Die Projekte Philosophischer Gesprächskreis

Archiv Gesprächskreisprotokolle: 1987


1980 | 1981 | 1982 | 1983 | 1984 | 1985 | 1986 | 1987 | 1988 | 1989
1990 | 1991 | 1992 | 1993 | 1994 | 1995 | 1996 | 1997 | 1998 | 1999
2000 | 2001 | 2002 | 2003 | 2004 | 2005 | 2006 | 2007 | 2008 | 2009
2010 | 2011 | 2012 | 2013 | 2014 | 2015 | 2016 | 2017


1987 - im ersten Jahr des Gesprächskreises - begannen wir zunächst unvermittelt und nicht abendübergreifend, so daß sich ohne weitere Strukturierung für jedes Treffen ein eigenes Thema fand. Dieses wurde zumeist am Ende des vorhergehenden Abends verabredet, um einige Vorbereitung für alle Teilnehmer zu ermöglichen.
Die Protokolle wurden in der Regel bis zum nächsten Treffen ausgearbeitet und sodann verteilt.


Philosophie als Gehemimnis, Rätsel, Problem?
Volkszählung und Identität
Das Wetter
Guardini-Zitat
Aids
"Also sprach Bellavista"

Ab dem Herbstsemester 1987 führten wir den Gesprächskreis nicht mehr mit jeweils wechselnden Themen, sondern begannen die Zyklus-Struktur. Bis Ende des Jahres diskutierten wir zum Zyklus "Weltbild":
Katastrophe
Exotik
Islam
Computer
Horkheimer - Kritik der instrumentellen Vernunft
Heidegger - Das Wesen der Technik


3.6.87 Philosophie als Geheimnis, Rätsel, Problem?

Ist die philosophische Frage nach dem "Erkenne dich selbst" ein Geheimnis, Rätsel oder Problem? Geht es in der Philosophie um die Offenbarung von Geheimnissen (z.B. sie anderen anvertrauen), das Lösen von Rätseln (z.B. durch logisches Vorgehen), das Klären von Problemen (z.B. durch adäquate Aufbereitung)? Werden im Dialog Geheimnisse ausgetauscht, Rätsel gelöst, Probleme aufgeworfen? Was geschieht, wenn ein Geheimnis offenbart, ein Rätsel gelöst, ein Problem bewältigt ist?
Kein Protokoll.

24.6.87 Identität (anläßlich Volkszählung)

KONZEPT:
Ist jemand im Privatleben mehr er selbst als sonst? Ist jemand in seinen Hobbys mehr er selbst als im Berufsleben? Wieweit ist jemand in seiner Öffentlichkeit er selbst bzw. nicht er selbst? Gewinnt oder verliert jemand Identität (Selbst-Sein?) durch Öffentlichkeit?
Problematik der Grenzen von Identität: Wird jemand durch Öffentlichkeit in seiner Identität verletzbar, veränderbar? Verändert sich Identität durch Wechsel der Lebensbereiche? Verändert sich Identität durch Lebenszeit? Verändert sich Identität durch andere Menschen, andere Lebenszusammenhänge?
Werde ich ein anderer durch Preisgabe persönlicher Daten?
Wäre ich ein anderer, wenn ich in einem anderen Land, von anderen Eltern geboren wäre?
Bin ich ein anderer, wenn andere über mich sprechen?
Wäre ich ein anderer, wenn ich andere Erfahrungen gemacht hätte?
Kann ich mich von meiner Identität entfremden, sie verlieren?
Verändert sich meine Identität, wenn ich über sie reflektiere, wenn ich versuche, sie zu kontrollieren?
Was geschieht, wenn ein Teil von mir mir nicht bewußt ist (eingeschlafener Arm)?
Was geschieht mit meiner Identität, wenn ich sie in Frage stelle?
Was bedeutet es für meine Identität, wenn ich ihr bezüglich Angst habe (gehört Schutz der Identität zu ihr selbst)?
Wie kann ich etwas über die Identität anderer Personen erfahren? Was kann ich über die Identität anderer Personen erfahren?

PROTOKOLL:
Ansatzpunkt für unsere Beschäftigung mit der Identitätsproblematik war die weitverbreitete Verunsicherung der Bundesbürger bezüglich der Volkszählung, die wir über die politische Diskussion hinaus philosophisch einzuholen versuchten.

In unserer Diskussion dachten wir verschiedenen Ansätzen des Identitätsbegriffes nach:
- Differenz und Übereinstimmung von öffentlicher und Privatsphäre; wir kamen zu der Frage, inwieweit jeweils intim Erlebtes, ob es sich nun um "objektive Daten" oder persönliche Ereignisse handelt, mit der Aufnahme durch Andere identitätsverändernd oder -störend zurückwirken kann.
- Identität als Summe; angesprochen war hier eine inhaltliche Vielschichtigkeit (eine Kombination von z.B. Egoismus, Nächstenliebe, u.a.) einerseits und eine strukturelle (meine Verhältnisse zu mir selbst, zu Anderen, zur Welt) andererseits.
- Identität durch Identifikation, mit anderen Menschen oder politischen/religiösen Ideen; die Erstarkung des Identitätsgefüges durch Identifikation kann über ihr Ziel hinausschießend zur Identitätskrise oder gar -zerstörung führen. Die Bewertung dieses theoretisch-philosophischen Widerspruchs ist immer durch Biographisches oder Politisches gegeben.
- Identität als dreifach entstehendes Bild; hier fanden wir heraus,. daß sich Identität zusammensetzt aus dem Bild, das für uns selbst entsteht, dem, das Andere von uns gewinnen, sowie vor allen Dingen der dynamischen Wechselwirkung.
- Ist Identität überhaupt nötig? Daß nicht völlige Offenheit gelebt wird, wurde in zwei Richtungen interpretiert: zum Schutze der eigenen Persönlichkeit oder zur Schaffung von freien Handlungsspielräumen.

Identität scheint eine anthropologische Grundstruktur zu sein, die sich je in bestimmtem historisch-kulturellem Umfeld ausbildet; sie wird in der Begegnung - sowohl mit Anderen als auch mit mir selbst - erfahren. Identität wird immer schon durch Inhalte bestimmt erlebt, dennoch entsteht sie und wandelt sie sich in einem permanenten Gestaltungszusammenhang von Fremd- und Eigenbestimmung. Die Sprunghaftigkeit des Prozesses Identität wird besonders deutlich erlebt in Persönlichkeitskrisen, die den Betreffenden vor Anforderungen zur Bewältigung gegebener Situationen stellen.


1.7.87 Das Wetter

KONZEPT:
Aristoteles: ta meteora (auch Sternenkunde). Sokrates (Verteidigungsrede): Vorwurf der Gottlosigkeit, die Dinge oben bedacht und alles unter der Erde erforscht (Aristophanes - Die Wolken).
Gesprächsthema Wetter; Naturwissenschaftliches Unternehmen Meteorologie, Bedeutung für wirtschaftliche Unternehmungen
Wetter, Wetterlage, Witterung, Klima
Wetterregeln (Bauernregeln)
Wetterblumen (Gewitterblumen) Wetterzauber
Wirkung des Wetters auf die Stimmung (subj Faktor): Wetterfühligkeit, Wetterempfindlichkeit, Wetterkrankheiten (Metereopathologie), Klimatherapie (Hippokrates-Paracelsus)

PROTOKOLL:
Unser Ausgangspunkt war die aktuelle Wetterlage: Der Wechsel von Hitze zu Blitz, Donner und Regen nach langer Schlechtwetterperiode. Es sollte ein Beitrag zur Grundlegung (Propädeutik) einer philosophischen Anthropologie geleistet werden.
Einleitend wurde auf die nur scheinbare Banalität des Themas hingewiesen. Bereits zu Beginn systematischer Naturphilosophie bei Aristoteles ist das Wetter Thema einer eigenen Abhandlung (ta meteora).
Wir stellten fest, daß es Wetter immer gibt, wir uns ihm nicht entziehen können. Diese Abhängigkeit gliederten wir unter drei Gesichtspunkten: 1. kosmologisch (Die Atmosphäre ermöglicht das Leben); 2. gesellschaftlich (Die Konjunktur bekommt eine 'Delle', wenn der Winter zu lang ist); 3. individuell (Förderung von Suizidimpulsen durch bestimmtes Wetter).
Wir gingen dem Gedanken nach, daß häufiger Wetterwechsel stimulierend auf die geistige und auch kulturelle Entwicklung wirken kann.
Im weiteren beschäftigten wir uns mit der Frage, wie mit der allgegenwärtigen Abhängigkeit umzugehen sei. Es schien uns, daß nur Anpassung die passende Formel ist, nach dem Motto: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung. Die Alternative, daß der Mensch das Wetter bestimmt, steht uns noch kaum offen.
Welche Stellung man jeweils zum Wetter einnimmt, meinten wir zunächst, hinge davon ab, welche Handlungsziele wir haben. Dieser Schluß schien und dann aber zu rational, da viele Handlungsmotive emotional fundiert oder gesellschaftlich vorgeprägt sind und dadurch rational nicht eingeholt werden können. Darüber hinaus kamen wir bei der Analyse der Wahrnehmung des Wetters auf einen Doppelcharakter: einerseits ist sie bereits interpretiert, andererseits kann sie den Identitätskern des Menschen direkt ansprechen. Durch die Reflexion auf diese Sachverhalte, so schien uns, könnten wir dem Ideal einer relativen Unabhängigkeit von jeweiligen Wetterumständen näherkommen.
So sind wir durch die Beschäftigung mit dem Thema Wetter unserem Ziel, für den Menschen im Spannungsfeld Natur, Geschichte, Gesellschaft und Existenz kritikfähige Selbstbestimmung zu ermöglichen, ein Stück nähergekommen.


8.7.87 Guardini-Zitat

"Die Bedeutung, die dem Ästhetischen für die Existenz zugemessen wird, steht im umgekehrten Verhältnis von jener, die man der Wahrheit gibt. Je zweifelhafter das 'Was' des Daseins, desto wichtiger wird das 'Wie'."

PROTOKOLL:
"Von einem gewissen Punkt ab drängt sich das dem existentiell ernstwilligen Geist so stark auf, daß die Ästheterei nicht nur grotesk, sondern widerlich wird." (Romano Guardini - Wahrheit des Denkens und Wahrheit des Tuns)
Wir bemühten uns, dem Gehalt des Zitats durch Klärung der zentralen Begriffe Ästhetik/Ästhetizismus und Wahrheit nachzugehen.

Ästhetik: Ausgangspunkt unserer Diskussion war die Bestimmung des Ästhetischen als dem Formaspekt eines Gegenstandes (im Unterschied zum Inhalts- und Zweckaspekt). Dieser abstrakte Formbegriff wurde zur "schönen Form" konkretisiert. Wir fragten uns, ob Schönheit relativ (individuell, historisch) oder aber absolut (Gesetz vom Goldenen Schnitt) zu verstehen sei. Um diese Frage beantworten zu können, mußten wir auf die philosophisch-reflektierende Ebene überwechseln, was unter zwei Aspekten geschah: Die sinnliche Erfahrung und die "Sprache" der Gegenstände. Sinnliche Erfahrung als Grundlage der Ästhetik bestimmt das Schöne aus der Wahrnehmung des Menschen; in anthropologischen Strukturen (Kant) und möglichen individuellen Überformungen. Andererseits kann das Schöne auch verstanden werden aus den sich unmittelbar mitteilenden Gegenständen. Durch diese Analyse sahen wir das Ästhetische im Dialog der beiden Aspekte konstituiert und abgegrenzt vom Ästhetizismus, der sich in der reinen Form erschöpft.

Wahrheit (in Bezug auf Ästhetik): In der Verlagerung des Schwerpunktes unserer Diskussion auf die Problematik des Wahrheitsbegriffes arbeiteten wir zwei Sichtweisen heraus: Die Gleichsetzung von Wahrnehmung und Wahrheit und die Wahrheit als Ergebnis begrifflichen Denkens. Der zweite Wahrheitsbegriff steht in der philosophischen Tradition, indem er sowohl vom Vorrang des rationalen Denkens ausgeht, als auch auf die Übereinstimmung von Urteil und Gegenstand abzielt (Kant). Die Gleichsetzung von Wahrnehmung und Wahrheit führt hingegen zu einer radikalen Subjektivierung, die in der Konsequenz sogar eine Auflösung des Wahrheitsbegriffes bedeutet.

Es blieb beim Ungenügen dieser beiden Ansätze, wie dabei, daß wir leider nicht mehr zum Rückbezug unseres erarbeiteten Verständnisses auf das Guardini-Zitat kamen. Die Wahrheitsproblematik werden wir alsbald anhand der ERKLÄREN-VERSTEHEN-KONTROVERSE neu in Angriff nehmen.



15.7.87 Sterben und Tod (Aids)

Paradoxe Situation, daß bei Aids Todesgefahr und 'konkrete Lebendigkeit' zusammenfallen.

PROTOKOLL:
Am Beispiel des Aids-Infizierten wird in besonderer Weise der enge Zusammenhang zwischen Leben und Tod deutlich: der lebendigste Teil des Menschen (Lust) wird zur tödlichen Gefahr. Der in unserer Gesellschaft allgemein verdrängte Tod wird durch diese Krankheit vor allem als unausweichlicher Prozeß des Sterbens radikal bewußt. Unsere Auseinandersetzung mit diesem Phänomenbereich kreiste vor allem um die Bedeutung des Sterbens für die Lebensführung.

Verschiedene Aspekte des Zusammenhangs von Leben, Sterben und Tod wurden angesprochen: Steht der Tod dem Leben als Prinzip entgegen oder ist er Ergänzung des Lebens? Ergibt sich der Lebenssinn aus der Bejahung oder Verneinung des Todes? Entsteht die Bedeutung des Todes aus dem Bewußtsein oder aus der Sehnsucht (der Mensch will nicht ewig leben)? Die Beantwortung dieser Fragen, die in der jeweiligen Lebensführung (des Sterbens) liegt, bleibt problematisch: man kann durch Gesundheitsvorsorge auf das Leben vergessen; man kann durch Lebenslust (Alkohol etc.) die Gesundheit schädigen. Wir scheinen mit dem Gegensatz von Leben und Tod vor einem unüberwindbaren Konflikt zu stehen, denn mit der Annahme des Todes scheint das Leben seinen Sinn zu verlieren.
Dies führte uns zum Problem des Umgangs mit Lebenszeit bzw. zum philosophischen Begriff der Zeitlichkeit. Lebenszeit kann auf unterschiedliche Weise ausgefüllt werden; der Tod kann somit rechtzeitig, aber auch zu früh oder zu spät eintreten. Im Selbstmord scheint der Betreffende seine Zeit für gekommen zu halten. Aber im Bereich der Zeitlichkeit holte uns der grundlegende Konflikt noch vehementer ein: Nicht nur in dem Gegensatz zwischen auf 'Ewigkeit' gestellten Wünschen und der Begrenzung des Lebens durch den Tod, sondern vor allem in der Möglichkeit der Umkehrung der Zeitlichkeitsbedeutung in der Zeitlosigkeit des Todes selbst. Weder das Ewige noch das zeitlich Begrenzte lassen sich anscheinend am Leben oder Tod festmachen.

Als philosophisches Problem sahen wir, daß jegliche Bestimmung des Lebens umkehrbar als Bestimmung des Todes ist bzw. die des Todes als eine des Lebens, ohne daß die Gegensätzlichkeit dieser beiden Phänomene aufgehoben wäre (verspiegelte Drehtüre). Handelt es sich also um 'Inbegriffe', die mit dem analytischen Denken nicht erfaßbar sind? Oder ergibt sich das Paradoxon daraus, daß das Denken vom Tode immer ein lebendiges und darum inadäquates ist?
Deutlich wurde uns hier schließlich, daß eine philosophische Beschäftigung mit einer Thematik oftmals mehr Fragen als Antworten ergibt.


22. und 29.7.87 Also sprach Bellavista

Zu Buch und Film von Luciano De Crescenzo.
Im Anschluß an die Diskussion zu dem Bestseller gemeinsam den Film angesehen.

Bedeutung der Person Bellavista - Dummheit/Unreflektiertheit der Zuhörer; Alltäglichkeit des Gesprächs.
Problematik der Begriffe Liebe und Freiheit: Bedürfnis nach Liebe-Gemeinschaft, Bedürfnis nach Freiheit als Gegensatz. Maxime des Umganges mit der Spannung.
Gemeinschaft auf Liebe gegründet, Gesellschaft auf Freiheit.
Praxisbezug: kann nicht alles haben > Entscheidung; kann Mensch der Liebe oder der Freiheit sein.
Kein Protokoll.


Weltbild

16.9.87 Flugzeugabsturz: Unfall/Katastrophe

KONZEPT:
Aufklärung: Grundlage Leibniz - Beste aller möglichen Welten; Ursachen- und Zwecktätigkeit kein Widerspruch; Mensch im Mittelpunkt gegen Dogmen; Gesetze finden, die natürliche Ordnung nicht verletzen, Ordnung funktioniert aber erst durch Eingreifen des Menschen.
Welt-Kultur, Beobachtungswissenschaften, Machbarkeit, Erziehung des Menschen.
Leibniz - Drei Übel: Metaphysik: Beschränkung der Endlichkeit; Physis: Leiden, das höheren Zwecken dient; Moral: Sünde von Gott zugelassen.
Unterschiedliche Auseinandersetzung mit diesem Weltbild angesichts Lissaboner Erdbeben 1755: Voltaire, Rousseau, Kant, (Fichte).
20. Jahrhundert: Dialektik der Aufklärung, Günther Anders.

PROTOKOLL:
Als philosophische Grundlage der Aufklärung galt uns das Postulat von Leibniz, diese Welt sei die beste aller möglichen. Gemeint ist damit, daß Naturgesetze und menschliches Handeln sich in der prästabilierten (gemäß göttlichem Plan) Harmonie ergänzen. Durch das Erdbeben von Lissabon wurde das Vertrauen in diese Sichtweise radikal erschüttert; die scheinbare Wirkmächtigkeit des Menschen war damit in Frage gestellt. Im Horizont des Flugzeugabsturzes von München fragten wir nach dem Vertrauen in die Beherrschbarkeit von Fährnissen durch Technologien.

Wir stellten fest, daß Wissenschaft und Technik ihren Grund im Bestreben, die Welt bequemer und sicherer zu machen, haben. Anscheinend hat sich die moderne Technologie aber so weit verselbständigt, daß sie selbst zu einer Bedrohung geworden ist. Der Optimismus, wie er sich in der Aufbruchstimmung der Aufklärung ausgedrückt hat, hat sich so im Zuge der Entwicklung in sein Gegenteil, in Pessimismus verkehrt. In einer Situation, in der technikbedingte Schäden durch neue technische Entwicklungen beseitigt werden müssen, hat das technisch orientierte Weltbild seine Tragfähigkeit verloren. In der Frage und Suche nach einer übergeordneten Sichtweise, einem Weltbild, drückt sich neuerlich ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem Bestehenden aus. Dieses Gefühl der Ohnmacht führt nicht nur zur Passivität, sondern trägt auch den positiven Aspekt der Einsicht, daß Technik nicht wertneutral ist, in sich; vielmehr ist Technik selbst bestimmt als und bestimmend für eine Weltsicht. Dennoch löst auch der positive Aspekt des Unbehagens das Dilemma nicht, daß Th. W. Adorno einmal folgender maßen beschrieb:
"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der Anderen noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."

LITERATUR:
E. Bloch - Vorlesungen zur Philosophie der Renaissance
Voltaire - Candide oder der Optimismus
J.J. Rousseau - Bekenntnisse
I. Kant - Beantwortung der Frage: Was heißt Aufklärung?


30.9.87 Exotik (Stuttgarter Ausstellung)

KONZEPT:
Materialien von Stuttgarter Ausstellung mitgebracht.

Ergebnisse Identität (24.6.87): Differenz und Übereinstimmung öffentliche - Privatsphäre; Identität als Summe; Identität vermittels Identifikation; Identität als dreifach entstehendes Selbstbild; Identität als Schutz - Abstecken von Freiräumen.
Hier: Das Fremde.
Hochmut des Europäers als Kolonialherr - Missionar.
Umkippen in Zivilisationsmüdigkeit - Flucht aus überzivilisiertem Leben.
Raum für Phantasien - Ausleben des Unmöglichen - Vorstellen des Ganz-Anderen.
Unterscheidung: das Fremde in der Fremde, das Fremde in der Nähe.
Der Fremde als Held oder Barbar.
Vereinheitlichungstendenz des 'Kulturimperialismus'.
Das Fremde als Spiegelbild.
Das Fremde als Wirklichkeitsimitation.
Warum brauchen wir das Fremde?
Wie exotisch sind wir selbst? In welchen Bereichen?
Im Sich-umgeben mit Exotischem: Will man echt sein?

PROTOKOLL:
Diesmal war uns die Stuttgarter Exotik-Ausstellung Anlaß, der Faszination von Exotischem/Fremden nachzufragen. Der Versuch zu bestimmen, was das Exotische sei, führte zu zwei vorläufigen Sichtweisen: der Aspekt der Schönheit des Exotischen verweist auf einen von uns unabhängigen Bestand des fremden, während seine Charakterisierung als unbekannt, geheimnisvoll und anregend den persönlichen Blickwinkel betont, Der Grund der Faszination scheint mit der geographischen Entfernung, der kulturellen Andersheit und ethnischen Unterschiedlichkeit gegeben.
Dem wurde entgegengehalten, daß uns auch in unserem Lebensbereich Exotisches begegnet (vom Oktoberfest bis zum Punker). Grundlage dieser Sichtweise ist die relative Abgeschlossenheit einer Gruppe, wie sie sich in einem 'Wir-Gefühl' ausdrückt; d.h. in der Konsequenz, daß die Selbstbestimmung einer Gruppe aus der Abgrenzung von Anderen/Fremden folgt ( > Identität).
Mit dem Wortspiel Ent-fernung wurde auf die ambivalente Bedeutung des Exotischen verwiesen: Exotisches ist als Eigenes und Fremdes zugleich fern und nah.
Indem das Exotische die Phantasie anregt, zeigt es eine mediale Funktion (als Mittler und als Mittel). Exotik kann als Mittel dem Zweck dienen, zwischen Fremdem und Eigenem zu vermitteln, und es ist zugleich das Medium, in dem diese Vermittlung geschieht.
In der Bestimmung des Exotischen als nah und fern zugleich zeigt sich seine bereichernde Funktion als Verinnerlichung (Ideal der unberührten Natur); doch auch der umgekehrte Weg ist denkbar: in einem selbst Abgespaltenes kann im räumlich und zeitlich Ent-fernten ent-deckt werden.

Da der zuletzt angesprochene Aspekt in der Kürze des Abends nur allzu kurz angesprochen wurde, reichten wir noch einen weiteren Artikel zur Stuttgarter Ausstellung aus den "Stuttgarter Nachrichten" (Peter Kümmel):

Eine phantastische Reise ins Reich der Sinne - "Exotische Welten -Europäische Phantasien" Das gewaltige Stuttgarter Ausstellungsprojekt zeigt: Die Exoten sind nicht immer die anderen.

Kennen Sie Woody Allens Komödie "The Purple Rose of Cairo"? Der Film erzählt von einer Serviererin, die aus ihrem tristen Alltag ins Kino flieht. Dort sind die Helden der großen, weiten Welt zu bestaunen. Doch eines Tages steigt ein verführerischer Fremder von der Leinwand zu der Dame herab. Und sie muß feststellen: der Kerl hat seine Fremdheit nur auswendig gelernt, der Kerl riecht nach Hollywood.
Beispiel Zwei. In einer "Pater-Brown"-Geschichte feuert ein Verbrecher, rasend vor Angst, auf einen unheimlichen Fremden. Glas zerspringt, Scherben klirren: der Mann hat sein eigenes Spiegelbild erschossen. Es scheint uns oft ähnlich zu gehen: Was wir für das ganz Fremde halten, ist nur unser Spiegelbild. Oder eine bunt aufgeputzte Fälschung. Und wenn wir glauben, in die weite Welt aufzubrechen, geraten wir in die Tiefen der eigenen Phantasie. "Exotische Welten - Europäische Phantasien", dieses gigantische Stuttgarter Ausstellungs-Unternehmen, befaßt sich weniger mit der Fremde als mit dem verzerrten Bild, das wir, die 'Daheimgebliebenen', uns von ihr über Jahrhunderte gemacht haben und noch immer machen. Exotik - nie war sie so wertvoll wie heute. Unser Alltag blinkt und glitzert von Symbolen des Exotischen. Europa hat sich stets bedient mit fremden Waren, Reizen, Bildern, Menschen. Im Windschatten der Kriege, im Kielwasser der Handelsschiffe kamen diese Güter zu uns. Folge: Wir sind reich und verwöhnt. Jeder richtet sich seine private Umgebung wie eine kleine "Weltausstellung" ein, mit Schaustücken, über die er kaum etwas weiß: die tropische Pflanze auf dem Fensterbrett, das indische Tuch an der Wand, die karibische Melodie im Radio. Und noch der Supermarkt von Hintertupfingen präsentiert sich als prächtige Trophäen-Sammlung, als strahlender Kreuzungspunkt aller Welthandelswege. Die dort zu erwerbenden Waren sind auch: Beutestücke aus der Fremde, Grüße aus der eroberten Wildnis. Die Beute wird heute blitzschnell gemacht: TV, Computer-Kommunikation, Düsenjets und Milliarden von Ferngesprächen lassen den Erdball schrumpfen. Überall ist Weltausstellung, die Fremde wird ausgepreßt wie eine Frucht. Das Exotische gedeiht prächtig in der europäischen Hydro-Kultur. Auch in unserer Vorstellungswelt: Unser Bewußtsein ist ein Treibhaus exotischer Vorstellungen und Sehnsüchte. Das Stuttgarter Ausstellungsprojekt untersucht den Dschungel im Kopf auf seine Bestandteile. Es zeigt, wo die bunten 'Kopfgewächse' herkommen. Und warum wir sie brauchen. Bei der Beantwortung dieser Frage geraten wir ins rätselhafteste aller Länder, in jene Fremde, die dank der Bemühungen des Reiseveranstalters Sigmund Freud seit der Jahrhundertwende pauschal zu bereisen ist: die eigene Seele.
Jeder Europäer, der vorgab, sich für die weite Welt zu interessieren, hat in Wahrheit vor allem jenen Ort erforscht - wie der Schreibtisch-Abenteurer Karl May oder Henri Rousseau, der Büromensch und Maler von Urwaldszenen, der nie aus Frankreich herauskam. Die abendländischen Künstler haben sich das Exotische über die Jahrhunderte hinweg zurechtgeschneidert wie Masken, in deren Schutz sie sich zu ihren Ängsten, ihren Wünschen und Träumen bekannten. Die daraus entstandenen Wirklichkeits-Imitationen erscheinen uns noch heute echter als die Wirklichkeit. Wie wäre es sonst möglich, daß wir beim Wort Südsee' automatisch an Urlaubsparadiese denken, daß die 'Alte Welt' die Hungernden der 'Dritten Welt' beneidet um ihr vermeintlich schönes, sonniges Leben? Wie exotisch sind wir eigentlich selbst? (das englische Fernsehen zeigt die Deutschen noch immer als schnarrende Pickelhauben-Preußen, Comic-Zeichner in aller Welt sehen in uns beharrlich hakenkreuztragende; rotgesichtige Sauerkrautmampfer).
Und: wieviel 'Exotik' findet vor unserer Haustür statt? Unsere Städte wimmeln von Fremden, die uns, je näher sie uns kommen, immer unheimlicher werden. Sie und wir leben aneinander vorbei, an den Reibungspunkten entstehen nur selten Faszination und Freundschaft, viel eher Aggression und Angst. Die Exoten, die deutschen und die anderen, haben sich nichts zu sagen, sobald sie sich den Alltag teilen müssen. Sind sie einander zu nah? Noch eine Fußnote zum Thema: wir besitzen die Hauptstadt einer fürchterlichen Exotik, die beiden Berlins. Eine Stadt im Plural. Zwei Orte, nur durch eine Mauer getrennt wie die Hälften eines Zweifamilien-Hauses - und einander doch so fern wie die Küsten zweier Kontinente. Exotik ist also gewiß ein Thema, das uns angeht, als Mitmenschen - und als Exoten. Wußten Sie, daß in einem afrikanischen Kulturzentrum eine Ausstellung über die seltsamen Bräunungsriten der Europäer gezeigt wird? Man sieht da eine deutsche Familie nackt im Supermarkt eines jugoslawischen FKK-Dorfes stehen. Sie glauben nicht, daß es diese Ausstellung gibt? Noch haben Sie recht.


14. und 28.10.87 Islam

KONZEPT:
Verschiedene mögliche Schwerpunkte: Islam-Christentum-Vergleich; Wozu Religion am Beispiel Islam; Problem Weltanschauung am Beispiel Türken in der BRD (Diskrepanz der Weltanschauungen); Bedeutung von Weltanschauung am Beispiel Reislamisierung; das Postulat: "Es gibt nur eine Wahrheit".
Vielfältige Aspekte von Islam: Religion, Politik, Kultur; global, regional; Gesetz oder Glaube, Ethik oder System.
Re-Islamisierung: Identitätsproblematik - Selbstfindung der Länder; Fundamentalisten, Integralisten, Säkularisten, religiös oder wirtschaftlich begründet; politisch ausgelöst - metaphysisch begründet (Defensiv-Kultur; auch aus Enttäuschung über andere übernommene Systeme).
Schiiten: Mystik, Metaphysik.
Säkularisten: Morallehre, keine Staatsordnung.
Europa: vor industrieller Revolution: Reformation des Christentums; fehlt dem Islam bislang.
Re-Islamisierung als Eröffnung von vergessenen Möglichkeiten und Alternativlösungen, auch: Ablenken von aktuellen Problemen durch Illusion vom Gottesstaat; ist weder Experiment noch Utopie.
Türkei: Säkularisation (Laizismus); Nationalbewußtsein: sprachlich, kulturell, islamische Identität; Europäisierung der Gesetze (Unterschied Stadt-Land); Amt für religiöse Angelegenheiten; 200.000 Mekka-Reisende.
BRD: Türkisch-Islamische Union (durch Amt für religiöse Angelegenheiten); Verband islamischer Kulturzentren (liberale Oppositionsbewegung).

PROTOKOLL:
In den letzten zwei Sitzungen beschäftigten wir uns unter verschiedenen Aspekten mit dem Islam. Dazu konnten wir als Gäste vier Moslems begrüßen. Wenngleich ein Großteil der Treffen von Lebensschilderungen unserer Gäste angefüllt war, so bestand doch unser Anliegen darin, der Bedeutung und den Funktionen von "Weltbild" nachzuforschen.

Wir konnten erfahren, auf welch prägnante Weise der Islam für die Gläubigen Sinn stiftet, ein bestimmtes Weltbild vorgibt. Als solches religiöses System und göttliches Gesetz ist er, wie bsplw. auch Juden- und Christentum, auf Ewigkeit hin angelegt, basierend auf einem starren Kodex. Der angeblichen Göttlichkeit des Systems kann entgegengehalten werden, daß es eigentlich der Etablierung und Erhaltung weltlicher Macht diene.
In der Türkei der Gegenwart tritt nun ein besonderes Problem bezüglich des islamischen Weltbildes auf: mit Atatürk wird dem Gottesstaat 'Islam' ein weltliches Staatsgebilde mit aus anderen Weltanschauungen entwickelten eigenen Gesetzen vorangestellt. Inwieweit der Islam in seiner 'strengen' Form dadurch zurückgedrängt ist, darüber herrschte bei unseren Gästen unterschiedliche Meinung. Während die weibliche Seite in besonderer Weise nach wie vor unter patriarchaler Unterdrückung leidet, sieht die männliche kaum Schwierigkeiten in der Trennung zwischen weltlichen Staatsgesetzen und islamischer Gewissensstimme.

In Hinblick auf unsere philosophischen Fragestellung zeigt sich, sowohl in der Diskrepanz von Staat und Religion in der Türkei, als auch in derjenigen der türkischen Moslems in einem westeuropäischen Land, folgendes: Wir sind hier Beobachter des Miteinanderringens zweier Weltbilder und der daraus resultierenden vielschichtigen Verunsicherung des Einzelnen. Mit dieser Beobachtung stellt sich das Problem, daß 'geschlossene' Weltbilder einerseits als sinnstiftend notwendig sind, andererseits immer nur einen Ausschnitt von 'Welt' zur Darstellung bringen.


11.11.87 Technik (Computer)

SZ-Artikel kopiert
Die Lust an der schmerzlosen Gewalt - Michael Birnbaum, SZ 26.5.1987: Zur Problematik gewaltverherrlichender PC-Simulationsspiele
Schnell, genau - und fehlbar - Rüdiger Valk, SZ 17.10.1987:
"Rechnergestützte Systeme bergen Risiken, die sich beziehen auf:
- Gefährdung menschlichen Lebens (einige Stichworte: bemannte Raumfahrt, Flugleitsysteme, Hochgeschwindigkeitszüge, militärische Systeme, Berechnungen für technische Konstruktionen, medizinische Systeme),
- gesellschaftliche Fehlentwicklungen (Datenmißbrauch, Überwachnungsstaat, neue Formen der Kriminalität),
- wirtschaftliche Schäden (falsche Kosten/Nutzen-Prognosen, unsinnige Rationalisierung)."

Hauptursache dieser Problematiken: Fehler in Programm-Code.

PROTOKOLL:
Und diesmal näherten wir uns dem Thema über die Bestimmung des Unterschieds zwischen männlicher und weiblicher Aggression; diese Unterscheidung wurde dem Phänomen gegenübergestellt, daß Gewalt beinhaltende Computerspiele zum größten Teil von Männern konsumiert werden. Wir diskutierten die Frage, ob diese Spiele aggressionssteigernd oder -verarbeitend wirken; auch durch die Konfrontation mir verschiedenen Aggressionstheorien - Triebtheorie, Lerntheorie, Frustrations-Aggressions-Hypothese - wurde das Problem nicht befriedigend gelöst.
Unter der Prämisse einer geschlechtsspezifischen Sozialisation, wobei Männer eher objektbezogen, Frauen eher beziehungsorientiert handeln, stellte sich die Frage, ob durch diese Differenzierung die männliche Faszination an Technik erklärt werden kann. Dem steht die Sichtweise gegenüber, daß Frauen zyklischen Naturprozessen enger verbunden seien. An dieser Stelle wurde problematisiert, daß durch die Verwendung der Begriffe Natur/Technik und deren Gegenüberstellung die Frage in einseitiger Weise bestimmt wird.
Verdeutlicht wurde dies durch die 'Tatsache', daß uns Natur im eigentlichen Sinne heute nicht mehr begegnet; sinnvoll kann von Natur nur noch als einem Kulturprodukt gesprochen werden. Insofern sich alles in der letztgenannten Bestimmung befindet, dient Technik dem Menschen (siehe: A. Gehlen - Technik als Organersatz, -erweiterung und -überbietung). Unbedacht bleibt bei dieser Sichtweise, daß das technologische Denken auf den Menschen rückwirkt. So kann durch die binäre Denkweise die Widersprüchlichkeit des menschlichen Daseins nicht mehr gefaßt werden.

Abschließend wurde mit den Fragen, ob es unendlich viele Sichtweisen gebe, oder ob durch eine bestimmte Sichtweise ein Gegenstand erst erschaffen wird, die Möglichkeit einer weitergehenden Fragestellung eröffnet: Gibt es (absolute) Wahrheit?

LITERATUR:
J. Habermas - Technik und Wissenschaft als Ideologie


25.11.87 Max Horkheimer - Kritik der instrumentellen Vernunft

Darstellung und Diskussion: Horkheimers Technikkritik

PROTOKOLL:
Für diesmal war uns die mögliche Einengung des Menschlichen durch technologisches Denken Anlaß, uns mit Max Horkheimer zu beschäftigen. Ausgangsthese von Horkheimer ist, daß einerseits eine unter dem Primat der Technologie organisierte Weltsicht eine bestimmende Weltsicht bedingt und andererseits durch solche Weltsicht das Denken zur subjektiven, instrumentellen Vernunft eingeengt wird; für Horkheimer bedeutet dies den Verlust der objektiven Vernunft.

"Diese Art von Vernunft kann subjektive Vernunft genannt werden. Sie hat es wesentlich mit Mitteln und Zwecken zu tun, die mehr oder minder hingenommen werden und sich vermeintlich von selbst verstehen." (KiV, 15)

"Im Brennpunkt der Theorie der objektiven Vernunft stand nicht die Zuordnung von Verhalten und Ziel, sondern die Begriffe - wie mythologisch sie uns auch heute anmuten mögen -, die sich mit der Idee des höchsten Guten beschäftigen, mit dem Problem der menschlichen Bestimmung und mit der Weise, wie höchste Ziele zu verwirklichen seien." (KiV, 16)

"Die Beziehung zwischen diesen beiden Begriffen von Vernunft ist nicht bloß eine des Gegensatzes. Historisch hat es beide Aspekte der Vernunft, den subjektiven und den objektiven, seit Anbeginn gegeben, und das Vorherrschen jenes über diesen kam im Verlaufe eines langen Prozesses zustande ..." (KiV, 18)

Diese beiden Denkdimensionen können auch beschrieben werden als die Dimensionen von Sinn (objektiv) und Alltagsbewältigung (subjektiv). Die Frage, wer denn das Subjekt (=Träger) der objektiven Vernunft sei, verwies uns auf unsere Beschäftigung mit dem Islam: in monotheistischen Religionen überkommt die Offenbarung von Außen.

Wir beschäftigten uns nun ausführlicher mit der Weise, in der Horkheimer und Adorno die historische Entwicklung der Vernunftdimensionen an Hand der Odyssee (in der "Dialektik der Aufklärung") interpretieren; Vorläufer der Vernunft ist die List in kultischen Handlungen:

"List entspringt im Kultus. Odysseus selber fungiert als Opfer und Priester zugleich. Durch Kalkulation des eigenen Einsatzes bewirkt er die Negation der Macht, an welche der Einsatz geschieht. So dingt er sein verfallenes Leben ab." (DA, 48 (TB))

"Es ist die Formel für die List des Odysseus, daß der abgelöste, instrumentale Geist, indem er der Natur resigniert sich einschmiegt, dieser das Ihre gibt und sie eben dadurch betrügt." (DA, 54)

An Hand der verschiedenen Stationen der Irrfahrten des Odysseus, der als der hehre Dulder und listig-verschlagene beschrieben wird, reflektieren Horkheimer/Adorno die Entwicklung der Vernunft (und der Ich-Identität):
- das Beispiel des Aufenthalts bei den Lotophagen (die friedlich-vergessend als Folge des Lotus-Essens zusammenleben) zeigt, daß Odysseus über soviel Einsicht verfügt, daß er sich von der Situation distanzieren kann und nicht vergessend in dieser aufgeht; desweiteren übt er über seine Gefährten Macht aus.
- der Aufenthalt bei Polyphem zeigt den listigen Odysseus in seiner ganzen Gewieftheit: um aus der lebensbedrohenden Situation zu entgehen, verleugnet er sich dadurch, daß er sich "Niemand" nennt (das griechische ("udeis" kann sowohl Odysseus als auch Niemand bedeuten). In abstrakten Begriffen heißt dies, daß Odysseus sich nur durch Selbstverleugnung als Selbst (oder Person) behaupten kann. Distanzierte sich Odysseus bei den Lotophagen von der Situation, so distanziert er sich hier von seiner eigenen Person, was sich auch darin zeigt, daß er seine unmittelbaren Impulse (z.B. Polyphem zu töten) unterdrückt.
- die letztgenannte Impulsunterdrückung wird am Beispiel der Vorbeifahrt an den Klippen der Sirenen verdeutlicht: um den bezaubernd-umstrickenden Gesängen der Sirenen nicht zu verfallen, verschließt Odysseus seinen Gefährten die Ohren mit Wachs und läßt sich selbst an den Mast des Schiffes binden. Dadurch, daß Odysseus einerseits die Gesänge der Sirenen hören möchte, andererseits aber Vorsorge trifft, ihren Lockungen nicht zu verfallen, wird deutlich, daß sich Entwicklung der Vernunft und Unterdrückung der Sinnlichkeit wechselseitig bedingen.
Die Entwicklung der Vernunft findet also in folgenden Schritten statt: am Beginn ist Odysseus fähig, sich von einer Situation zu distanzieren, sodann setzt er sich in Distanz zu sich selbst, indem er sich verleugnet, und zuletzt wird deutlich, daß die gesamte Entwicklung auf einer Unterdrückung der Sinnlichkeit beruht.

"Als die Idee der Vernunft konzipiert wurde, sollte sie mehr zustandebringen, als bloß das Verhältnis von Mitteln und Zwecken zu regeln; sie wurde als das Instrument betrachtet, die Zwecke zu verstehen, sie zu bestimmen." (KiV, 21)

"Subjektivierung, die das Subjekt erhöht, verurteilt es zugleich. ... Naturbeherrschung schließt Menschenbeherrschung ein. Jedes Subjekt hat nicht nur an der Unterjochung der äußeren Natur, ... teilzunehmen, sondern muß, um das zu leisten, die Natur in sich selbst unterjochen." (KiV, 94)

Gegen diese historisch entwickelte Etablierung des Vernünftigen macht sich in der Gegenwart ein Unbehagen breit. Die unmittelbare Alternative - "Ab morgen bin ich sinnlich" - bedeutet allerdings nur einen romantischen Rückzug. Hier ist die Philosophie in spezifischer Weise in ihre Aufgabe gesetzt. Für Horkheimer bedeutet dies eine genaue Untersuchung der Vernunft in ihrer subjektiven und objektiven Dimension.

"Die instrumentelle subjektive Vernunft preist entweder die Natur als pure Vitalität oder schätzt sie gering als brutale Gewalt, anstatt sie als einen text zu behandeln, der von der Philosophie zu interpretieren ist und der, richtig gelesen, eine Geschichte unendlichen Leidens entfalten wird. Ohne den Fehler zu begehen, Natur und Vernunft gleichzusetzen, muß die Menschheit versuchen, beide zu versöhnen." (KiV, 122)

"Treue zur Philosophie bedeutet, es der Angst zu verbieten, daß sie einem die Denkfähigkeit verkümmern läßt." (KiV, 153)

Horkheimer stellt nun fest, daß die Fragen der objektiven Vernunft (Was wir eigentlich wollen) heute kaum Berücksichtigung finden, dagegen die subjektive Vernunftdimension (bsplw. daß aller Fortschritt gut sei) immer stärker in den Vordergrund rückt. Der Fehler hierfür läge allerdings bereits am Beginn der Vernunftentwicklung (siehe Odysseus).
Bei Horkheimer selbst fehlt allerdings - außer einem Appell a zur Stärkung der objektiven Vernunft - ein Ausweg. Der an Hegel erinnernden Möglichkeit, daß die subjektive in objektive Vernunft umschlagende sei, steht entgegen, daß Kritikmöglichkeit verloren gehen würde. gegen eine Argumentation, die vermeintlich objektive Vernunft sein gar nicht vernünftig, wendet sich gegen die "Tatsache", daß rein subjektive Vernunft die Weltsicht immer schon beschränke (s.o.). Horkheimer spricht in diesem Zusammenhang von einer "Zurichtung der Welt" durch das instrumentelle Denken.

"Die Philosophie hilft dem Menschen, seine Ängste zu beschwichtigen, indem sie der Sprache hilft, ihre echte mimetische Funktion zu erfüllen. ... Die Philosophie ist mit der Kunst darin einig, daß sie vermittels der Sprache das Leiden reflektiert und es damit in die Sphäre der Erfahrung und Erinnerung überführt. Wenn der Natur die Gelegenheit gegeben wird, sich im Reiche des Geistes zu spiegeln, erlangt sie eine gewisse Ruhe, indem sie ihr eigenes Bild betrachtet." (KiV, 167)


9.12.87 Martin Heidegger - Die Frage nach der Technik

Diskussion zu Teilen aus: "Das Wesen der Technik".
Kein Protokoll