Die Projekte Philosophischer Gesprächskreis

Archiv Gesprächskreisprotokolle: 2004


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Zyklus Freiheit
Zyklus Das Ganze


Freiheit


Ankündigung

Ausgehend von der Aufforderung, Argumente für und wider einen freien menschlichen Willen zu finden und gegeneinander abzuwägen, entschieden wir uns für die 'freieste' Formulierung unseres neuen Diskussionsthemas, also:

Freiheit!

Handelt es sich um eine Illusion, ein Ideal oder doch um einen realistischen Begriff? Wie und wo läßt sich der Begriff phänomenologisch fassen? Diese Fragen können nur ein Anfang, dürfen keine Beschränkung der Diskussion sein.

Diskussionsverlauf

Ist Freiheit menschlicher Begriff oder kann er weiter gefasst werden?
Freiheit benötigt Definition (?)

Es ist kein Widerspruch, Freiheit und Bedingtheit zusammen zu denken

Freiheit ist Illusion – Eindruck der Gelassenheit bei Menschen, die sich ins Außen eingefunden haben / 'Freiheit zu ...' ist Betrug
es steht mir auch nicht zu, zu tun und zu lassen, was ich will
Aber: Freiheit heißt auch nicht Allmächtigkeit
Kontextgebundene Freiheit; Freiheit = Spielraum
Freiheit als Idealbegriff unbedingt, als Freiheitsgrad nicht

Menschen verhalten sich nach Regeln, Tiere nach Gesetzen
Regelverstoß setzt nicht Regel außer Kraft
Regeln nicht aus Natur ableitbar, deshalb im Kontext von Freiheit
Freiheit ist Voraussetzung für Verantwortung

Freiheit im Unterschied zur Willkür

Fragen der Wissenschaftler immer nach Bedingungen (Methodenzwang) können nicht auf Freiheit kommen

Freiheit ist, dass das Gehirn die Illusion Freiheit zulässt

Unterscheidung Bedingtheit (Möglichkeiten) – Ursache (Nötigung)

Freiheit anbinden an Identität der handelnden Person
Distanzierung – Antwortgeben-Können gegenüber bloßem Reagieren

Unbedingtheit im Erleben des Freiseins im Erwachsenwerden
Durchbrechen des Ich > Verantwortung und Schuld, wenn es schief geht
Parallelität Befreiung von Neurose; in psychoanalytischer Therapie beginnt Heilungsprozess mit der Übernahme der 'Schuld'

Die Idee der Freiheit ist das Umgehen mit Grenzen oder: Freiheitserlebnis in Auflösung des Ich

Sich frei fühlen – sich von Gefühlen befreien

Kritk am Bisherigen: es fehlen zumeist die anderen; will doch meistens etwas mit den anderen, nicht gegen, nicht ohne sie
aber: auch das geht doch vom Ich aus (?)

Begriffspaar Wollen/Müssen als reales Feld der Freiheit
Psychologie: Was du als Müssen empfindest, das willst du ja (> bringt ihm u.U. Freiheit (der Änderung))
Neurobiologie: Du denkst, du willst das, aber eigentlich musst du
Aber: das ist als Aufklärungsarbeit auch Befreiungsbewegung

These: Wir leben in Kontrollgesellschaft (Herbert Marcuse: Wahre und falsche Bedürfnisse) Wie entsteht das? Wie ist Aufbrechen des Verblendungszusammenhanges möglich?
Wenn man Zeit sich nähme, Vernunft für sich zu gebrauchen(über sich nachdenken), würde der Verblendungszusammenhang auseinander fallen; Furcht vor der Aufdeckung des Verblendungszusammenhanges
Furcht vor der Freiheit als Beginn der Möglichkeit der Kontrollgesellschaft
Um Glück zu erleben, muss ich aus Kontrolle herauskommen; zentral: Akt des Widerstandes
Gibt es auch kollektive Formen von Individualisierung?

Möglichkeit: auf Egoismus vertrauen mit Zielvorstellung 'besonnener Egoismus'; Ich wächst über sich hinaus in Verantwortungsübernahme

Gibt keine Befreiung in Sicherheit

Freiheit als anthropologische Fundamentalkategorie / Freiheit als regulative Idee

Mensch braucht Grenzen / Gebote; dazwischen spielt sich Freiheit ab

abstrakte Freiheit – führt in Absurdität
konkrete Freiheit – subjektiv

konkret ist die Unfreiheit – affirmatives Freiheitsverständnis ist gefordert
kann Freiheit nicht durch ihr Gegenteil definieren

Freiheit zentral als Freiheit zu (?) (dann sekundär als Freiheit von)

Freiheit nicht als Aufzählung unserer Handlungsmöglichkeiten, sondern als Fähigkeit des Auswählens aus diesen Möglichkeiten

Freiheit von / Freiheit zu / Freiheit für
Das Wollen wollen, das Wollen nicht wollen
Wollen als Apriorisches außerhalb der Diskussion (?) 'Was wollen' ist die Frage

Wann/Wo fühle ich mich unfrei? Wann/Wo fühle ich mich nachhaltig unfrei?
Wovon will ich nicht frei sein? Wofür will ich nicht frei sein?

Bildung als Bedingung von Freiheit (Vossenkuhl)?
Fängt Freiheit erst beim Menschen an?

These: Freiheitsakt heißt: Etwas schaffen, das es in der Natur nicht gibt (Werkzeug, Plan)

Freiheit entspringt aus Unfreiheit – Freiheit als von vornherein freigelasssenes

Wie kommt meine Zustimmung zur Regel zustande?

Verwobensein von Freiheit und Verantwortung
Übergeordneter Begriff: Schutz des Lebens

Erziehung: Auch ein antiautoritär erzogenes Kind ist Kreation seiner Eltern

Bedingung Freiheitsfähigkeit (Respekt vor Freiheit des anderen)
aber: Freiheit ist doch Vermögen

Wollen und Müssen:
Schüler müssen wollen, Erwachsene wollen müssen

Freiheit im Wählen oder Freiheit im Wählen des Guten?

'Können' als Ausdruck der Freiheit (statt wollen, sollen, müssen)

These: Wir sind nicht frei, wollen aber frei sein, oder: Wir sind frei und tun alles, um Freiheit nicht anzuwenden

Freiheit zum Bösen?
Freiheit als Bewegung (vom Bösen zum Guten); Ausgangspunkt der Bewegung ist das Wozu
Freiheit von Schmerz

Pluralismus der Universalismen
Freiheit als Bedürfnis der Grenzüberschreitung
Ist Wahl des Guten unter diesem Gesichtspunkt auch Freihit?

Außermoralische und moralische Seite der Freiheit

Unterscheidung Pflicht (kann mich befreien) – Notwendigkeit (kann mich nicht befreien)

Kann man sich freien Willen überhaupt vorstellen?
Deontologisches Denken / Handeln – Reagieren auf Gegebenheiten
demgegenüber Aristoteles: Vernunft gebiert Gedanken, der handlungsbestimmend wird (freier Entschluss), Zweck ist das gute Leben

Was ich kann, darf ich nicht; was ich darf, kann ich nicht – deshalb bin ich unfrei

Freiheit als normativer Begriff oder als Gefühls-/Erfahrungsbegriff?

Freiheit und Unfreiheit haben mit Bindung zu tun; Freiheit ist rationale Entscheidung, woran ich mich binden will

Freiheitsbegriff ist evolutionäre entstanden – wahrscheinlich funktionslos (wie Blinddarm)
gerade denken macht unfrei – Vogel ist frei, denkt es aber nicht

Sind wir in den letzten 50 Jahren freier geworden? (> Widerspruch: Kontrollstaat)

Wortstamm frei > prey – lieben, der Freier

Menschen wollen nicht statische Freiheit sondern Lust und Genießen


Das Ganze


Ankündigung

Im Herbstzyklus werden wir aufs

Ganze

gehen. Ist es die Summe seiner Teile? Ist es mehr? Ist es ganz einfach? Strotzt es von Komplexität? Ist es das Wahre (Hegel) oder - ganz im Gegenteil - das Unwahre (Adorno)? Ist es weise, immer nach dem Ganzen zu streben (Schiller)? Oder ist das unverantwortlich (Jonas)? Ist alles nur am Anfang ganz (heil)? Oder wird es das erst am Ende sein? Wie ganzheitlich ist Totalitarismus? Was soll das Ganze: das Leben, die Welt? Wann geht's ums Ganze: um Sein oder Nichtsein? Kann etwas ganz verkehrt (nichtig) sein? Kann man ganz tot (vernichtet) sein? Kann uns das Ganze ganz egal sein? Oder ist alles ganz anders?

Diskussionsverlauf

Modisch ist es, Dinge ganzheitlich anzugehen, sei es unter dem Begriff des Holismus (dieser steckt auch in Katholizismus) oder in der Form des naturwissenschaftlichen Monismus. Dem steht postmodern der Pluralismus/Perspektivismus entgegen: Es ist nicht mehr, wie bislang, möglich, alles unter ein Leitmotiv zu stellen. Z.B. meint auch die Systemtheorie, dass Elemente und Relationen ein System ausmachen.

Soll das Ganze und das Wesen des Ganzen unterschieden werden?

Es ist völlig offen, wie das Ganze anzugehen ist; das Ganze ist zunächst das Unbekannte schlechthin.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile,
das Ganze ist etwas anderes als seine Teile (kann es deswegen etwas Beliebiges sein?).
Das Ganze ist eine Singularität, aber gibt es sie?

Es sei an der Zeit, einen neuen Blick auf das Ganze zu werfen – ist das Ganze historisch?
Kann man überhaupt ' einen Blick auf das Ganze werfen', es ist doch keine Beobachterstandpunkt außerhalb möglich?

Mystiker: Empfindet sich als Teil des Ganzen, wobei es keinen Wesensunterschied zwischen Teil und Ganzem gibt.

Das Ganze als Kataster der Dinge und ihrer Relationen – Was bleibt draussen? (z.B. Das Denken, das Träumen)

Was heißt: Das Ganze ist? Kommt dem Ganzen Sein zu?
Wenn, dann höchstens zu früheren Zeiten; Frage als Frage nach der Attributierung

Wesentlich ist der Status des Ganzen: beruht auf einem zentralen menschlichen Bedürfnis der Imagination (der Einheit)
Begriff der Differenz: Verändert Differenz permanent den Status des Ganzen?
Das Ganze als Struktur gebendes, Einheit herstellendes; keine Grenze zu etwas anderem
Hegel: Differenz wird geschluckt von Einheit; heute: Differenz ist das Ursprüngliche

Das Ganze als Möglichkeit

Wie organisiert sich das Ganze als offenes? Wie organisiert sich Vielheit? Wie organisiert sich das Ganze als Pluralität?
Kant: Gibt nicht das Ganze der Vernunft, sondern theoretische, praktische und ästhetische; Ganzes muß sich als offenes organisieren; Offenheit zeigt sich in Diskurs, nicht in Unabgeshclossenheit z.B. eines Bauwerks

Wittgenstein: Die Welt ist alles, was der Fall ist; also nicht alles – läßt eine Option offen

Ganzheit als Unmöglichkeit von Überraschungen
Gefühl des 'Es gibt nichts Neues'
Kafka: Es gibt nur das Ziel, der Weg ist Zögern; aber Ziel als 'vor Geheimnis stehen', nicht aus der Irre herauskommen, sondern in der Irre wandeln; Gegenteil: Godot-Zustand, Fertig-Sein

Das Ganze ist nicht das Fertige (und war nicht das Fertige/Heile)

Das Ganze als das Eine war und ist immer eine Form von Gewalt (z.B. in metaphysischer Ontologie)

Das Ganze existiert nicht, insistiert aber permanent

Postmoderne als Akzeptanz des 'unheimlich viel'; Kritik: Künstlich gehaltenes System von Offenheit

die Unendlichkeitsfrage

Darf/soll man von 'Ein Ganzes' extrapolieren auf 'Das Ganze'?

Drittes neben 'das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile' und 'das Ganze ist etwas anderes als die Summe seiner Teile:
Das Ganze ist einfacher als die Summe seiner Teile
Uhrbeispiel: Muss doch jemand gemacht haben; und: Uhr, die erst mit dem letzten eingesetzten Teil ist und sich als Einfaches zeigt
das Ganze, das als sinnlos erscheint, bis ...

Glaube: als Vertrauen (situativ) oder geschlossenes System fürs Ganze