Die Projekte Philosophischer Gesprächskreis

Archiv Gesprächskreisprotokolle: 2000


1980 | 1981 | 1982 | 1983 | 1984 | 1985 | 1986 | 1987 | 1988 | 1989
1990 | 1991 | 1992 | 1993 | 1994 | 1995 | 1996 | 1997 | 1998 | 1999
2000 | 2001 | 2002 | 2003 | 2004 | 2005 | 2006 | 2007 | 2008 | 2009
2010 | 2011 | 2012 | 2013 | 2014 | 2015 | 2016 | 2017


Zyklus Recht - gerecht - richtig
Die ersten Abende
eMail Teilnehmer
Weitere Abende

Zyklus Das Maß des Menschen (Fortsetzung im 1. Zyklus 2001)
Beiträge hierzu von Leo Allmann:
zum Thema
zum Maß-Begriff
Das unbekannte Maß
Maß und Sinn


Recht - gerecht - richtig


Ankündigung

Zum ersten großen Zyklusthema für das Jahr 2000 entschieden wir den Komplex um das RECHT. Dabei wollen beide Aspekte - der des GERECHTEN ebenso wie der des RICHTIGEN - zu ihrem Recht kommen

Diskussionsverlauf

Sammlung zum Begriff:
Unterschiedung subjektive Vorstellung - juristische Fassung
Begründung durch Gesellschaft (Antike) versus Begründung durch Gott (Christentum)
Gesetz und Recht voneinander trennen; auch Trennung: pragmatisch - moralisch (?), gerecht – richtig, legitim - legal
Gesetz: 'niedergeschriebenes Recht' (Machtattribut)
Begriff des positiven Rechts
These: Ehemals Recht des Stärkeren, bis durch Gesetz abgeändert (Gegenthese: Gelte doch auch heute noch Gesetz des Stärkeren)
Suche nach 'Rechtsgrundlage' - Moderne Rechtsprechung habe die Tendenz, daß es das Naturgesetz nicht gebe
Braucht Robinson ein Rechtsverständnis?
Gesetze sind Regeln, die eventuell insgesamt menschengemäß (-adäquat) sind; Grundlage Gerechtigkeitsvorstellung (> Goldene Regel) Wie entsteht Rechtsbewußtsein / Unrechtsbewußtsein? Beziehen wir uns bezüglich 'Recht' auf etwas Absolutes? Wäre das legitim?
Rechtsidee seit Aufklärung rational (bei irrationaler Grundlage) / Hobbes Vertragsdenken, Freiheit wird eingeschränkt ; daher Aufklärung: Freiheit in Recht integrieren
Problematik: casuistisches Vorgehen / common sense anglo-amerikanisches Rechtsverständnis)
Exkurs Gewissen (historisiert versus sensibel): Rechtssinn, der besteht wie Augensinn oder treffender Unrechtssinn (Assoziation Sokrates' Daimonium)

Woher kommt das Recht? - Wer nimmt sich (wie legitimiert) das Recht, Recht zu begründen?
Rechtschaffende Subjekte: Der Fürst legitimiert sich durch Gott; das Volk legitimiert sich durch Freiheit (Epoche der Aufklärung)
Ungeschriebene Gesetze (heute: Normen), die zur Identitätsbildung entscheidend beitragen (die meisten werfen kein Altöl im Wald weg) - Heutiger Gegenspieler: Wirtschaft (nur die?)
Mangelndes Unrechtsbewußtsein und die Problematik 'ungerechter' Gesetze: Es werden Gesetze 'einfach so' beiseite gelassen bzw. übertreten und es besteht ein verbreitetes 'Bewußtsein' darüber, daß viele Gesetze 'unrechtmäßig' seien
Rechts- und Unrechtsbewußtsein 'willkürlich' tradiert (aber: was heißt eigentlich Willkür?)
Problematik von Recht und Gerechtigkeit (jeder Einzelfall ist doch anders)
These: Aufgabe des öffentlichen Rechts: dort einschreiten, wo einer nicht vernunftgemäß handelt
Bestreben, zu einem 'universalen' Recht zu gelangen (Wertung anderer Rechtssysteme, Pochen auf Menschenrechtsdeklaration) vs. Gesellschaften geben sich selbst Normen > In Dialog treten über Rechtsbewußtsein
Unterscheidung: Sich wehren gegen (Einfluß) andere(r) Rechtssysteme / andere zwingen, eigenes Rechtsverständnis zu übernehmen
Was heißt 'Ich bin im Recht'? Zwei Komponenten: Es ist richtig, was ich sage, herausgefunden habe etc.; es ist gerecht (ich würde vor einem Richter recht bekommen)

Edzar Reuter Zitat: Eigenwille grenzt ein, was jeweilige Mehrheit in jeweiligem Moment als richtig befindet (> Freiheitsbegriff)
Bspl. Delegierter, der andere Entscheidung weiterträgt > Was ist richtig jenseits von Recht?
Zustimmungsabhängigkeit von richtig und recht?
Aufrichtigkeit: ohne Bezug durch anderen (innerer Dialog) vs. Sokrates' Daimonium, das nur abrät
Stimmigkeit (z.B. Praktikabilität; Ästhetik)
Modern Richtigkeit = Konsequenz vs. Mit welchem Recht tust Du das? Entspricht: Aus welchem Grund tust Du das? (Strukturverwandheit)
These: 'Richtig' ist eine Idee (platonisch und ...)
Unterscheidung richtige Information - richtige Entscheidung (künstlerische, religiöse): begründet, begründend
Subjektiv richtig und objektiv richtig als Unterscheidung sinnvoll?
Bedeutung der Richtigkeit einer Entscheidung? (z.B. Verhalten in Unfallsituation)

Richtige Entscheidung: Bezüglich Einzel-Dasein, bzgl. Verantwortlichkeit (Kriterium: erfolgreich?)
Heidegger Exkurs: Schwere, die nötig ist > Sorge > rechte Sorge
Entscheidungen nötig; machen Richtungen auf - Interpretation von Welt immer schon vs. Bilder als Bilder nehmen (Tschetschenien-Beispiel)


eMail eines Teilnehmers

These der gelernten Philosophen (so wie ich sie verstanden habe): Es gibt RICHTIGKEIT als Struktur, abgesehen vom Inhalt des "Richtigen", die Idee des Richtigen oder das Abstraktum "richtig", im Sinne von ABSOLUT RICHTIG = kann nicht nicht richtig sein. ("Sie können nur richtig entscheiden - denken - glauben - ein Kunstwerk schaffen") UN-BEDINGTE RICHTIGKEIT, nichts außerhalb oder innerhalb des denkenden oder handelnden Subjektes gibt die Richtung vor. Beispiele: Glauben, Entscheiden, Denken, ein Kunstwerk - können nicht anders als "richtig" sein.
Meine These: Es gibt keine un-bedingte Richtigkeit. Glauben, entscheiden, denken u handeln sind nur unter der Bedingung "richtig", daß sie in der aktuellen Situation einem Inhalt, Ziel, einer Richtlinie folgen. Ich kann gar nicht glauben ohne "etwas" zu glauben und wenn ich etwas glaube, dann das in meinen Augen "Richtige". Ich kann nicht entscheiden ohne ein Ziel im Auge zu haben, wohin die Entscheidung führen soll (Will ich nirgends ankommen, brauche ich mich nicht zu entscheiden, ob ich den rechten Weg nehme oder den linken!) Erst ein Ziel gibt mir die Richtung und macht die Entscheidung zur "richtigen" Entscheidung. Auch das Denken kreist immer um "etwas". Richtigkeit im Denken ist also auch bedingt durch das "Was" des Gedankens. Ob Richtlinien von außen kommen oder ob der "autonome" Mensch sie sich selber vorgibt (indem er ZIELGERICHTET denkt oder handelt), ist hier nicht relevant. Er kann die von außen aufgestellten Richtlinien, wie Gebote, Gesetze oder Konventionen als Norm für sein Denken und Handeln nehmen. Er kann sich selber ein Ziel, eine Idee oder eine Maxime setzen, nach der er zu denken und zu handeln für richtig hält. In jedem Fall ist die RICHTIGKEIT nichts Absolutes, sondern BEDINGT durch Ziel, Norm, Maxime etc.
Synthese???
Horkheimer: "Es gibt nichts Richtiges im Falschen" O.K.: Wenn ich in der "falschen" Stadt, zB in Hamburg bin, kann es keinen "richtigen" Weg zur Neuhauser Straße geben. Entscheide ich mich an der Straßenkreuzung für rechts oder links oder gerade aus - ich komme nie an mein Ziel - die Neuhauser Straße. Folge: Die Aussage von W. von Berg "es gibt nur richtige Entscheidungen" kann dann nicht richtig sein. RICHTIGKEIT HAT MIT WAHRHEIT WAHRSCHEINICH NUR MANCHMAL ZU TUN.


Weiterer Diskussionsverlauf

Frage nach dem Grund der Möglichkeit richtiger und falscher Entscheidung These: Welt erwartet permanent Anwendung von 'richtig' und 'falsch' vs. perspektivischer Begriff

Richtig in Konventions-Horizont contra Authentizität (Ding mit dem Namen 'Baum' ist keine Konvention)
Gibt es eine Brücke zwischen Strukturebene und inhaltlicher Konventionen-Ebene?
Beispiel: 'Survival of the Fittest'

Das Konventionelle ist das Aufweichen der Bestimmtheit des Richtigen > Kritik an Richtigkeit als Einheitsdenken
Konstatierung des Werteverfalls enthebt nicht der Verantwortung zur Frage: Was ist für mich wertvoll?
Es ist unausweichlich, das zu tun, was man für richtig hält > Orientierungssatz, der 'wie Fels in der Brandung' steht > daraus folgt: Maßstab des Richtigen ist das Tun (> Hauptsache, ich kann es bejahen)
Reflexion auf Universalienstreit: Ist Folge der 'Historisierung der Begriffe' nötig?

Gerechtigkeit - jedem das Seine zukommen lassen (röm.)
These: Rechtssystem als Ausgleichsversuch zwischen Freiheit und Sicherheit (als realen Bedürfnissen) - Gerechtigkeit dabei als Ideal
Frage der Zusammengehörigkeit von Gerechtigkeit und Gleichheit
Gerechtigkeit als Konvention / gewachsene Norm; Gerechtigkeit als Postulat (im Sinne einer Ernsthaftigkeit)
Was wird einem gerecht? Wer kann das beantworten? (Kann ich das überhaupt für mich selbst beantworten?): Würde, Chancengleichheit, Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, Freiheit
Gerechtigkeit als 'Sachgemäßheit' (wie Bildhauer, der dem Material gemäß das Werkzeug wählen muß), dabei nicht als statischer Begriff

Schwerpunkt sodann historisch-politisch (Z.B. Kolonialismus; Schwarze in den USA)

Gerechtigkeit in Unterscheidung zwischen Legalität und Legitimität
Gleichheitsanspruch als zentrales Element von Gerechtigkeit?
In Realität äußerst schwer durchzusetzen; in Bezug auf besonderen Fall zu interpretieren
Gerechtigkeit als Forderung, die einen Maßstab braucht (in sozialen Zusammenhängen bietet sich da 'Gleichheit' geradezu an); 'artgerecht' als Vorbild?

'Situationsgerechtigkeit' als These gegen die Gefahr á la "Fahrenheit 451"
Gefühl der Gerechtigkeit doch aber immer an der gleichen Stelle in mir
Ausgangspunkt stattdessen: Abbau von Ungerechtigkeit (statt Durchsetzung von Gerechtigkeit); Erleben von Ungerechtigkeit das Primäre; wo kommt das her? > Reflexionsgefühl
Was macht es denn aus, daß etwas als Ungerechtigkeit erlebt wird? - Psychologisch: Identifikation; Wahrnehmung von Ungerechtigkeit ist nicht angeboren.

Zur Problematik Helmut Kohl: Ehrenwort versus Verfassung
Was meint eigentlich 'Ehrenwort'? Endet es an Schranke der Gesetze? Welchen Respekt schulde ich einem Gemeinwesen, von dem ich meine Freiheitsrechte beziehe?
Konflikt: 'Privates Wort' versus öffentliche Anforderungen. Wieviel ist Wort wert, das aufgrund unrechtmäßiger Handlung gegeben wird? > Ist nichtig.
Innerer Widerspruch: Hat zweimal Wort gegeben und diese widersprechen sich. Zwei-Ebenen-Modell: In dem Amt, das begann und endete, das eine Wort gegeben; als Mensch das andere (widersprüchliche) Wort. Hierarchie, in der er sich entschieden hat.
Gegenposition: Hat vorher Eid geschworen; hat Ehrenwort in seiner Eigenschaft als Parteivorsitzender / Bundeskanzler gegeben. Widerspricht der hochgehaltenenen Ehre, daß es überhaupt soweit kam.
Begriff der Ehre heute als 'Fair Play' (das ist die Spielregel). Hier: Doppeltes Spiel.
Differenzierung: Ehre eher monologischer, Fair Play eher dialogischer Begriff. Ehre als Feld der außergesetzlichen Moral.
These vom 'Drama' (allgemeinmenschlich), in dem Kohl tragisch scheitert. Gefahr der Heldenstilisierung hierdurch.
Was bedeutet das für uns? Können wir aus diesem (ungemäßen) Scheitern das Richtige lernen?


Das Maß des Menschen


Vorüberlegungen

Hallo Wolfram!
Nach zweimaligem Überschlafen erscheint mir die Formulierung DER GEMACHTE MENSCH besonders griffig und trächtig. Hier ein paar Anknüpfungsmöglichkeiten:
HOMO FABER: Akzentverschiebung vom machenden zum gemachten Menschen. Dazu analog: "Mensch ALS Maß ..." tritt in den Hintergrund gegenüber "Mensch NACH Maß".
DER GEMACHTE MANN: Eine gängige Redewendung, z.B. auf Bill Gates zutreffend, bekommt durch den Austausch von "Mann" durch "Mensch" weitere Dimensionen.
MACHT: Unser ehemaliges Thema kann insofern wieder ausgekramt werden, als "Macht" und "Machen" eigentümlich sinnverschieden UND zusamnmenhängend sind.
SLOTERDIJK: Dem in der Elmauer Rede betonten Umstand, dass Menschenführung und Humangenetik zum selben "anthropotechnischen" Projekt gehören, trägt "der gemachte Mensch" ebenso Rechnung wie der Ausdruck "Menschenpark".
Gruß Leo

Ankündigung

Seit dem Herbst 2000 beschäftigen wir uns mit Aspekten des menschlichen Selbstverständnisses, wie sie sich z.B. aufgrund der Neuen Technischen Möglichkeiten für menschliche Zukunft regeben:
Das Maß des Menschen
lautet (in Anlehnung an Protagoras) unser Ausgangspunkt. Die Diskussion wird sich im weiteren bewegen zwischen den Fragen: Welchen Menschen brauchen die Menschen? Welchen Menschen lassen wir noch zu? Machen Menschen Menschen? Ist der artgerechte Mensch ein akzeptables Ziel?

Diskussionsverlauf

Ist nicht die menschliche Selbst-Positionierung zu überheblich? Hat nicht z.B. Nietzsche recht, wenn er die Mächtigkeit des Körpers gegenüber dem Geist herausstellt? Ist die sapientia (des homo sapiens) eine Fehlfunktion?
Oder steht der Mensch an erster Stelle, weil er sich das Problematischste ist? Macht nicht die spaientia die entscheidende Bereicherung aus? Ergibt sich vielleicht die Komplexität des Physiologischen aus der Komplexität des (den Körper untersuchenden) Geistes? Sollte man nicht dem Geist als 'Nesthäkchen' der Evolution seine Fehlversuche und Chancen einräumen? Oder ist der Geist gar nicht das jüngste Produkt der Evolution, sondern das Älteste, weil er der 'Urheber der Vorgeschichte' ist?
Ist nicht jegliche Frage nach dem Maß eine implizit ethische, und wir sollten deshalb nach dem Apriori von Gut und Böse fragen?

Fundamental ist zwischen zwei Aspekten der Fragestellung zu unterscheiden: Dem Maß, das der Mensch anlegt (Mensch ist Subjekt), und dem Maß, das den Menschen bestimmt (Mensch ist Objekt).

Programmentwurf für die weiteren Abende:

Das wesentliche Augenmerk soll auf die Frage nach dem Maß, das den Menschen bestimmt, gelegt werden.
Zunächst eine Auseinandersetzung mit dem Protagoras-Fragment: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge; der Seienden, daß sie sind, der Nichtseienden, daß sie nicht sind."
Sodann eine Auseiandersetzung mit verschiedenen Maßen, wie sie typisch als Antworten auf unsere Fragestellung gegeben werden; das Maß, das den Menschen bestimmt, findet sich:
- in Gott; - im menschlichen Geist; - in der Natur (oder darin, wie der Mensch mit der Natur umgeht); - im Anthropozentrismus (bezüglich einer Menschheit oder bezüglich des Individuums); - in einer Struktur.

Die Fragestellung nach den jeweils daraus erwachsenden, damit verbundenen Handlungsanweisungen, nach den Kriterien von Gut und Böse und nach Nützlichkeitsbewertungen soll jeweils im Zusammenhang des maßgebenden Aspekts miterörtert werden.

Protagoras: "Der Mensch ist das Maß (metron) aller Dinge; der Seienden, daß sie sind [der Seienden für ihr Sein], der Nichtseienden, daß sie nicht sind [der Nichtseienden für ihr Nichtsein]."

Dieses Fragment - es steht am Anfang von Protagoras' ansonsten nicht überlieferter Abhandlung mit dem Titel "Aletheia" (Wahrheit, im Sinne von Unverborgenheit) - sollte uns nicht so sehr im Versuch eines protagoreischen Nachvollzugs beschäftigen, sondern wir wollten der Frage nachgehen, was dieser Satz für uns an Reichhaltigkeit oder Enge, an Adäquatheit oder Inadäquatheit bezüglich einer Aussage über den Menschen und seine Stellung in der Welt bietet.

Es scheint, daß der Mensch mit diesem Satz in eine besondere Subjektrolle gehoben wird (vor allem als jeweiliges Individuum), vor allem in dem Verständnis des Maßes als Maßstab. Jedoch müßte der Satz sodann eher umgekehrt lauten: Der Mensch ist das Maß aller Dinge; der Nichtseienden, daß sie sind, der Seienden, daß sie nicht sind. Denn in der (arroganten?) Subjektrolle hebt der Mensch die Dinge sie messend erst in ihr Sein.
Diese Subjektrolle verweist aber auch auf die Beschränktheit des Menschen - wenn man beachtet, wie beliebig und damit den Dingen fernbleibend solches Messen ist. Ob diese Beschränktheit positiv oder negativ zu verstehen ist, zwingt der Satz uns nicht auf. Was aber ist das Maß oder der Maßstab für eine solche Aussage.

Wir versuchten, den Satz zu 'übersetzen', alternative Formulierungen für das 'Maß' zu finden. Neben der Akzentuierung als 'Maßstab' diskutierten wir:
- der Mensch ist der Vorsteller ...
- der Mensch ist der Richter ..., der Definierer ...
- der Mensch ist der Existenzgeber ...
- der Mensch ist der Beleger der Dinge mit Attributen
- es ist der Mensch, der alle Dinge mißt
- der Mensch ist der Interpret ... (im Sinne einer produktiven Leistung, die aber nicht die Dinge produziert, sondern eine Art Innenverhältnis)
- der Mensch ist der Werter, der Bewerter, der Beurteiler ...
- der Mensch ist für den Menschen das Maß aller Dinge

Der zweite Teil des Satzes diskutierten wir in Hinblick darauf, ob hier eine Polarität zwischen Sein und Nichtsein angesprochen wäre, oder aber, ob mit dieser Formulierung gemeint ist, das der erste Teil des Satzes in ganz umfassendem Sinne gelten soll.
In diesem Zusammenhang wurde auf ein alternatives Verständnis des Maßes; nicht als Längenmaß wie 'Maßstab', sondern als Volumenmaß, hingewiesen. Der Satz sagt nicht aus, 'wie voll das Maß ist'. Hier wäre eine Entsprechung ausgesagt, die Dinge sind dem Menschen nicht verschlossen.
Dennoch sagt der Satz nichts empirisches aus, gibt eher Antwort auf die Frage: Was ist der Grund der Möglichkeit von Empirie überhaupt?

Schließlich wurde darauf hingewiesen, daß wir in der Auseinandersetzung zumeist das 'ist' des Maßes durch ein Tun stillschweigend ersetzten, was dem Verständnis wohl nicht angemessen sei. Im Verständnishorizont des 'Volumenmaßes' wäre der Zusatz zu dem Postulat 'Der Mensch ist das Maß aller Dinge' in Form von z.B. 'Gott ist das Maß aller Dinge' nicht zwingend ein logischer Widerspruch.

Die weitere Diskussion sollte uns eine Arbeitsgrundlage liefern für die Beschäftigung mit den unterschiedlichen Maß-Setzungen. Weitgehend akzeptiert wurde diese Grundlage in der Interpretation des Protagoras-Satzes, daß das jeweilige Individuum (die Person) als der Maßgeber zu verstehen sei (gemäß einer historischen Entwicklung des Verständnisses von 'Mensch' als Gattungsbegriff hin zum Verständnis als je einzelner konkreter Mensch; die Interpretation des 'Maßes' stabilisierte sich bei 'Kriterium'. Dabei drängte sich jedoch sogleich die Frage auf, wie wir denn vom Subjekt zur Intersubjektivität gelangen können – gerade auch im Sinne der Frage, wie ich aus dem Absoluten solcher Maßsetzung herauskomme. Die Frage aber auch, ob und wie es denn überindividuelle Maßgeber (z.B. Ärzte) geben kann, muß uns noch weiter beschäftigen.

Ist das 'Maß des Menschen' zu verstehen wie: Das Maß der Zeit, das Maß der Länge, das Maß der Kosten; gibt es ein Anthropometer? Stehen hier evtl. die Dimensionen von Raum und Zeit und auch das Körperliche im Vordergrund? Eher scheint es so, daß es ein Anthropometer nicht gibt.
Ist das 'Maß suchen' oder auch das 'Maß haben' in der Natur des Menschen angelegt? Problematisch ist, ob in diesem Zusammenhang die Frage nach der 'Natur des Menschen' der adäquate Ansatz ist: Für das Menschsein scheint zu gelten, daß 'nichts zum Maßnehmen zu haben' bedeutet, in bodenlose Angst zu fallen.
Dennoch scheint es sich auch so zu verhalten, daß das Maßnehmen in bezug auf die Dinge nicht wirklich adäquat gelingt. Die These wird aufgestellt, daß das Inkommensurable (das nicht exakt mit einer Meßeinheit vergleichbare, also das 'Unvergleichliche') als Inkommensurables das Maß des Menschen sei.
So sie auch zwischen zwei Weisen der Variabilität zu unterscheiden: Der Variabilität der Forschung, die in stückchenweisem Vorgehen 'immer weiter' geht, und der Variabilität des Maßes des Menschen, das nicht Fels in der Brandung sondern Brandung sei. In dieser Unterscheidung führe Forschung immer weiter weg vom Ursprung, die Frage nach dem 'Maß des Menschen' aber immer mehr zum Ursprung. Solches 'Denken zum Ursprung' findet sich in unserer philosophischen Gegenwart wohl nur in der 'ontologischen Differenz'.

Gibt es also zu unserer 'Arbeitsgrundlage' des Verständnisses des Portagoras-Satzes – daß der jeweils einzelne Mensch das Maß der Dinge sei – eine Alternative?
Solche kann gesucht werden in Reflexion auf die Alten, z.B. die Ideenlehre des Platon, wo nicht der diesseitige Mensch der Maßgeber ist, sondern sich eines 'vorgegebenen Maßes', der Ideen, bedient; also in der Kulturepoche der Objektivität. Oder sie kann gesucht werden in der 'heraufziehenden' Epoche der Intersubjektivität, wo zumindest der Subjektbegriff verändert ist, Sensibilität für Pluralität und Offenheit für Begegnung geschieht.
Sie kann auch darin gesehen werden, daß mit dem Protagoras-Satz eine Gemäßheit, eine Entsprechung des Menschen zu den Dingen (und umgekehrt) ausgesagt ist. Die Alternative lautet dann lediglich: Ja, es gibt eine. Der Mensch gesteht, daß er lediglich ein Maßnehmer, nicht aber der Maßgeber ist. Die weitere Frage nach dem Maßgeber geht dann aber über den Befund als solchen hinaus in den Bereich der Weltanschauungen (dieses Maß ist Gott, ein Naturprozeß etc.). So muß immer ein Maß angelegt werden, das Messen immer glücken, wenngleich es doch maßgeblich scheitert.

Schließlich beschäftigte uns die Frage nach einer Möglichkeit von verbindlichem Maß ohne Herrschaftsaspekte: Könnte dies vergleichbar der Stimmung eines Instrumentes in sich, wo kein Ton die Vorherrschaft besitzt, zu verstehen sein?