Die Projekte Philosophischer Gesprächskreis

Archiv Gesprächskreisprotokolle: 2010


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Zyklus Wozu brauchen wir die Krise?
Zyklus Identität


Wozu brauchen wir die Krise?


Ankündigung

Wir leben in einer Zeit nicht wirklich absehbarer und von da her gefährlicher Entwicklungen. Dabei nimmt die Anzahl kritischer Situationen zu.
Mehr und mehr steht nicht nur das Ganze der Welt auf dem Spiel, sondern womöglich auch das Humanum selbst.

Wozu brauchen wir die Krise?

Diskussionsverlauf

Sind wir die Krise?
> Natur + zu kritisierendes (= Mensch) vs. In der Natur an sich auch Krisen (Ist 'Beuteschema' schon Krisenhaftes?)
Tiere können nichts aus Krisen lernen

Krise = Ausnahmezustand?

Ich will keine Krise / Gilt das auch im 'Wir'?

Krise und Krankheit (Krise in Doppelbedeutung Gefahr und Chance)
Meister Eckhardt: Leiden ist das schnellste Pferd zur Vollkommenheit
Bedauerlich genug, dass man das Leiden durchstehen muss (destruktiv / konstruktiv)

Krise am Anfang aller Kulturentwicklung
Krise als Aufgabe / als Bewährungsprobe, Gewohnheiten durchbrechen müssen

Braucht Krise, um die auszusortieren, die sich nicht ändern wollen
Systeme sind so groß, dass sie nicht mehr handlebar sind

Krise durch Eingehen eines Risikos über die Fähigkeit
Krise entsteht aus Eigenblindheit

Wachstumsideologie ist nicht abbremsbar – muss zum Kollaps kommen

Bedeutung der Angst (aus Ungeborgen-Sein)
Gier aus Angst – Nicht aufhören können wollen
Angst zu unterliegen

Summation von Krisen (Finanz, Wirtschaft, Politik, Umwelt, Klima)
Krise des Humanen: Auf Lügen aufgebaute Gewinnmaximierung
lassen wir durchgehen ('a Hund is scho')
Akzeptanz der Partikularinteressen
Hinschauen und ehrlich werden
Fehlen moralischer Grundsätze / keine Ausrichtung außer Gier

Standort des Menschen

1. Wenn auch trivial, philosophisch bedeutsam: Wunsch des Krisenlosen
2. Krisen passieren aber
3. Krisen brauchen wir als Warnung vor Hineingleiten in größere Krisen / Katastrophe

Krisen brauchen für künstlerisches Schaffen
Krisen brauchen für Formung des Charakters
aber ist das auch gut so?

Präsens des Brauchens – Notwendigkeit des Positivdenkens
Futur des Brauchens – will niemand / aber unter Lernaspekt hieße es: ich will nicht mehr lernen

Krise als Nicht-mehr-selbständig-herauskommen-können

Fehlt das Besinnliche, aber die Besinnung führt gerade zum Krisenbewusstsein

System der Banker / Beschleuniger
System der Beamten / Bremser, Entschleuniger

Exkurs 'Ist-so-Behauptungen' (heute ist es besser / wir leben gesünder …) > setzt Sollensvorschriften

Krise als Kontrapunkt zum Erfolg / gibt Zeit zur Überlegung; Aufforderung zur Überlegung über meine Aufgaben
Erfüllen die Organisationen ihre Aufgaben? Interessenkonflikte

Prometheus: Technik bringen, dafür Voraussicht verlieren (als Strafe der Götter)
aber Technik ist doch auf Vorhersehbarkeit gebaut / aber nicht auf jede beliebige Zukunft (wie Hans Jonas: Zukunft soll möglich sein)

Passiert nur etwas, wenn Änderung der Geisteshaltung und direkte Betroffenheit zusammen kommen
Aber: zwischen 1 und 5% verursachen, womit die restlichen leben müssen

Sinnhaftigkeit der Fragestellung?
Wie in Psychotherapie – selbst inszeniert um …

Ist-Soll-Überprüfung steht an
Reaktion in Bezug auf das eigentliche Ziel ist gefordert
aber auch momentane Ausweglosigkeit

„Es passieren Sachen, die hätte ich nicht erwartet“

Zusammenhang Krise – Glück-Unglück

Problem der Beschränkung auf subjektives Erleben?

Gibt es qualitativen Unterschied zwischen Weltkrise und persönlicher Krise?
(Weltkrise als Krise des Geistes (des Materialismus), daran je persönlich beteiligt)

Möglichkeit des Optimismus (ist gut bzw. ich kann bewirken) oder Pessimismus (Aussteiger / kann nicht bewirken, mache anders) bzgl. System

Infragestellung des Wertesystems, das mich in die Krise geführt hat
Was haben wir vergessen, was haben wir nicht gewürdigt?

Wo zwischen konkret (Finanzkrise) und allgemein (Weltkrise: wäre besser, wenn das Sein nicht wäre) ist die Krise zu verorten?

Wer gewinnt an der Krise?

Krisenkern Egozentrismus?

Die Krise im Sinne der Frage wäre das Tor, durch das der Philosoph seinen Ball (seine Antwort) wirft (?)

Wenn der Staat ein Individuum wäre, dann wäre es verschuldet, konsumsüchtig, workoholic

Wozu brauchen wir die Krise? - Um philosophisch zu werden

Gibt es einen gerechten Zorn? Berechtigten Zorn?
Wie äußert er sich? (z.B. Argentinien 92; Franz. Rev., Russ. Rev., Springer)
Ist reflektiert, strategisch
Historische Bedingungen des Gerechtigkeitsbegriffs

Wenn es schon nicht allen gut geht, soll es wenigstens allen gleich gehen – Anlegen eines Maßstabes

Prigogine: Krisenbegriff in offenen Systemen (Physik), aber nicht auf soziale Systeme übertragbar

Wo fängt Krise an? Nicht dort, wo wieder bei Null angefangen werden kann

Gibt es einzelne Verantwortliche oder befinden wir uns in systemischen Zwängen?

Machen wir (der Kreis hier / die Philosophen) uns unsere Krise selbst?

Krisenagenten, de Unruhe ins System bringen (die Krise ist eigentlich der Stillstand)

Philosophische Sinnfrage abgelöst von konkreter Situation > Krankheit der Philosophie

Krise der Philosophie weil Magdcharakter (der Kirche, der Mächtigen, der Wirtschaft)

Unverstehbarkeit von … Quantentheorie, Computer > Krise / ausgeliefert sein
Folge daraus?

These: Materialismus ist schuld an der Krise
Respektieren nicht nur des Lebendigen, nicht nur des Natürlichen (Panpsychismus)
Wettkampf zwischen Weltzerstörung (Materialismus) und Empathie

These: Staatliche Ordnungen sind gefährdet – durch technische Möglichkeiten, die nicht mehr kontrollierbar sind
Wirtschaftsbetriebe fordern vom Staat diese Strukturen ein (Energie, Kommunikation etc.), obwohl sie selbst äußerst bedacht sind auf ihre Ordnungsstrukturen

Krise aus Problematik von Mehrheitsverhältnissen

Krise aus Selbst-Infragestellung der eigenen Grundlage
z.B. Demokratie fußt auf Autonomie des Einzelnen
Wissenschaften zeigen auf, dass es diese Autonomie nicht gibt

Kultur der Angst (USA, Europa, Japan); Kultur der Demütigung (Arabien); Kultur der Hoffnung (China, Indien)


Identität


Ankündigung

Wir werden uns immer unübersichtlicher. Innen und außen umgeben uns erlebte Feinde.
Wer kommuniziert wie mit wem?

Identität,

die Möglichkeiten und Grenzen der Eigenbestimmung, die Gefahren des Verkommens zur Ware, auch die zunehmenden Aspekte der Grenzauflösungen des Eigenen - schließlich fragen wir sogar nach dem Wozu von Integrität und Selbstverwirklichung.

Diskussionsverlauf

Identität: etwas Selbstverständliches oder gar nicht existent?
Bei z.B. einer Patchwork-Identität (abgeleitet aus der Patchwork-Familie) kann man eigentlich gar nicht mehr von Identität sprechen, da der 'Identitätswechsel' tiefer greift, denn ein Rollenwechsel.

Moderne Identitätsproblematik wurzelt bei Freud und dessen 3-Instanzen-Modell

In der modernen Literatur Max Frisch als der hervorstechende Autor, der dieses Thema zu seinem macht (historischer Vergleich: Grimmelshausen, Goethe); gegenwärtig kein Autor mit solcher zentraler Thematik (evtl. Charlotte Roche – Feuchtgebiete, Michel Houellebecq – Elementarteilchen), bzw. eher thematisiert: die Verabschiedung von Identität

Robert Musil: 'Mit dem 20jährigen, der ich war, möchte ich nichts mehr zu tun haben.'

Identität nicht festmachbar am Organischen: Substantiell bin ich circa alle sieben Jahre ein vollständig anderer

Bsp. Einer Frau, die von einem Moment auf den nächsten ihr Gefühl für Geschichte und Identität verlor. Wesentliche kognitive Funktionen funktionierten (konnte Auto fahren, studierte Psychologie). Familiäres Leben scheiterte auf Grund der mit dem Verlust verbundenen Angst, Psychotherapien scheiterten, weil sie nicht zurück bekam, was sie suchte. Tibetanischer Mönch konnte Angst nehmen, weil er ihr klar machen konnte, dass sie die Angst nur hatte, weil sie diesen Zustand los werden wollte. Die Annahme von Zuständen, der Baum, dieses Wesen, jenes Ding zu sein machte glücklich.

Identität als das Sich-Durchhaltende (auch: mathematischer Begriff der Identität) oder
(Sichtweise der Postmoderne) Identität als sich immer weiter Transformierendes; Subjekt dekonstruiert sich
Identität und Variabilität
Identität und Differenz
Prozesscharakter, in dem sich ein Ich immer neu erschafft

Unterscheidung Identität / Kontinuität / Diskontinuität

Bedeutung der ontologischen Differenz: Seiendes als etwas, das ist; Sein als Ganzes, als Bezug

Historie (spez. 18. Jh.): das autonome Subjekt
Foucault: der Mensch ist ein Sekundäreffekt; ein Medieneffekt
aber: Leidvolle Problematik der Heranwachsenden, die von Eltern in eine bestimmte Persönlichkeit gedrängt werden und, ob mit Bewusstwerdung verknüpft oder nicht, den Mangel des Eigenen bzw. die Macht des Fremdstrukturierten leidvoll erfahren

Postmoderne Theorie: Identität (Identifikation) bildet sich über Faszination – Identität 'soll sich bilden' über Reflexion
reflektierendes Ich und reflektiertes Ich machen etwas miteinander

Begriff der Identitätsbildung

Identität als individuumsbezogener Begriff und in Bezug auf Gemeinschaft/Gesellschaft (Identität eines Staates, einer Volksgruppe)

Bsp. Aufbegehren gegen Bahnhof Stuttgart: 'Selbst die biederen Schwaben …'
Unter der Voraussetzung, dass dies überhaupt etwas mit Identität zu tun hat: Findet hier ein Identitätswechsel der 'biederen Schwaben' statt, oder zeigt sich hier eine schon vorhandene, bisher evtl. 'schlummernde', Identität?

3 Wurzeln: persönliche Identität / soziale Identität ('Deutscher') / Wesen (Sein, sich durchhaltend)

idem – gleich, entität – eins sein
Unterscheidung: der selbe – der gleiche

Identität als eine Art, die Welt zu erfassen.

Vom 'ewigen Gotteskind' zur 'Laune der Natur' > gewaltiger Identitätswechsel
Wissenschaft verstellt den Umgang und die Erfahrung mit sich selbst

Problematik der relativen historischen Neuheit so selbstverständlicher Begriffe wie: Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Ich, Psychologie
Antike: eingebettet in die Ordnung der Dinge; Ordnung ist nicht von Menschen gemacht
Identitätsmerkmale: Geworfensein, Tod, Raum, Zeit
wesentliche und unwesentliche Aspekte
Identität als sich Durchhaltendes – materiell nicht fassbar

Identitätswechsel bei Schauspielern (?) oder: sich im Spiel vergessen

Wahrung als 'identisch' im Zuge der Verfertigung eines Abbildes
'rastet' zu einem bestimmten Zeitpunkt 'ein'

Sich nicht identifizieren wollen mit Taten, die man in der Vergangenheit begangen hat

Aufbau von Identität aus Identifikationen
Unfähigkeit, sich selbst so zu sehen, wie andere einen sehen (Problematik im Film: erkenne mich nicht wieder)

Identität als Zeichenprozess – etwas, das man immer wieder neu herstellen, lesen und interpretieren kann
wesentlich ist der Bezug (zwischen dem Geschriebenen und dem Leser)

Identität von Dingen: zwei Tische identisch, weil gleiches Vermögen?

These: Identität entsteht aus Zuschreibungen, mit denen man sich dann identifizieren muss

Was sind die Facetten / die Gesamtheit, die Identität ausmachen?

Bedeutung des Namens im Horizont von Identität

Früheste Formulierung: Dasselbe sind Denken und Sein (Parmenides)
heute: A ≡ A
Identität mit Kosmos (Ordnung)
Identität mit Gott (Christentum)
heutige Bezogenheit: aus dem Subjekt heraus

Identität als Unwandelbarkeit des Menschen
Individuum als 'beliebige' Ausprägung – kann keine Identität bezeichnen
Menschliche Identität außerhalb des Tiervergleichs
'Allgemeines' der Identität vs. Individuelle Identität (besser: Persönlichkeit; Integrität)

Gottfried Benn: 'Schauen sie in sich selbst, wenn es sie nicht graust'
Selbsterkenntnisforderung ist nicht wirklich gerechtfertigt

Weisen und Maße von Entfremdung

Ich-Identität und Wir-Identität
Identität ist nichts Biologisches, nicht angeboren; etwas Soziales
Das, woran sich etwas fest macht; worüber man sich definiert

Geht es auch mit etwas weniger Identität? (im Sinne von 'Grundidentität (von uns allen), soziale Identität (Identifikationen))
z.B. weniger 'Körperlichkeit'
verabschieden davon 'dass ich dauernd lebe'

Identitätserweiterung, -veränderung durch besondere spirituelle oder Nahtoderlebnisse

Identität als Störfaktor im Sinne einer (von der Wirtschaft für die Wirtschaft) herzustellenden Gleichschaltung von Rollen / Identitäten
Dynamik gesellschaftliche Strukturen – Identität
Möglichkeit des Wechselns durch Umgebungswechsel (?)

Identität und psychische Krankheit
Normierungen und Zurechtkommen mit Normierungen
Normierung und Abweichung > Neukonstitution kann produktiv sein

Eine Identität oder mehrere Identitäten?

Entscheidung: Das Wichtigere ist doch das Bleibende – Das Ich im Ich
Der, der ich eigentlich bin gegenüber dem, den ich ab und zu darstelle
Diskrepanz soll sich (historische Forderung) schließen (werde der du bist)
Demgegenüber (postmodern): Aspekt der Verflüssigung - 'Identität muss ständig produziert werden'
Privileg: Identität muss erst einmal erschaffen werden
Kritik am Ideal der Wunschidentität
Begriff der Nachträglichkeit; Mensch als Sekundäreffekt (Foucault) > Wie werden wir mehr?
Intensität – Subjektivierung nicht mehr als teleologischer Prozess

'unerfüllbare Sehnsucht nach Bleibendem'

Ist Identitätsbegriff ersetzbar durch Begriff Person, Charakter …?
These: Flüssige Identität entspricht Jugendlichkeit
Identität als soziologischer Begriff im Horizont von Selbstbewusstsein
Identität aus Community?

Ist ein Dementer noch er selbst? - etwas geht zur Ruhe

Identität im Wandel ist Widerspruch in sich

Bedeutung des Dialogs für Identität

'Ich bin eine Gruppe und wenn ich nichts tue, bin ich wenig'

Gegenteil von Identität?
- gibt es nicht
- das Nicht-Fassbare / das Unbegreifliche
- Identitätskrise (etwas am Verständnis meiner selbst scheint nicht zu stimmen)

Je-Ich als Identität vs. Identitätskarte (von außen zugeschrieben)

Identität im Horizont von Orientierung
Problematik des Anthropozentrismus
und damit der Wandelbarkeit (wohl interessegeleitet ökonomisch)

Identität ist Bemühen in der Zeit

Unzerstörbare Identität (Wesen), die im 'Unwesen' nur verdeckt ist, nicht in ihr Gegenteil verkehrt werden kann

Als ob es (für) immer wäre - These

Identität des einzelnen verdeckt durch 'corporate identity'