Die Projekte Philosophischer Gesprächskreis

Archiv Gesprächskreisprotokolle: 2003


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Zyklus Leben
Zyklus Was ist ein gutes Leben?


Leben


Ankündigung

Diesmal statt eines Ankündigungstextes eine Graffitti

Diskussionsverlauf

Von Beginn der Diskussion an wurden Zweifel laut, daß man nicht einfachhin von 'belebter Materie' sprechen könnte.
Materie, die lebt, ist ?
Auftrennung Materie – Leben (als spezifischer Bewegungsgrund) ist kein Bestandteil unserer materiellen Welt
Materie als spezifische Form von Leben
Bezüglich der Unterscheidung von belebter und toter Materie: Was nicht gelebt hat, das kann nicht tot sein
Unterscheidung organisch – anorganisch sinnvoll?
Erst Materie, dann 'eingehauchtes' Leben, oder: Erst denkender Mensch, Leben-Mythologie, dann Annahme einer materiellen Vorgeschichte
Leben, verstanden als Geschichte der Materie (Entdeckung dessen, was verfügbar ist) wird zu Material
Leben ist Ursache (nachgeordnet die Unbeantwortbarkeiten: Vom Nichts zur Materie, von der Materie zum Leben)
Angst – Instrumentalisierung – Respekt (als 'In-Ruhe-lassen') wären die Schritte menschlichen Weltverständnisses
Probleme: Woher kommt der Status Quo? / Es besteht Notwendigkeit eines umgebenden Öko-Systems
Einengung des Lebensbegriffes auf das Materieattribut aus Machtinteresse – weiter Lebensbegriff, der Respekt gegenüber Materiellem überhaupt mit einschließt; vitalistische Position, die versucht, Lebensformen weitestgehend zu verstehen (Respekt)
Steinbeispiel: Verhaltensimplikationen sind ein Problem; welche 'Relevanz' hat Status Quo? Ist das jeweilige Jetzt das Kriterium für die 'Einheiten' des Lebens?

Scholastik: 4 Essenzen und Quintessenz für Bewegung

Lebens-Kriterien: Selbstorganisation, Selbstreproduktion, Ressourcenverbrauch, Stoffwechsel (alle müssen erfüllt sein)
Autopoesis (Problemfälle: Kristalle; Vulkane > Gaia)

Frage nach dem initialen Organisator

Leben als Strecke zwischen Anfang und Ende; besteht nicht aus Bausteinen, sondern aus Inhalten
zu Leben gehört Individualisierung

These: Hauptsache, das Leben überlebt (ob Wurm oder Vogel ist egal)

Wie es Gravitationsfeld, Magnetfeld etc. gibt, so auch 'Lebensfeld'?

Evidenz bzgl. Frage Was ist Leben?: Ich lebe; kann darüber berichten (Bewußtseinsaspekt)
Unterscheidung: Lebendig-sein – sich lebendig fühlen
Heideggers Dasein als Vollzug (Innenperspektive)
Der ganz andere Bereich: (Außenperspektive) Zellteilung läuft 'unabhängig davon' ab
Die Innenperspektive sind wir doch eigentlich

Sloterdijk: Den lebendigen Körper als Weltführer entdecken
primäre Körperlichkeit(besser Leiblichkeit – etymologisch zu 'Leben') bislang zu kurz gekommen (?)
Leib als Grenz-Begriff – Geist verweist hingegen auf Grenzenlosigkeit (>Respekt)
Körperfeindlichkeit der Tradition einerseits – 'Lebens'interessen der Aufklärung andererseits

Erleben vs. Stoffwechsel: zwei Ebenen, die unabhängig voneinander parallel ablaufen (?)
Alles, was lebt, kann erleben – alles, was erlebt, muß leben
'Animierung' durch Um- und Außenwelt (diese also auch animiert (?))
Unterscheidung: Erleben, Sensorik, Sinnlichkeit – Bewußtsein

Lebensbegriff rekrutiert sich (inhaltlich) aus welcher Kultur?
Auch: Wie lauten andere Lebensbegriffe als der neuzeitlich-abendländische? (Können wir darüber überhaupt sprechen?
Problematik des Anthropomorphismus

Die einfachere Variante wäre: Alles lebt bzw. Nicht-Lebendiges ist die Ausnahme
Dementgegen: Plädoyer zur Herausarbeitung von Differenzierungen und Unterschieden: Leben ist ohne Denken – Denken ist ohne Leben; zwei Welten im Funktionsunterschied (Funktionen, die sich verselbständigen). Gegenständigkeit von Erleben und 'Gedanken machen' (Popper: Theorien statt Menschen sterben lassen). - Denken als Erleben des Erlebens?

Leben: Ich und Welt sind schon vermittelt; dies vollzieht sich über den Leib und ist auf Kommunikation angelegt

Zugang zu 'Lebensverständnis: Zunächst Neugier, dann Interesse (Lebens-, Menschheits-, Zivilisationsinteresse), dann Macht/Manipulation (z.B. Gentechnik)
Problemfeld: Mathematisierung des Lebens (Mechanisierung, Vertechnisierung und Verbürokratisierung des Lebens und Lebensverständnisses). Demgegenüber: Begriff der Dezentrierung; Pluralität der Plausibilitäten; Ansatz der Phänomenologie (Beschreibung erhält Vorzug gegenüber Wertung)

Relativierung des Lebensverständnisses in Grundgesetz (andere Werte höher?)?

Christliches Lebensverständnis: Tabu der Infragestellung: Leben ist endlich, Leben ist gut

These: Leben ist keine Strategie der Natur
Nach der Frage 'Was ist Leben?' Und vor der Frage 'Was macht das Leben?' die Frage: Warum lebe ich weiter?:
- Angst vor dem Tod (Tod mit dem Leben im Spiel; unnatürlicher Tod mit dem Denken im Spiel)
- Beliebig, aber biologisch
- Frage-Antwort- Dynamik als reflexiv-lebendiger Lebensvollzug
- Erwartung, Hoffnung auf Glücksmomente
- Neugierde

Nochmals Unterscheidung Leben – Denken (oder: Leben ist keine Strategie der Natur, oder: Was gehört alles nicht zu 'leben'?)
Gedanken fallen immer zurück auf Gedanken; Operation des Denkens immer geschlossen – assoziiert doch aber Erlebtes, Erlebnisse
Ist die Identifikation von Organismus/Biologie mit Leben so gerechtfertigt?
Individualitätsbegriff und 'Gaia' als 'Über'-Subjekt
Was ist Organismus? (Leben – Leiben)
These: Lebensfeld bringt Menschen zum Denken; dabei Unverfügbarkeit des Lebens
Begrenzte Macht der einzelnen Sphären (Funktionsweisen) Leib und Denken
These: Leib ist für das Leben der Wirt wie das Schwein für die Trichine

Leben als Bewegung; Starre ist lebensfeindlich
Energiebegriff dynamischer als Leibbegriff

Exkurs: Evolutionstheorie und Theorie vom Mem (Dawkins – Das egoistische Gen)

Begriff der Nachträglichkeit (Freud)

Begrenztes Leben (Realismus) – ewiges Leben (Lebensphilosophen; Schopenhauer, Nietzsche)

Differenzierung: Individualität – die Anderen
Oszillierende Begriffe Leben - Biographie
Weitere mögliche Betrachtungs- und Interpretationsaspekte: Organgeschichte, Pathogenese, Sozialität

Der Mensch muß leben, obwohl die Wissenschaft es noch nicht geschafft hat, ihm die Welt zu erklären
Wissenschaft muß simplifizieren, aber dabei darf man auf die Zwecke nicht vergessen

Leben und Grenzen:
Sinnhaftigkeit der Abgrenzung von Individualität (Wo, Wann, Warum?)
- Gleichheit bei Zellteilung (kein Eltern-Verhältnis)
- Schuldloses Machtverhältnis bei Geschlechtstrieb
- Verantwortliche Problematik des Nichtvorragns des Seins gegenüber dem Nichts beim Menschen – Herausfallen aus der Natur? > Moralität

Kinderkriegen: Ja oder Nein als philosophische oder private Fragestellung?
Hans Jonas: Kriterium für Moarlität: Zukunft soll möglich sein - Auseinanderhalten von meiner und der Gattungszukunft
Kriterien lebenswerten Lebens – Welcher Begriff kann höher stehen als Leben?
Zufall der Individualität (?)
Kinder als Bestandteil eigener Individualität?
Moralität erfordert den Anderen, kann deshalb nicht gegen Fortpflanzung sein

Protokoll vom 21.5. - Leo Allmann:

Beim vorigen Gesprächskreis wählte ich als Einstieg den Versuch eines Überblicks über das Thema - nach folgendem Schema:
Übergeordnete Alternative: Lebenskunde (Theorie) / Lebenskunst (Praxis)
Alternative zur Lebenkunde: Lebensforschung (Biologie) / Lebensbeschreibung (Biographie)
Alternative zur Lebenskunst: Technische Lebensmanipulation / Ethische Lebensweisheit
Als Gesprächseröffnung gab ich dann den "feinen" Unterschied der folgenden beiden Fragen zu bedenken:
(A) Wie funktioniert das Leben?
(B) Wie gelingt das Leben?
Das Gespräch tendierte dann doch wieder vor allem zur naturwissenschaftlichen Fragestellung: Wie entsteht Leben? Wie entsteht Bewusstsein?
Im weiteren Verlauf wurde auch der Thematik eines geregelten Zusammenlebens einige Aufmerksamkeit gewidmet.
Beim nächsten Mal werde ich vielleicht den besagten "feinen" Unterschied in die Form der beiden folgenden Fragen bringen:
(A') Was ist Leben in der Außenperspektive, d.h. wie wird es physisch-essenziell "vorgefunden"?
(B') Was ist Leben in der Innenperspektive, d.h. wie wird es psychisch-existenziell "erfunden"?


'Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?'
Als Basis ist es wohl am sinnvollsten, vom eigenen Leben auszugehen. Ist diese Position aber voraussetzungslos?
Ich wohl nicht bedingungslos, aber unhintergehbar, wenn man es 'hat'. (Gibt/gab Kulturen ohne Ich-Begriff.) Zusammenhang Ich-Freiheit (des Handelns und des Urteilens). Bedeutung des Denkens als Probehandeln – Welt entwerfen und sich der Frage stellen, wie das dann umzusetzen ist.
Tendenz zur Verdrängung / zum Verstecken des Ich > Man.

Unterschiedliche Ich-Begriffe:
- Aufklärungs-Ich, das aus selbstverschuldeter Unmündigkeit treten will > Neues Gesellschaftsmodell
- Z.B. Nietzsches Kritik daran: Diese Ich gibt es nicht; gibt kein 'starkes Ich', sondern nur 'schwaches Ich', das innerweltlich und mit Körper besteht.
Wie ist das 'schwache Ich' zu verstehen: Auch in Bezug auf seine Selbstverwirklichung; im positiven Sinne 'ausgeliefert'; Akzeptanz der Unverfügbarkeit.

Was sind die Bedingungen gelungenen Lebens?

These: Krise tritt ein, wenn man gegenwartsbewußt wird.

Grenzen des Lebens: Anfang und Ende
Gibt es etwas vor dem Leben: Kein Anfang (Schoopenhauers Wille) – ein Anfang, aus dem heraus alles Leben als gleiches in allen Lebewesen – mehrere Anfänge, mehrere Lebensstränge
Ist Leben selbst historisch?

Bzgl. Erkenntnisrelativismus: Hinweis auf Relativität der Aussagen über Leben oder selbst Lebens-Ausdruck

Im Zusammenbruch des aufgeklärten Rationalismus wird Leben im 19. Jh. Thema als Irrationales, Dynamisches, nicht einem Regulativ Unterliegendes

Philosophische Haltung wäre Aushalten des Spannungsbogens, den die verschiedenen Perspektiven aufbauen (auch: Kommunikationsaspekt)

Wie bleibt Leben abzugrenzen gegenüber Sein?
Wie bleibt Leben abzugrenzen gegenüber Materie?


Was ist ein gutes Leben?


Ankündigung

Im Horizont unserer umfassenden und zunächst allgemein gehaltenen Fragestellung zum Thema Leben wollen wir im Herbstzyklus die ethische Seite problematisieren: Mit der Frage

Was ist ein gutes Leben?

assoziieren wir sowohl menschenumgreifende, Objektivität fordernde Begriffe wie Entwicklung - Reife, Ziele – Zwecke, Kriterien – Normen – Maßstäbe, als auch beschreibende, aus der Individualität sich erhellende Aspekte wie Biographie, Vita oder die Spezifika der einzelnen Lebensphasen.

Diskussionsverlauf

Gut im Sinne von richtig, oder im Sinne von 'Was mir gut tut'

Gut zwischen anständig (guter Mensch) und glücklich (gutes Essen)
stimmt die Gleichsetzung anständig – selbstverleugnend?

'richtig' zu objektivistisch; 'gut' ethisch und ästhetisch / gut nicht gleich lieb

gut als sinnvoll: Leben, das Sinn macht; gelingendes Leben; sich absetzen von Vorgegebenem (der Erfolgsethik)
Sinn macht, was sich den objektiven Mächten entzieht

'Gutes Leben führen' ist aktive Frage – Lebensklugheit, eigene Sinnsetzung
Horizont der Nützlichkeit – versus sinnvolles Leben ?

Stoiker: Wohlverhalten über Wohlergehen

Historisch: Das Gute hat Katastrophen herauf beschworen, weil es verdinglicht wurde

Sich nicht leiten lassen von kategorisch Gutem – Wo ist der Maßstab? (z.B. kommunikativer Prozess)

Bisher zu viel Bewertung von Verhaltensweisen

Umformulierung: Welche Kriterien für gutes Lebensgefühl, denn Leben nicht Zustand sondern Prozess; Prozess aus Suchen und Ankommen im Wechselspiel – gutes Lebensgefühl in Synthese
Nicht Ankommen-können: in philosophischen Ambitionen; in moderner Erlebnisgesellschaft

Subjekt-Objekt-Beziehung:
Gut handeln – dem Objekt tun
gut gehen lassen – vom Objekt erleiden

Gadamer: Gutes Leben – Aufgabe des Heimschwerdens in Welt und bei sich selbst

Idealbegriff Heroik? Macht sich fest an Konventionen
Gibt nur gutes Leben; alles andere wäre inkonsequent (Aristoteles: Gut ist, wonach alles strebt)

Gegensätze: gut – schlecht; gut – böse

Bedeutung materiellen Wohlstandes für Glück und gutes Leben

Wie gehören Glück und Autonomie zusammen? (u.U. Überhaupt nicht)

Muß man das Gute wollen, um Gutes zu erreichen?

Gutes Leben unter Kriterium von Reflexion und Läuterung (im Horizont Freiwilligkeit)
Gutes Leben, das sich selbst befragt oder nicht
Zusammenhang?
Korrektur der eigenen Lebensabläufe / Klugheit, die jeder hat (?)

Dimension, in der die Frage nach dem guten Leben gestellt wird ( menschlich; kosmisch)
Horizont Weltbürgertum; kosmopolitische Vernunft
Welche Aufgabe hat der Mensch?
Bedingtheit des Einzelnen (und umgekehrt)
aber: Leben nicht als gegeben, sondern als aufgegeben zu sehen

Findest Du Deine Handlung gut? Brauche Argumente, die historisch unterschiedlich ausfallen können

Traditionell: Identität gut, Widerspruch schlecht

Frage nach gut und schlecht nur in konkretem Zusammenhang, nicht prinzipiell sinnvoll zu lösen

Wertmaßstäbe sind auch interessant, wenn ich nicht so vollkommen bin, sie zu erfüllen
Was wäre gut? – Bestandsaufnahme meines Lebens
Wertmaßstäbe aufrecht zu erhalten, auch wenn man sie nicht immer durchsetzen kann

Wahrheit als moralische Kategorie, oder kommunikatives Element wie Plausibilität, Kohärenz

'Gut' abhängig vom Unrechtsbewußtsein

Guter Erfolg unter dem Kriterium, dass ein guter Wille, eine gute Absicht dabei war (?)

Ist klar, dass mit gut immer das sittliche gut gemeint ist?

Gut und Leben eigentlich nicht vereinbar (?) z.B. das Zoon hinter der gepuderten Vita

Setzen das Leben als Wert, alles Leben gleichwertig, Gutes als rein, unberührt, unbearbeitet
aber das gute Leben doch etwas, darum es sich zu bemühen gilt (Kultivierung)

Reflexionen zu 'Mein Bauch hat auch nur Scheiße im Kopf'
Fatalität: Nach Schieße im Kopf auch die Alternative nicht 'gut'
alternative Interpretation: Kopf weiß nicht weiter, klopft bei Bauch an; mit dem ist heute auch 'nix anzufangen', hat auch nur Lust, hat auch nur Schieße im Kopf
- nicht geht glatt, kein Ideal, kein Gefühl ist Fels in der Brandung
- Scheiße ist Zwischenprodukt; Dünger

schlechtes Leben: Wenn ich mir nicht mehr traue
im gesellschaftlichen Horizont der Entfremdung: wenn Fühlen und Denken zusammenstoßen im Impuls (es passiert etwas mit mir): so will ich nicht mehr leben, da spiel ich nicht mehr mit, da (vielleicht) beginnt das gute Leben

Das gute Leben ist jetzt, wenn auch vielleicht nur in Fragmenten
default-Zustand: Sein bestimmt Bewußtsein; wie kann das gekippt werden? (was sind die Gründe für das Nein-sagen?)
Handeln durch Leiden motiviert; brauche aber neben dem Leiden noch Motivation; Körper alleine langt nicht, brauche Phantasie; moralisch gut ohne eigenes Wohlbefinden gelingt nicht