Die Projekte Philosophischer Gesprächskreis

Archiv Gesprächskreisprotokolle: 2015


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Zyklus Wer bzw. was ist Persönlichkeit?
Zyklus Arbeit


Wer bzw. was ist Persönlichkeit?


Ankündigung

Wer bzw. was ist Persönlichkeit?

Welche Eigenschaften machen die einzelne Person aus?
Gibt es einen roten Faden von der Wiege bis zur Bahre?
Gibt es zeitlose und/oder zeitgemäße Formen der Persönlichkeit?
Sind Begriffe wie Temperament, Typ, Charakter veraltet?
Was sind Persönlichkeitsstörungen?
Was machen persönlichkeitsverändernde Mittel?
Wie steht es um die gesellschaftliche Toleranz gegenüber 'problematischen' Persönlichkeiten?

Diskussionsverlauf

Aus gegebenem Anlass: „Je suis Charlie“
Eine subjektive Aussage, die vielleicht als solche Charakteristikum ist für Person, Persönlichkeit.

Es wird aber im allgemeinen nur über objektive Verhalte geredet
> Nein, es wird opportunistisch zusammengefasst <> dahinter steht aber eine Persönlichkeit, die das so will

Subjekt „Person“ von wo aus betrachten?
T: Nur von Gesellschaft aus in den Blick zu bekommen (Individuation aus Sozialisation)
oder sie und alles darum herum aus diesem Subjekt selbst heraus beschreiben

T: Wir sind Personen, aber nicht von Beginn des Lebens an
Fünf Dimensionen der Persönlichkeit: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit

T: Wir können immer daran arbeiten und die Eigenschaften unserer Persönlichkeit erfolgreich ändern

Subjektivität ist gegeben, Objektivität als solche gibt es gar nicht (nichts ist objektiv beschreibbar)

Zur Persönlichkeit gehört Begabung, die es zu entwickeln gilt (als Kantsche Pflicht)
Pindar: Werde, der du bist

Unterscheidung Person – Persönlichkeit
Person (Antike): Maske

Welche Eigenschaften wollen wir, an uns, an anderen) – kontextabhängig

1. Was ist Persönlichkeit?
2. Welche Eigenschaften gehören dazu?
3. Welche davon wollen wir?

Werte, die über Generationen bestehen? > Empathie

Persönlichkeit als Diffuses, das nicht zusammengebastelt werden kann

Erziehungsproblematik: Gegenbegriff Helfer, Begleiter – der aber zwangsläufig auch als Auswähler erzieht

Wertungsfrage? Neutral, oder bestimmte Werte (z.B. keine Intrigen, Lügen)
Imkompatibilität von Werten?

Pluralität der Persönlichkeiten in einer Gesellschaft als eigener Wert

Wie sehe ich mich selbst? - Wie sehen die anderen mich in der Interaktion mit ihnen?
> multiple Persönlichkeit

Vier Bereiche bezüglich meiner Persönlichkeit:
Was ich weiß, aber kein anderer
Was andere wissen, aber ich selbst nicht
Was alle wissen
Was keiner weiß

'Personality' als Zerrbild von Persönlichkeit (als humanistischem Begriff)

T: Jeder hat Persönlichkeit, nicht jeder ist Persönlichkeit (nicht nur unter der Definition der Persönlichkeit als humanistischem Wert)

Ist Persönlichkeit Begriff der Moral?

Soll man jemanden zur Persönlichkeit machen wollen?

Problematik eines kulturübergreifenden Verständnisses des Persönlichkeitsbegriffs

- Die alten Griechen sahen das Orakel von Delphi als Mittelpunkt der Welt, und über dem Eingang des Apollontempels stand der Spruch “Erkenne dich selbst!”; vor der individuellen Weissagung also ein genereller Tipp für alle, die mit ihren Außenwelt-Problemen hierher kamen: Schaue nach innen! Analysiere deine Persönlichkeit!
- Gegenthese: diese von den Philosophen empfohlene innere Einkehr, diese Besinnung des Subjekts im Rückzug aus der realen Praxis ist genau das Falsche; Mut zum praktischen Handeln ist das Erste, mit den Erfahrungen am Objekt entwickelt sich die Persönlichkeit

- Verteidigung der These: dieses “Just do it” ist genau die unphilosophische Haltung, mit der die Menschheit sich selber an die Wand fährt; all die Kollateralschäden, welche die anarchistische Selbsterfahrung der ungestümen Individualisten hinterlässt, sind nicht hinzunehmen; erst Denken, dann Handeln!
- Einwand: Denken ist auch schon eine Form von Handeln; und wer kann sagen, ob die negativen Folgen von Philosphie für die Menschheit nicht gravierender sind als alles Ungestüme?

- Sicht eines Heideggerianers: diese Subjekt-Objekt-Problematik führt in die Irre; der neue Subjektivismus verkennt, dass die Welt nicht vom Menschen gemacht ist; vom Sonnensystem bis hin zum Dreiakter des klassischen Theaters - diese Strukturen sind gegeben; auch bei der Persönlichkeit zeigen sich unverrückbare Kategorien, siehe z.B. die “twenty master plots”

- Frage: wer, wenn nicht der Mensch, schafft diese Strukturen dann? Etwa Gott?

- anlässlich von diesem Hin und Her eines sich diskussionsdominierend gebärdenden Männerflügels in der Runde: auch der Begriff Persönlichkeit ist traditionell männlichkeitsbetont; dabei sind Frauen näher dran an diesem Prozess des Werdens einer Persönlichkeit; zuerst sind Mutter und Kind noch eins, dann folgt ein langer Übergang der Abnabelung, am Schluss ist das Kind eine eigenständige Persönlichkeit (“auch wieder so ein Dreiakter" *lach*)

- These: Persönlichkeit ist etwas ungreifbar Ominöses, kein konkretes Objekt im Sinne der Wissenschaft

- Einwand: dem neugeborenen Menschen ist die emotionale Bindung primär, die Miene der Mutter (vgl. die Emoticons der vier Temperamente) zählt mehr als all die weit hergeholten Objekte der späteren physikstudierten Realisten

- mit Nietzsche geschichtliche Wende vom Role Model der gesellschaftlichen Person zur individuellen Persönlichkeit; früher gebot die gesellschaftliche Rolle (Persona, die Maske) das Stillhalten, unauffällig bleiben, der Gemeinschaft dienen, womit tiefer Verdruss und latente Lebensverneinung einherging; heute emanzipiert sich der Einzelne in Richtung Übermensch, der sich ein freies Leben erkämpft, das er immer wieder und wieder leben wollte

- These: zu neunzig Prozent halten wir uns an Scriblets - wir gehen in die Arztpraxis, die Sprechstundenhilfe fragt nach der Chipkarte, bittet im Wartezimmer Platz zu nehmen etc.; Persönlichkeit zeigt sich erst, wo einer aus diesen Routinen ausbricht, z.B. ins Wartezimmer geht und ein Lagerfeuer anzündet

- Korrektur: irgendein Heraustreten aus der Routine zeigt noch keine Persönlichkeit, erst recht nicht, wenn es nur um des Heraustretens willen geschieht, denn dann ist es ja doch wieder “herdengesteuert”; wenn dagegen ein Künstler das Lagerfeuer in der Praxis entzündet, weil das individuell motiviert ist bzw. genau das seine individuelle Botschaft ist, zeigt das Persönlichkeit

- Frage dazu: ist es nicht einfach krank oder böse, ein Lagerfeuer im Wartezimmer zu entzünden? Antwort: vielleicht ist es ja im Gegenteil sogar die unbewusst schon lange ersehnte Rettung des Arztes und seiner Patienten aus einer krankhaften Routine, die bisher alles echte Leben verhindert hat!

- These: eine Persönlichkeit an und für sich gibt es nicht, das geht zu sehr in Richtung Seele und all das alte metaphysisch Essentielle; wir können Persönlichkeit nur an den graduellen Unterschieden zwischen den Individuen festmachen (vom Subjektiven zum Intersubjektiven, vom Absoluten zum Differentiellen, vgl. differentielle Psychologie); es geht heute ums Quantitative, um messbare Persönlichkeitsparameter auf kontinuierlichen Skalen; und so einen Parametersatz hat jedes Individuum

- Gegenthese: das Wichtigere am Begriff Persönlichkeit ist das Qualitative, die Wertung - ab wann ist einer wirklich eine Persönlichkeit? Insbesondere die moralische Bewertung ist wichtig (“Bitte kein Schichtenmodell der Persönlichkeit - dem Hitler spreche ich kategorisch ab, dass er eine Persönlichkeit war, der war ein Irrer”)

- anlässlich Gerhard Roths Buch zum Thema Persönlichkeit: Implikationen der immer komplizierter werdenden Debatte über die Willensfreiheit für die Persönlichkeit? Inwieweit kann ich mir aussuchen, was ich für eine Persönlichkeit ich werden bzw. sein will bzw. kann man Persönlichkeiten gezielt ändern? Anscheinend geht aus naturalistischer Sicht eher wenig, aber ein bisserl was geht schon


Arbeit


Ankündigung

Begriff im Wandel: Arbeit

Ist Arbeit die einzige Tätigkeit, auf die wir uns noch verstehen? Und ist dabei Arbeit einerseits verkürzt auf Lohnarbeit und andererseits nicht mehr sicher in der Lage, unser Leben zu garantieren bzw. zumindest ein gewisses Maß an Lebensqualität zu erhalten? Nehmen Maschinen uns die Arbeit weg und berauben uns unserer Identifikation?
Es wird Zeit, dass wir ein neues Verständnis von Arbeit in ihrem humanen Kontext entwickeln.

Diskussionsverlauf:

Karl Marx > Der Mensch ist das arbeitende Wesen
Gegenthese: Anitlaborismus

Zukunft: Arbeit geht uns aus, alles wird von Maschinen / Internetder Dinge erledigt
Zukunftsproblem Ressourcenknappheit

Arbeit – Erwerbsarbeit

In bestehenden Jäger-Sammler-Gesellschaften: Arbeit zwischen zwei und vier Stunden pro Tag
Antike: Arbeit durch Sklaven > demgegenüber sieben freie Künste

Historisch: Bedeutung des Fleisses (Max Weber / Calvinisten)
Bedeutung des Bürgertums und Handwerks gegenüber Adel – nicht ererbte Position durch Erwerbstätigkeit

Arbeit = Leistung pro Zeit; Arbeit = Weg mal Kraft (mechanische Arbeit, nicht geistige Arbeit)

Begriff der entfremdeten Arbeiten

Was ist das sinnvolle Arbeitsvolumen?

Der Workoholic

Drei Kreise der Hölle: Teufel treibt an zur Arbeit / Teufel schaut zu, wie die Arbeiter sich aufarbeiten / Nicht-Arbeiter betteln um Arbeit und der Teufel sagt Nein

T: Arbeit – Austauschbarkeit der Tätigkeit durch andere für Geld

Messbarkeit / Speicherbarkeit (historisch schleichend entstanden) Arbeit ist ein älterer Begriff

Aristoteles: zielgerichtete Tätigkeit

Bewertung von Arbeit
Gesundheitsbereich – hier noch viel Arbeit zu investieren
ebenso im Bereich z.B. Weltraumforschung / Bildungsbereich

Kooperation in Arbeit (nicht nur Arbeitsteilung) vs Wettbewerb
> gemeinsames Ziel

Nicht nur die arbeitende Gesellschaft fraglich nicht glücklich, auch die Profiteure nicht glücklich (> Marx)

- Arbeit ist ein zentraler Begriff des Katholizismus (Beleg: Wortsuche in päpstlichen Enzykliken)

- Dann kam das Unternehmertum: Max Weber stellt fest, dass die meisten Großindustriellen des 19. Jahrhunderts Protestanten waren, denen geschäftlicher Erfolg v.a. als Hinweis ihrer Prädestination fürs Himmelreich wichtig war (Vermögensbildung keine Sünde, solange der Gewinn so gut wie vollständig reinvestiert wird: “Gottesgeld” von Rockefeller)

- Heute geht es den größten Kapitalisten wohl v.a. um irdische Macht; gigantische Kapitalkonzentrationen anders nicht zu erklären, denn ab einem gewissen Einkommen verliert Luxus seinen Reiz: was bringt das zweihundertdreißigste Auto, die zweiundfünfzigste Villa?

- 'Arbeit ist, das zu tun, was bezahlt wird' vs. 'Arbeit ist, das zu tun, was gebraucht wird'

- Was wird wirklich gebraucht? Echte Bedürfnisse vs. künstlich erzeugte Bedürfnisse (z.B. durch Werbung)

- Wir wollen ein sinnlich immer erfüllteres Leben, kulturelle Bedürfnisse haben natürliche längst überholt

- Erst zu Hungerlöhnen immer künstlichere/flüchtigere Konsumgüter herstellen (Arbeit) und dann das hart verdiente Geld für immer künstlichere/flüchtigere Konsumgüter ausgeben (Freizeit)

- "The Philosophers" (Film): die unterschiedlichen für eine Gesellschaft überlebensnotwendigen Fähigkeiten sind ihr i.a. nicht bewusst

- Heideggers technikon, techne bzw. technology; es geht ums Zuständigsein durch Wissen/Können (Kritik an Jobmentalität “Ich mach das mal!” und an selbstbewusster Fassade als Ersatz für Kompetenz “Ich kann das!”)

- Plädoyer für die Leidenschaft bei der Arbeit: Das Wichtigste ist, es gescheit zu machen oder es zu lassen; Unverständnis für “Dienst nach Vorschrift” oder gar arbeitsminimierende Schummelei

- Bedingungsloses Grundeinkommen: scheitert evt. statt an der Finanzierbarkeit v.a. daran, dass die Mehrheit das nicht befürwortet

- Kritik am Wegrationalisieren von kreativer Kontemplation: Nachdenken bei der Arbeit mit dem Yoyo am Finger sieht für den Chef nach Faulenzen aus

- Es ist weltweit auch heute die Ausnahme, dass man sich seine Arbeit nach Neigung aussuchen kann

- Eltern wollen z.B., dass ihre Kinder die lukrativ erscheinenden 10% der Studiengänge belegen, 90% gelten als brotlose Künste

Warum arbeiten reiche Menschen?
gesellschaftliche Mentalität (Carnegie-Mentalität) / Gewinner sein wollen/sollen
Allgemeine US-amerikanische Mentalität - 'verbissen' dem Geld nachlaufen

T: Die Reichen leben von den Dummen, die Dummen leben von der Arbeit

T: Arbeit ist Dienst an der Gesellschaft (vs. bedingungsloses Grundeinkommen)

Wir bräuchten eine Kultur des Scheiterns
sozialanthropologisch neu: Bei uns gegenwärtig nur die knappe Hälfte erwerbstätig, die andere Hälfte hat Auskommen durch Transferleistungen
Frage des angemessenen Lohns als Kriterium der Unzufriedenheit / Kritik, nicht das Arbeiten als solches
Dennoch: Arbeit grudnsätzlich als Mühsal?

'Unser System ist für die Olympiasieger gemacht.'

T: Reicher ist auf seine Weise ebenso entfremdet wie Arbeiter / Verwaltungsangestellter etc.

Nicht den gut situierten Menschen zum Maßstab machen

Arbeitsmotivationen außerhalb des Geldverdienens (Sozialbereich, Künstler …)

Anpassung als positive Leistung der Person (Bauer muss sich auf Wetter ausrichten)

Zusammenhang Bildung – Arbeit
T. Das Meiste an Bildung ist umsonst
Die Auszubildenden fragen (?)
höherer Freiheitsgrad durch mehr Möglichkeiten zu arbeiten und Befähigung zur Selbsterkenntnis (worin bin ich gut?)

Arbeit als Platzanweiser in der Gesellschaft vs. Arbeit als Selbstverwirklichung

Arbeit: Tätigkeit-Ich-Produkt
entfremdete Arbeit als gesellschaftsbedingt oder anthropologisch bestimmt?

Entfremdung ist eine Beziehung

heutige Wirklichkeit: Arbeiten, um sich bestimmte Dinge leisten zu können - Gegenposition ist spinnertes Ideal

Entfremdung als Begriff im Horizont der Frage nach dem Grund der Möglichkeit

An was habe ich Anteil wenn ich arbeite?
Möglichkeit: Beziehung zu mir selbst als Anderem
Entfremdete Arbeit in Reflexion auf das Ich

Aspekt der Überschaubarkeit / Nicht-Überschaubarkeit der Dinge (Bsp. Türschloss)

Frage nach er Eigenständigkeit des 'Subjekts' in den Prozessen (z.B. Berufswahl)

Was ist die wichtigste Arbeit?
Körperliche Arbeit – geistige Arbeit (Bildung) – seelische Arbeit (das Wohlsein meiner selbst und anderer befördern)

Auseinanderfallen von Leben und Arbeit > Mensch als Rohstoff

Arbeit via Impulskontrolle / Arbeiten als Aushalten
nicht als Aktionismus

Arbeit als Joch der Gier

Horror vor der Arbeitslosigkeit > Begegnung mit sich selbst

Wie viel Arbeit ist nötig?
Wie viel Beitrag zur Sozialität ist nötig?