschreitendes Werden – mitträgt, ist das Wahre und die Philosophie das System hiervon. Dementsprechend ist nur das Vernünftige wirklich. Mit seinem absoluten idealistischen System ist Hegel der letzte wesentliche Philosoph des Abendlandes, der einen harmonisierenden Ausgang denken kann.

© Wolfram von Berg, 2011