Die Projekte Philosophischer Gesprächskreis

Archiv Gesprächskreisprotokolle: 2017


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Zyklus Sprache
Zyklus Wagnis


Sprache


Ankündigung

Zumindest heute ist Welt sprachlich strukturiert und

Sprache

ist das Medium der Verständigung (hierüber).

Als heute subjektzentrierte Aneignung von Welt führt Sprache immer wieder zum Bruch der Kommunikation.
Wie geben wir den Worten Bedeutung?

Die Grammatik der Verständigung in Worten ist komplex und problematisch wie die Verständigung ohne Worte.

Eindeutige umfassende Regeln sind nicht festlegbar.

Ist die Dominanz des Sprachspiels der Erklärung gegenüber dem des Verstehens besiegelt?

Hilft Poesie? Und wie ist ihr interpersonales Verstehen zu entlocken?

Diskussionsverlauf

T: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt

Verweis auf Wittgenstein (zwei Philosophien)

Sprache dient der Verständigung
Sensibilität und Ruppigkeit der Sprache

Jenseits der 'Lautsprache' auch Sprache?

T: Sprache ein Mittel zum Zweck – Medium

Private Sprache: Sich nicht von allgemeiner okkupieren lassen; Intension Verständigung?
Für sich allein / für kleine Gruppe (Zwillinge, Mutter-Kind)

Illusion des Verstehens?
Voraussetzung des 'Verstehen ist möglich' als Möglichkeit
T: erste Lebensjahre: Verständigung untereinander bestens, dann Überformung (gesellschaftlich) des Sprechens überhaupt

T: (Sapir&Whorf) Sprache prägt das Denken

Überforderung durch Begriffe, wenn die Erfahrung dafür nicht vorhanden ist?
Welt vermittelt durch Be-Greifen oder durch Sprachvermittlung der Eltern

Bedeutung der Verschriftlichung der Sprache (kollektive Leistung)

T: Unaussprechliches soll nicht ausgesprochen werden ('ich liebe dich')

Allgemeinverbindliche Basis der Sprache, z.B. Vernunft
Sozialisationsregeln, die nicht zur Debatte stehen (Bsp. Arztbesuch)

In der Sprache zu Hause sein (> Heidegger)

'Wesen' der Sprache > Sprache als Subjekt > zweckfreie Sprache?

Sprache im weiteren Sinne – Kommunikation
Sprache im engeren Sinne – verbale Sprache

Gestik und Sprache gemeinsam: Vereinbarung, was wie zu verstehen ist
Was bringt es uns, dass wir (verbal) sprechen können?
'Sprechen' Tiere miteinander? (Kommunikation liegt vor)
80-90% nonverbal? (unbewusst / unwillkürlich)
Angelegt auf Missverständnisse > T: Worte können lügen, der Körper nicht > T: in Bezug auf Körper: Hier wird das Wesentliche erfasst / mitgeteilt
Allgemeingültige Gesten / Mimik: Angst, Freude, Ekel … (dennoch: Angeboren oder erworben?)

Sprache ist etwas Entfremdetes und die Entfremdung steigt mit den heutigen Möglichkeiten
Sprache ist eine Störung der Kommunikation
Störungsmöglichkeiten durch Sender (Gesagtes und Gemeintes) und Empfänger (Gehörtes und Verstandenes)

Bedeutung des Schweigens

Schrift blendet Gestik und Mimik aus

Gefühlsebene und soziale Ebene – gehen gut nonverbal / Bedeutung der Abstraktion
Unterschied Vereinbarung durch Handschlag / Vertragstext mit Unterschrift

Sprache als Machtmittel
Sprache als Erkenntnismittel (> Privatsprache?) / Sprache als smalltalk
Sprache als Mittel, Gesellschaft zu spalten – Intellektuellensprache nicht der einzige Betreiber, Jugendsprache als Abgrenzung
Vielfalt der Sprachwelten

Problem Integration Flüchtlinge – sollen deutsch lernen

- Gipfel der Aufklärung: Hypothesen wie die von Sapir&Whorf bzw. von Bernstein, denen zufolge elaborierte Sprache die Grundvoraussetzung für vernünftiges Denken bildet und schon zu Zeiten der kindlichen Entwicklung geistig Privilegierte und Unterprivilegierte trennt

- aber der Zeitgeist wie auch die Mehrheit in unserem Kreis will v.a. darauf hinaus, dass wie beim Eisberg sechs Siebtel des Kommunikationsprozesses nun mal nicht oben im Licht der kontrollierten Gedanken stattfindet, sondern unten im Dunkel der unkontrollierten Gefühle

- thematisiert wird z.B. die “unverfälschte” sprachliche Kommunikation der Kinder, von denen wir noch etwas lernen könnten, oder der erste Gesamteindruck, welcher blitzschnell entsteht und schwerer wiegt als die noch so wohlformulierten Worte danach

- thematisiert wird aus aktuellem Anlass auch immer wieder die politische Sprache, welche abseits von Vernünftigkeit und Redlichkeit zu den Mitteln der Lüge, Provokation, Beleidigung, Einschüchterung etc. greift und damit eher an die Emotionen als an die Ratio des Bürgers appellieren will ( Stichwort “postfaktisch”)

- Unterscheidung verschieden stark reduzierter Sprachebenen: von der Live-Kommunikation unter Beteiligung aller Sinne bis zur telegraphierten Morsezeichen-Folge; auf halbem Weg dazwischen z.B. der Hörfunk

- Kritik an bis heute üblichen sprachlichen Unterrichtsmethoden aus dogmatischeren Zeiten (Nachsprechen, Auswendiglernen etc.), sie sollen die Menschen unmündig halten, vgl. Gottesdienste

- These: wir begrenzen kräftige Sprachbilder schon in der Erziehung der Kinder, wenn diese sich nicht gegenseitig ihre unverblümten Ansichten voneinander an den Kopf werfen dürfen
- Gegenthese: Kultur ist v.a. die Erziehung zur Impulskontrolle

- These: Sprache ist euphemistisch, ist von vornherein so gebaut, dass man die Welt damit nur schönreden kann; Gegenthese: heute wird alles schlechtgeredet, only bad news are good news

- Wer darf eigentlich seine eigenen Begriffe in die Sprache einführen? Beispiel: Neologismen von Sloterdijk

- Wozu sprechen wir? Suchen wir Verständnis oder Anerkennung? (Vielleicht nehmen wir mit Letzterer vorlieb, weil Ersteres eh illusorisch ist?)

- These: bei Sprache geht es immer um die Durchsetzung von Macht, Sprachverzicht ist Machtverzicht
- Gegenthese: Wer schweigt, verunsichert den anderen - zumindest Smalltalk dient eher der gegenseitigen Beruhigung “Wir sind uns nicht feindlich gesinnt, wir tun uns nichts”

- Smalltalk ist ein Spiel - seit ich den Smalltalk nicht mehr ernstnehmen muss, habe ich nichts mehr gegen ihn einzuwenden

- Wer schweigt, will nicht übersehen werden, sondern gerade als der wahrgenommen werden, der schweigt

- Sprachgläubige vs. Sprachskeptiker: letztere halten evt. gerade das Unaussprechliche für das Wesentliche

- Assoziation dazu: Karl-Otto Apels Unhintergehbarkeit der rationalen Argumentation, zit. "wer das Apriori der Verständigungsgemeinschaft zur Illusion erklärt, bestätigt es zugleich dadurch, dass er noch argumentiert"

- These: als moderner Naturalist kann ich den Sprachgebrauch des Wortes Natur wie etwa in “Natur im Garten” nur noch als falsch empfinden
- Gegenthese: Wortbedeutung variiert stark, erschließt sich i.a. erst aus dem Kontext (holistische Perspektive); mit einer strengen Festlegung der Wortbedeutung (atomistische Perspektive) bliebe man weit unter den Möglichkeiten von Sprache

Bisher: Sprache wird hauptsächlich kritisiert (Philosophen freut es, endlich einmal kritisch mit ihrem Werkzeug umgehen zu können)
Aber ist es nicht umgekehrt?

Wenn ich Begriff für etwas habe, habe ich Macht darüber (> Rumpelstilzchen)

Bedeutung der Emotionalität in der Sprache, die im Bereich Populismus 'pervertiert' wird

T: Schrift gibt die Möglichkeit, Verhalte außerhalb meines Gehirns zu speichern > Verlust der Merkfähigkeit

Sprache als Anerkennung und als Anker

Sprache als Bedeutungsträger vs. Worthülsen

Universalismusstreit

Bedeutung der Technik für Sprache (Wortsuchemöglichkeiten in Computer und Internet)

Bedeutung der Sprache zur Schaffung/Etablierung von Gemeinschaft > Naturemanzipation

Individuelle Verständnisunterschiede
Aber: Ich gehe davon aus, Gehörtes/Gelesenes (richtig) verstanden zu haben
Erstaunlich, innerhalb welcher Ungenauigkeit wir uns gut genug verstehen (Ungenauigkeit systemimmanent?)

Sprache erfordert Reflexion (denkend, fühlend) – was will der andere mir sagen?

Sprachebenen höher / tiefer
Zuhören – in eigenen Worten wiedergeben – eigene (kontroverse) Gedanken entwickeln – Sicht eines Nichtanwesenden wiedergeben (können)

T: Sprache als kulturelle Leistung in Verbindung mit Triebverzicht

T: In Beziehungshaftigkeit des Menschen ist Sprache nur Indiz

Sprache als 'Erklärungszwang – weil Gestik, Verhalten nicht ankommt, ausreicht

Vergrößerung des Radius der Mitteilbarkeit > Schrift

Vereinfachung der Informationsweitergabe durch Bilder/Symbole in 'überwörtlichem' Sinn

- Sind wir natur- oder kulturbestimmte Wesen? Bekommen wir unsere Rolle in der Gesellschaft durch performative Sprechakte zugewiesen? “Ich erkläre euch hiermit zu Mann und Frau!”

- Evolutionsbiologe Kutschera vergleicht die Genderdebatte provokativ mit dem Kreationismus; Naturalisten sehen das Geschlecht v.a. als körperliche Gegebenheit, nicht als geistiges Konstrukt

- wenn Kinder das Sprechen anfangen, verlieren sie etwas von ihrer Persönlichkeit, geben im Prozess ihrer Vergesellschaftung ein Stück von sich auf

- Kinder gehen noch experimentell und eigenwillig mit Sprache um; “in der U-Bahn erlebe ich oft, wie Eltern ihren Kindern das austreiben wollen, demonstrativ und voller Stolz, was für gute Eltern sie doch seien”

- solange der Wortschatz der Kinder noch klein ist, nennen sie eine Laterne vielleicht “Mond”, aber oft erschließt sich auch nicht so einfach, welche Eigenschaften die mit ein und demselben Wort belegten Dinge gemeinsam haben; das hat etwas sehr Poetisches

-insofern sind wir alle zuerst einmal auch Poeten, vgl. ein Picasso zugeschriebenes Bonmot: "Journalist: Wann haben Sie angefangen zu malen? Picasso: Wann haben Sie aufgehört?"

- Saussure (Strukturalismus): Sprache als System (langue) liegt den Äußerungen der Individuen (parole) als unbewusste Struktur zugrunde

- Foucault (Poststrukturalismus): diese Struktur ist historisch gewachsen, Kritik an der philosophischen Annahme ihrer Universalität und Überzeitlichkeit

Sprache – Kinder – Philosophie
Modellhaftigkeit der drei Aspekte
Kinderzimmer als Welt im Kleinen / Entwurfcharakter
probehalber mit Welt umgehen / planen
Sprache als modellhaftes Abbilden von Welt

Warum ist 'Ich liebe Dich' eigentlich nicht sagbar?
Worüber kann man überhaupt sprechen? (auch im Tractatus-Sinn)
'Sagen Sie die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit' noch problematischer?

'Ich liebe Dich' als Verlegenheitssatz > Liebe als solche wahrscheinlich gar nicht getroffen
steckt im Begriff Liebe ein 'idealer' Wesenskern, der dann verfehlt werden kann?

Warum merken die Menschen die Kluft zwischen Begriff und Gefühlen nicht?
(dann Begriff in Bedeutung vorgeformt, sonst keine Kluft möglich)

Was sind die Argumente für eine Wahrhaftigkeit der Sprache?
Beweisführung durch Taten
Wahrheitsgehalt des Satzes (formallogisch)
Kohärenz (formallogisch)
Sicherheitsaspekt der 'in Stein gemeißelten' Feststellungen/Aussagen
Satz soll nicht unverstehbar sein

Formale Sprache vs. Kommunikation
T: Formaler Satz gilt für sich und benötigt keine Kommunikation

Bsp.: 'Der Prozess' – Wo genaue Beschreibungen historischer Sachverhalte zu erkennen sind; surrealistische Bilder, in denen konkrete historische Tatsächlichkeiten stecken

T: Sprache ist Ausdruck des Subjekts (seit dt. Idealismus) (das erkennende Ich)

Lauterkeit bzgl. Kontext von Zitaten
Wann zitiere ich nicht?

Zusammenhang Denken – Sprechen

Verschiedene Sprachen für verschiedene (soziale) Rollen

Sprache kann dem Denken förderlich sein – oder umgekehrt (Rhetorik)
Sprache als Erkenntnisweg

unlogische Sprache, die nicht verhindert, dass wir uns verstehen
Mehr- und Vieldeutigkeit der Begriffe
> Erklären und Verstehen
Verstehen zu bevorzugen? Was heißt das?

Maßstab intellektueller Elite?

Hate-Speech als Teil der Free-Speech
ethische und teils auch juristische Frage
Was bislang als 'Wahrheit' in z.B. Zeitungsartikel galt, gilt nicht mehr

Aufbrechen der Autoritätsstrukturen
von der Frankfurter Schule (keine Wissenschaft ohne Interesse) zu
Infragestellen aller 'Theorien' zugunsten 'könnte ganz anders sein'

Problematik des Begriffs 'Unmündigkeit'
demgegenüber Haltung des Respekts (> sozialpädagogische Arbeit)

Hate-Speech: 'Erdkugelfaschist' > gewinnt zunehmend gegen Rationalität

Kommt auch darauf an, wer was sagt
Der falsche sagt das Richtige > falsch
Der Richtige sagt das Falsche > richtig

Durch abendländische Geschichte hindurch Beschwerde über den 'Pöbel'
Aber jetzt gegen jede Information die Behauptung von 'alternativen' Wahrheiten
Konsens der Aufklärung (z.B. Habermas) geht nicht mehr

Parallele zur Antike: Sophistik – die schwache Sache zur stärkeren machen
Säule der Vernunft gestürzt > Anarchie der Sichtweisen
Skepsis gegenüber Eliten

Wie kann Sprache – und was an ihr – 'reetabliert' werden im Sinne eiern weniger verunsichernden Verständigung?
In Bezug auf Wirtschaft: nicht allein bzgl. Inhalten, sondern worin diese eingebettet sind

Mathematische Sprache: 26 Zeichen > enorme Reichhaltigkeit
Unsere Sprache sonographisch gegenüber piktographischer

Sprache im Horizont von Rationalität eher die Ausnahme

Sprache evtl. entstanden aus Musik als soziale 'Versicherung'
keine Auseinandersetzung aber Ausleben

hoch gegriffen, wenn man der Sprache 20% Informationsvermittlung zubilligt

Heilige Texte, die aber nur im historischen Kontext leben
Natürlich: Sprache soll logisch abbildbar sein > funktioniert nicht
Dann: Wahrheit erschließt sich aus Konsens des rationalen Diskurses
Jetzt: virale Narrative

Sprache ändert sich, passt sich an / drückt aus, was den Menschen bewegt
Bedeutung der Bedeutung gegenüber den Lauten

T: Sprache als Grundlage der Zivilisation und damit der Zurückdrängung genetisch angepasster Tiere

Bedeutung, das Vertraute in der Sprache zu hören

Ist Sprache ein Lebewesen? Teil eines Lebendigen (Mensch)?

Sprache grundsätzlich verfügbar?


Wagnis


Ankündigung

Das 'Sapere aude' des Horaz übersetzt Kant mit 'Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.' Wörtlich übersetzt heißt es 'Wage es, zu schmecken, zu riechen, zu merken, zu bemerken', ebenfalls im Sinne eines 'Beginne damit!' In der Philosophie der Moderne wird das Leben selbst zum Wagnis, hier zunehmend gemäß dem Alltagsverständnis des Begriffs: riskant, verwegen weil mit Ungewissheiten verbunden; als Aufforderung dann kühn weil drängend , aber auch beherzt. Was meint

Wagnis

heute?

Diskussionsverlauf