Die Projekte Philosophischer Gesprächskreis

Archiv Gesprächskreisprotokolle: 1988


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Zyklus Entfremdung:
Alkohol, Drogen, Rausch
Arbeit
Kolbenheyer (Volk und Entfremdung)
Marx
Werbung
Macht die Stadt uns krank?
Krankheit

Themenabende:
Wahrnehmung
Kant und Schopenhauer

Zyklus Täuschungen - Enttäuschungen - End-Täuschungen


Entfremdung


13.1.88 Alkohol, Drogen, Rausch

Im Bezug auf den Ausspruch "Das Abnorme ist zumeist das Alltägliche" wollen wir uns bis Ostern mit verschiedenen Aspekten von ENTFREMDUNGSPHÄNOMENEN beschäftigen. Der Begriff Entfremdung (Lat: alienatio) bezeichnet sprachlich den Vorgang oder auch das Ergebnis des Fremdmachens oder Fremdwerdens aus dem Konnex der Nähe, des Heimischen, Gemeinschaftlichen, Vertrauten. Bei Aristoteles sind die aus Verkehr und Recht der Polis Ausgeschlossenen, neutestamentlich das Leben der Heiden in Gottesferne gemeint. Bei Hegel bezeichnet der Entfremdungsbegriff die Bewegung des Geistes, nämlich, sich ein anderes, d.h. Gegenstand seines Selbstes zu werden, was sich als Geschichte der Erfahrung und der Gestalten des Bewußtseins darstellt. Marx will wiederum die "unheilige Gestalt" der Entfremdung entlarven. Solche Bedeutung des Begriffes erhält sich im 20. Jahrhundert, wo auch im medizinisch-psychiatrischen Sinne vom Wahnsinn und Irresein als Entfremdung gesprochen wird (vgl.: Artikel "Entfremdung" in "Historisches Wörterbuch der Philosophie").

In unserer ersten Sitzung zu dieser Thematik versuchten wir, uns des Themas 'Alkohol, Drogen, Rausch' anzunehmen. Vielleicht in Ermangelung der entsprechenden Ingredienzen blieben wir jedoch mit unserem Thema ziemlich im Ansatz stecken. (Es steht ein Vorschlag, das Thema in entsprechender Umgebung erneut anzustrengen.)
Rasch stellten wir fest, daß die These, Alkohol bzw. Drogen seien grundsätzlich eine moralisch zu verurteilende Substanz, in dieser Weise unhaltbar ist. Alternierend wurden zwei weitere Thesen behandelt: zum einen die des 'Goldenen Mittelweges', gemäß der ein gewisses (subjektives) Maß an berauschenden Mitteln den gesetzten situativen Zielen durchaus dienlich sein kann, als solches evtl. nicht allein vertretbar, sondern u.U. sogar angeraten ist (sozusagen als 'Medizin' im weitesten Sinne); zum anderen wurde in der Rolle des 'advocatus diaboli' die radikale Gegenthese zum durchrationalisierten Menschen vorgespielt, gemäß der es hieß, um Wahrheit bzw. den eigentlichen Gehalt und Zusammenhang der Dinge zu 'erkennen', müsse der Mensch sich von logischen Strukturen frei machen, in rauschhafte Zustände seiner Persönlichkeit vordringen. Entfremdung würde allererst in solcher Weise als zu überwindende Realität erkannt und zugleich auch praktisch überwunden. Ja, es sei sogar anzunehmen, daß der in gegenwärtiger Gesellschaft oft vorzufindende (sich selbst allerdings als solcher ungern preisgebende) Drogenbefürworter in einem wiederum entfremdeten Rauschzustand sich befände, da er lediglich Sorgen und Probleme bekämpfen wolle, nicht aber der Erkenntnissphäre des Berauschten sich öffnen könne.
Eine diese Argumentation kritisch aufgreifende These wurde in der 'nüchternen' Konfusion des Gesprächs nicht mehr aufgegriffen, soll jedoch hier zur (vorläufigen) Abrundung noch genannt sein. Diese These findet sich bspw. bei Sigmund Freud und lautet: "Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. ... Solcher Mittel gibt es vielleicht dreierlei: mächtige Ablenkungen, die uns unser Elend geringer schätzen lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgend etwas dieser Art ist unerläßlich. ... Solch eine Ablenkung ist auch die wissenschaftliche Tätigkeit. Die Ersatzbefriedigungen, wie die Kunst sie bietet, sind gegen die Realität Illusionen, darum nicht minder psychisch wirksam dank der Rolle, die die Phantasie im Seelenleben behauptete hat. Die Rauschmittel beeinflussen unser Körperliches, ändern seinen Chemismus. Es ist nicht einfach, die Stellung der Religion innerhalb dieser Reihe anzugeben. ..." (Das Unbehagen in der Kultur, GW XIV, 432f).


27.1.88 Arbeit

Da zwischen dem Diskussionsabend und der Abfassung des Protokolls einige Zeit vergangen ist, möchten wir hier vor allem allgemeine Bemerkungen zum Thema machen. Ansatzpunkt unseres Gespräches war der Bewertungsunterschied zwischen 'Berufsarbeit' und 'Freizeitarbeit'.Anscheinend wird Arbeit, die unter bestimmten Bedingungen (Geld verdienen, Arbeitsvertrag) geleistet wird, eher als Mühsal erlebt, als freiwillig vollbrachte.
Dem Arbeitsbegriff haftet in allen Sprachen vor allem der Aspekt der Mühsal und der harten Anstrengung an. So stand man bspw. in der Antike auf dem Standpunkt, die Arbeit des Körpers sei dem Menschen unwürdig. Allerdings galt Arbeit als 'techne' auch als dem Menschen eigene Weise der Wahrheitsfindung.
Entsprechend erklang in der Renaissance das Lob auf den homo faber. Sodann galt für Marx die Arbeit als Quelle menschlichen Lebens ("das lebenzeugende Leben"). Der oben angesprochene Bewertungsunterschied hat nicht zuletzt seinen Grund in der gesellschaftlichen und manufakturmäßigen Arbeitsteilung, die bei mangelnder Befriedigung der Wirkmächtigkeit zu übermäßigem Spezialistentum geführt hat.
Der Unterschied zwischen 'Beruf' und 'Berufung' geht auf die protestantische Arbeitsmoral (Luther) zurück. Der eigentlichen, inneren Berufung, dem Talent (bei Luther dem zum Ordensberuf) steht die äußere Berufung, der eigentliche Beruf, als Grundbegriff einer Pflichtenlehre (Gehorsam) gegenüber. Entsprechend wurde Leistungsnorm im Sinne des biblischen "im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot verdienen" hervorgehoben.
Die Verinnerlichung solcher Leistungsnorm scheint inzwischen soweit fortgeschritten zu sein, daß man trotz permanent steigender Arbeitslosigkeit zunehmend auf das Phänomen des 'workoholic' (Arbeitssüchtiger) stößt. Das wirft unter anderem die Frage auf, ob denn wirklich die Arbeitsbedingungen mit fortschreitender kultureller Entwicklung (sichtbar bspw. auch in der Zunahme 'arbeitsfreier' Zeit) menschlicher geworden sind.


10.2.88 Kolbenheyer: Ein Teilnehmer stellt seinen 'Lieblings-Philosophen' vor.
24.2.88 Volk und Entfremdung

Bei der vorausgegangenen Beschäftigung mit dem Dichter und Denker Erwin Guido Kolbenheyer wurden zwei wesentliche Punkte sichtbar: Zum einen zeigte sich, daß das Denken Kolbenheyers auf einem Volksbegriff gründet, der biologisch gedacht ist. Analog zu der Artenvielfalt im Tierreich existieren beim Menschen verschiedene Rassen. Zum anderen ist bei Kolbenheyer das Individuum stets den Erfordernissen und Zwecken der Gattung untergeordnet, d.h. der einzelne ist Mittel zur Erfüllung des Volksganzen, es gilt der kategorische Imperativ: Handle so, daß du überzeugt sein kannst, mit deinem Handeln auch dein Bestes und Äußerstes dazu getan zu haben, die Menschenart, aus der du hervorgegangen bist, bestand- und entwicklungsfähig zu erhalten.
Ausgehend von der These, daß 'Volk' als die Summe von individuellen Ahnenreihen affektiv leichter faßbar sei , während 'Menschheit' ein Abstraktum sei, wurde die Frage nach der Bedeutung von Volk, sowohl der Sache als auch dem Begriff nach, gestellt.
Ein gewichtiges Gegenargument gegen den völkisch-rassischen Gedanken ist, daß die Begriffe von Volk und Nation erst im Zuge der Französischen Revolution, der zunehmenden Industrialisierung und der Bildung der Nationalstaaten sich entwickelten. Parallel hierzu entwickelte sich übrigens auch erst der moderne Individualitätsbegriff. Erst durch die neuzeitliche Entwicklung dieser dualen Struktur kann das Bedürfnis nach Aufgehobenheit in einem (völkischen) Ganzen hevortreten.
Insofern Familie und Volk als Funktionseinheiten gedacht werden, kommt in den Blick, daß das menschliche Zusanmenleben stets in den Bereichen von Ökonomie, Sozialität und Individualität strukturiert ist. Solche Struktur:findet ihren Kristallisationspunkt in den Begriffen von Volk und Nation: So kann die Verfassung eines Staates den Minimalkonsens darstellen, um den sich entsprechend der Differenzierung der Gesellschaft die weiteren Bestimmungen gruppieren.
Ein gewichtiger philosophischer Einwand gegen den Absolutheitsanspruch von Volk und Nation wurde von Popper in Rückgriff auf Hegel vorgebracht: Hegel wird hier als Vordenker jeglichen Dogmatismus interpretiert, als er den Gedanken eines dialektisch in sich vermittelten Ganzen entwirft. Entsprechend wurde in der Diskussion auf die strukturelle Ähnlichkeit von Faschismus und Stalinismus hingewiesen.

LITERATUR:
Popper, Sir Karl - Die offene Gesellschaft und ihre Feinde
Janssen-Jureit (Hg) - Lieben Sie Deutschland?


9.3.88 Marx

Da für die Sitzung zu Marx' Entfremdungsbegriff bereits eine Zusammenfassung [Teile aus den "Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten"] verteilt wurde, soll hier auf eine nochmalige Darstellung des Argumentationsganges verzichtet werden. Stattdessen wird auf einige Thesen unserer Diskussion einzugehen sein.
Wir fragten zunächst, ob und wie denn der Mensch seine eigene Entfremdung erfährt, und stellten fest, daß dies in der Form von physischem aber auch von psychischen Leid geschehe. Für unsere Gegenwart stellte sich sogleich die Frage, ob das heute wenn-dann vorherrschende psychische Leid (Verelendung) denn ebenso wie bei Marx das Elend des Proletariats aus 'objektiven' wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten abzuleiten sei, bzw. ob es solche Gesetzmäßigkeiten überhaupt gebe. Es scheint, daß Marxens von Hegel herkommendes Absolutheitsdenken der Sachlage nicht angemessen erscheint. In diesem Zusammenhang ist auf ein 'aufgelockertes' Ursachendenken, das unseren gegenwärtigen Zustand (nach zwei Weltkriegen) im Auge hat, hinzuweisen: auf Herbert Marcuse und sein Buch "Der eindimensionale Mensch". Marcuse ist der Meinung, daß es zwar nach wie vor sinnvoll sei, zwischen einem wahren (eigentlicher Mensch) und einem falschen (entfremdeter Mensch) Bewußtsein zu unterscheiden, daß jedoch in der modernen Industriegesellschaft aufgrund einer "komfortablen, reibungslosen, vernünftigen, demokratischen Unfreiheit" die Möglichkeiten zu kritischer Abhebung eingeebnet sind, eben Eindimensionalität herrscht.
Die Frage nach dem Alibi-Verweis auf die schlechten bestehenden Zustände, die Frage also, inwieweit wir bei uns selbst nachschauen müssen, wenn wir Bestehendes kritisieren und verändern wollen, kam auch in der Diskussion auf. Der These, es gelte unsere jeweilige eigene Macht zu erkennen und einzusetzen, stand allerdings zumindest Marx-immanent die Zentralthese entgegen, es sei doch das konkrete Sein, daß das Bewußtsein bestimme. Zwar sei es durchaus möglich, daß das individuelle Bewußtsein zu einem kritischen Standpunkt gelange und in diesem bei sich selbst auch in der Bemühung zur Veränderung ansetze, jedoch sei dieser individuelle Standpunkt kein selbsterzeugter, sondern eben das Ergebnis eines "gesamtgesellschaftlichen" Prozesses. Inwieweit solcher Standpunkt überhaupt erreicht werden könne, sei nicht Ergebnis einer eigenen Konzentration und auf sich genommenen eigenen Verantwortlichkeit, sondern lediglich der im Subjektiven sich ausdrückende Standort einer historischen, auf Gattungsebene (Gesamt-Menschheitlich) sich vollziehenden Bewegung. - Es geht also bei Marx, so stellten wir fest, nicht um eine Analyse, in deren Zentrum das menschlich konkrete Individuum steht, sondern ein eigentlich nur abstrakt faßbares Gattungswesen Mensch, das seine konkrete Ausformung als Gesellschaftswesen erreicht.
In diesem Zusammenhang fragten wir auch danach, was denn eigentlich das Gegenteil des Begriffes 'Entfremdung' sei, und kamen zunächst zu dem Begriff der 'Beheimatung'. Dieser (eigentlich unmarxistische) Begriff trifft den Gehalt der Theorie durchaus, kann doch unter Beheimatung ein Aufgehobensein bei anderen verstanden werden. Allerdings enthält dieser Begriff nicht deutlich die Komponente der Freiheit im Aufgehobensein bei anderen. Als zweiter Vorschlag eines Gegenbegriffes wurde 'Mensch' genannt. Solche Vorstellung verwies uns auf einen wesentlichen Punkt, der die Marxsche Theorie trägt, nämlich die Unterscheidung zwischen dem 'Seinszustand' und dem 'Sollen'. Es kann gesagt werden, daß der Mensch bei Marx noch gar nicht Mensch ist, sondern allererst Mensch werden soll, allerdings auch Mensch werde muß (mit geschichtlicher Notwendigkeit). Inwieweit aus dem negativ beurteilten, leidvollen und zu kritisierenden Bestehenden aber solch ein positiver Entwurf eigentlichen Mensch-Seins abgeleitet werden kann, das bleibt offen. Bei Marx selbst bricht das philosophisch zentrale Kapitel seines Werkes (das Kapitel "Die entfremdete Arbeit" in den "Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten" von 1844) an der Stelle ab, an der er philosophisch danach zu fragen sucht, was die Entfremdung des Menschen begründet, wie sie überhaupt möglich ist und damit auch, worauf sich das Menschenbild in positiver wie negativer Weise stützt.


23.3.88 Werbung

Diesmal betrachteten wir das Thema Entfremdung unter dem Aspekt der Werbung: Weckt die Werbung wahre Bedürfnisse oder erzeugt sie falsche? Als Kriterium für die Wahrheit bzw. Falschheit der Bedürfnisse könnte gelten, inwieweit die Befriedigung der Bedürfnisse der Gesundheit von Mensch und Natur schaden. Mit einem wahren Bedürfnis muß dabei nicht ausgesprochen sein, daß es sich um ein immer schon (ahistorisch) vorhandenes menschliches Bedürfnis handelt. Unter diesem Gesichtspunkt behandelten wir verschiedene Aspekte von Werbung:
- Die Frage, wann Werbung eigentlich historisch entstanden ist, bspw. ob Marktschreier bereits Werbung betrieben haben, oder ob Werbung ein 'Bedürfnis' unserer modernen Zeit ist. Werbung als ein Bedürfnis kann verstanden werden von seiten des Herstellers eines Produkts, daß er auf einen 'anonymen' Markt bringen will, aber auch von seiten des Verbrauchers, der in der Werbung eine Orientierung (Bestätigung) seiner Lebensweise sucht.
- Die Frage, ob Werbung Bedürfnisse so vehement schafft oder verstärkt, daß der Einzelne sich den entsprechenden Wünschen nicht mehr entziehen kann. Unter solchen Umständen wäre zu fragen, ob der Staat durch Gesetze oder schulische Maßnahmen den Einfluß der Werbung lenken soll (aber auch kann?).
- Die Frage, ob sich der Einzelne eventuell durch Berufung auf die Raffinesse der Werbung der eigenen Verantwortung für die Schaffung und Befriedigung seiner Bedürfnisse entzieht.
- Die Frage aber auch, wo die Infamie des Werbers/Unternehmers bei dem Angebot eines gesundheitsschädlichen Produkts beginnt.
- Die Frage, inwieweit es beim Menschen auch ein 'Bedürfnis' nach zwecklosen oder gar sinnlosen Produkten, deren Anreiz erst durch Werbemaßnahmen geweckt wird (oder zumindest gefördert wird), gibt.
In einem Exkurs beschäftigten wir uns auch noch mit der Frage der Mode. Ein Doppelaspekt der Werbung, nämlich einerseits die Individualität (wie im klassischen Sinn des Werbens um eine Person) durch ein bestimmtes Produkt oder Tragen einer bestimmten Kleidung herauszustreichen, und andererseits die Konformität oder Aufhebung von 'Standesunterschieden' darzustellen, wurde hier ange- und besprochen.


20.4.88 Macht die Stadt uns krank?

"Vielleicht liegt, wie ich schon früher andeutete, einer der Gründe für den häufig wiederkehrenden Kreislauf von Wachstum, Ausweitung und Zerfall der Städte im Wesen der Zivilisation selber begründet. Wir haben gesehen, daß die Stadt in vielen Fällen dazu neigt, das organische, vielseitige Leben des Gemeinwesens in versteinerten und überdifferenzierten Formen einzuschließen, die Dauer nur um den Preis der Anpassung und weiteren Wachstums erreichen. Eben die Struktur der Stadt selber, bei der das steinerne Gefäß den Magneten beherrscht, ist vielleicht in der Vergangenheit in nicht geringem Maße für diesen Widerstand verantwortlich gewesen.
Wenn das richtig ist, so bedarf die Stadt heute vor allem einer verstärkten kollektiven Kenntnis ihrer selbst und einer tieferen Einsicht in den Ablauf der Geschichte als ersten Schritt zu Zucht und Lenkung. Das ist ein Wissen, wie es sich ein Neurotiker erwirbt, wenn er sich einem lange verdrängten kindlichen Trauma stellt, das sein normales Wachstum und die Festigung seiner Persönlichkeit verhindert hat."
(L. Mumford, Die Stadt. S. 614).
Die Diskrepanz zwischen 'ordnender Hand' und der Möglichkeit individueller Gestaltung diskutierten wir unter verschiedenen Aspekten. Erster Ansatzpunkt war die Unterschiedlichkeit zwischen 'städtischer Anonymität' und 'dörflicher Überschaubarkeit' und 'Gemeinschaftlichkeit'. Die städtische Anonymität wurde bestimmt durch das Auseinanderfallen von Wohnstadt, Arbeitsstadt, Einkaufsstadt und Freizeitstadt. Durch die Unvermitteltheit dieser Bereiche wird der Mensch anscheinend sowohl seinem eigenen Lebenszusammenhang als auch dem Mitmenschen entfremdet.
Sichert aber die Struktur des Dörflichen schon die Gemeinschaftlichkeit? Einer Bejahung dieser Frage steht das Argument entgegen, die jeweilige geplante Struktur des Gefäßes sei (zunächst) wertfrei. Die Frage richtet sich also vielmehr auf den Umgang des Einzelnen wie der Gesamtheit der zusammen lebenden Menschen in den vorgegebenen und wachsenden Strukturen. Diese Auseinandersetzung weist wesentlich über diejenige mit Architektur und Stadtplanung hinaus, auf die des sozialen und menschlichen Selbstverständnisses hin.
Auf dieser besonderen philosophischen Ebene stehen wir wiederum vor der Diskrepanz zwischen 'ordnender Hand' und 'freiem Lauf'. Wir konnten hier feststellen, daß die ordnende Hand struktursetzend wirkt (eventuell auch wirken muß), zudem dies auch oftmals in unterschiedlicher Weise (unästhetisch, nicht gemeinschaftsdienlich) tut. Dennoch zeigt sich, daß diese aufgesetzten Strukturen sich in unerwarteter Weise durch und für die Menschen verselbständigen können.
Die Frage, ob diese Möglichkeit von den Menschen (bewußt) ergriffen werden kann, muß offen bleiben. Bleibt bezüglich der menschlich-lebendigen Ausfüllung der aus Machtansprüchen Einzelner gesetzten Strukturen jedoch nur eine unbestimmte Hoffnung?
Die Hoffnung auf die positive Wirkung des freien Laufes kann nur durch die Geburt aus Praxis (auch Kritik) und in Bezug auf verändernde Praxis Realität werden.


4.5.88 Krankheit

Beim Krankheitsbegriff ist grundsätzlich zwischen zwei Aspekten zu unterscheiden: Dem Krankheitsbild als klinischer Einheit und dem subjektiven Empfinden als Beeinträchtigung bzw. Sich-Krankfühlen.
Das naturwissenschaftlich geprägte moderne medizinische Krankheitsverständnis, das sich durch einen 'objektiven' Befund auszeichnet, ist bei uns heute vorherrschend. Gesundheit wird hier als 'Ordnung' verstanden, dem eine funktionale oder strukturelle 'Unordnung' (Chaos) gegenübergestellt wird. Entsprechend versteht sich der Arzt als 'Heiler', der die entsprechende Störung repariert. Das Krankheitssymptom wird vom einzelnen als ihm fremd wahrgenommen, wobei der Körper als unabhängig vom Lebenszusammenhang gesehen wird. Der Mensch fühlt seinen Körper erst im Krankheitszustand. Auf dem Boden der medizinischen Lehre findet sich jedoch bei Hippokrates die Auffassung, es gäbe gar keine Krankheiten, sondern lediglich Kranke und individuelle Krankheitsgeschichten. Solche werden heute weitestgehend ausgegrenzt und ausgestoßen.
Seneca sieht hingegen in seinem Krankheitsverständnis vorrangig das konkrete menschliche Erleben, und dies in seiner dreigestaltigen Beschwerlichkeit: Der Todesfurcht, dem körperlichen Schmerz und der Einschränkung der Lebensfreude. Und es ist ja auch in der personalen Frage des Kranken: "Warum gerade ich?" der deterministische Krankheitszusammenhang nicht objektiv unterzubringen.
Auf subjektiver Seite jedoch ist das Erlebnis des Krank-Seins durchaus in Struktur- und Funktionszusammenhänge 'einzuordnen'. Das Krank-Sein kann als Anruf des konkreten Menschen an sich selbst verstanden werden, als ein Un-Eins-Sein mit sich selbst. Der Mensch hat hier die Möglichkeit, seinem bisherigen Lebenszusammenhang nachzufragen. Die Krankheit eröffnet damit gerade auch einen Weg, Veränderungen in seinem bisherigen Tun und Denken in Angriff zu nehmen. In dieser Sichtweise erkennt der Betreffende, daß sein Krank-Sein keine Zufälligkeit ist, wohl aber eine Zu-Fällig-Keit.
Mittels dieses Verständnisses könnte Prophylaxe betrieben werden, gegen einen Geschehenszusammenhang folgender Art: Daß die Herrschaft des VernunftIch über den Körper in der Krankheit umgekehrt wird in eine Herrschaft der Krankheit über den funktionierenden Vernunftmenschen.
Dennoch ist zu fragen, ob es mit 'rechten Dingen' zugeht, wenn ein Mensch nie krank wird.


18.5.88 Themenabend Wahrnehmung

Thesen über Wahrnehmung und Wahrheit (eines Teilnehmers):
1. Das Gehirn nimmt die Wirklichkeit (Welt) so wahr, wie es dies vermag. Die Welt ist für den Menschen nicht so, wie sie ist, sondern wie er sie wahrzunehmen vermag.
2. Die Warhnehmungsfähigkeit ist von Mensch zu Mensch verschieden. Sie hängt außerdem von den vorhandenen gespeicherten Informationen ab. Da jeder ein anderes Wissen hat, ist die Wirklichkeit nicht für alle Menschen gleich.
3. Wie das Gehirn, so ist auch die Wahrnehmungsfähigkeit im Laufe der Menschheitsentwicklung Veränderungen unterworfen. Die Wahrheit von gestern ist deshalb nicht die Wahrheit von heute. Sie steht in Bezug zu ihrer Zeit und bildet keine absolute Sache.
4. Die Frage nach der absoluten Wahrheit macht keinen rechten Sinn. Eine absolute Wahrheit kann nicht erreicht werden, ganz gleich ob sie existiert oder nicht. - Die Behauptung von Religionen oder Ideologien, die absolute Erkenntnis (Wahrheit) gefunden oder offenbart bekommen zu haben, ist falsch.
5. Machtbefugnisse, Rechte, Gesetze, Regelungen des Zusammenlebens können sich nicht auf eine absolute Gerechtigkeit (Wahrheit) berufen und sich damit als zwangsläufig und unveränderbar darstellen, sondern sie können sich höchstens als eine Vereinbarung entsprechend dem Stand der menschlichen Erkenntnis legitimieren.

Hierzu auch: "lhr Gehirn ist einmalig" - Joseph Scheppach, P.M., 4/1988
"Ist nicht auch unser Gehirn mit einem 'biologischen Computer' zu vergleichen?"
"... kann es in diesem Bericht nicht nur um physiologische Individualität des Menschengehirns gehen, sondern vor allem darum, wie unterschiedlich wir wahrnehmen und denken."
"So wurden im Laufe der Evolution Sinne und Gehirne unserer Vorfahren so lange zurechtgeschliffen, umkonstruiert und weiterentwickelt, bis sie zu dieser Wirklichkeit paßten - zumindest so weit, daß es zum Überleben reichte."
"Aber auch der kleine, uns zugängliche Ausschnitt der Wirklichkeit wird von unserem Gehirn nicht wirklichkeitsgetreu aufgenommen. Jede Wahrnehmung ist von den persönlichen Erfahrungen, Erwartungen und Zielsetzungen des Einzelnen beeinflußt."
"Es gibt keine 'wirkliche Wirklichkeit', keine objektive Wirklichkeit also, jedenfalls keine, die unabhängig von uns als den Beobachtern existiert. Kann man der Einmaligkeit jedes einzelnen Gehirns eigentlich ein schöneres Kompliment machen?"

Auf der Grundlage der vorangestellten Thesen und des Textes beschäftigten wir uns zunächst mit der Frage, inwieweit man mittels organischer Befunde der Gehirn-Aktivitäten von spezifischen Wahrnehmungsstrukturen beim (einzelnen) Menschen sprechen kann. Diese Beschäftigung zielte vor allem ab auf die Frage, wer denn der 'Organisator' der je individuellen gehirnbiologisch aufweisbaren, die Wahrnehmung vermittelnden Strukturen ist. Problematisch ist hierbei allerdings das Verhältnis zwischen kognitiver und emotionaler Lenkung der Wahrnehmung. Es zeigt sich, daß für den Gefühls- (oder auch Bedürfnis-)bereich kein wissenschaftlich nachweisbares Substrat gefunden ist. Mehr noch als im organisch vorfindbaren zeigt sich im gefühlsgelenkten Bereich die wesentliche Bedeutung des subjektiven Faktors.
Dieser Themenbereich (in der Philosophie der Unterschied zwischen reiner und affektiver Erkenntnis) wurde vorzeitig verlassen zugunsten der Frage, inwieweit eine wie auch immer geartete Subjektivität der Wahrnehmung einen allgemeingültigen Wahrheitsanspruch kritisieren muß. Die jeweils subjektiv konstituierte Wirklichkeitsauffassung muß sich im Zusammenleben als historisch-gesellschaftlich verbindende Gesamtschau ergeben. Wie dies im einzelnen gelingen kann, wurde nicht behandelt.
Diese subjektiv und sozial vermittelte (dynamische) Wirklichkeitsauffassung, die bedeutet, daß es keine allgemeingültige Wahrheit gibt, führt zu dem erkenntnistheoretischen Widerspruch, daß sie selbst beansprucht, allgemeingültige Wahrheit zu sein. In praktisch-pragmatischer Hinsicht scheint dieser logische Widerspruch jedoch unwesentlich zu sein. Denn durch das Beharren auf diesem Widerspruch wird jegliche Dynamik der Realitätsinterpretation ausgeschlossen und damit der Statik einer Ideologisierung Vorschub geleistet. Es ergibt sich hierbei die Frage, ob das Aufgeben des starren Wahrheitsanspruches eine adäquatere Sicht der 'Realität' ermöglichen kann.
Das Ziel nämlich könnte es sein, daß der Mensch seiner eigenen Wahrheit und der des Mitmenschen 'verpflichtet' ist. Eine der abschließend offenen Fragen ist die, ob der Mensch diesem Anspruch gerecht werden kann, oder ob sein Bedürfnis nach Orientierung diesem entgegensteht.


Kant und Schopenhauer

22.6.88 Kant "Was ist Aufklärung?"
6.7.88 Schopenhauer: Anläßlich Kant-Beschäftigung und 200-Jahr-Feier (nicht im Protokoll)

Ausgangspunkt unserer mehr Kant- als Aufklärungsstunde (bezogen auf "Was ist Aufklärung?") war der Kantsche Ausspruch: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Unsere Diskussion kreiste um drei Fragenkomplexe: Was heißt eigentlich Verstand-Vernunft? Bedarf es auch anderer Ansätze als dem Mut-Fassen? Inwieweit ist zur Ergreifung von Verstand-Vernunft eine Lehre bzw. ein Lehrer nötig.
Der Verstand wird von Kant als ein Vermögen gefaßt, das die in der Erfahrung gemachten Anschauungen in Begriffen bestimmt und diese in Regeln einordnet. Die Vernunft (im weiteren Sinne) faßt dies vom Verstand geleistete als allgemein zu verstehende Einheit und ist darüberhinaus vermögend, unbedingte Ideen (d.h. die von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit) zu denken. Die Vernunft ist, im Gegensatz zum Verstand, raum- und zeitlos (Kategorien, durch die der Verstand jegliche Erfahrung anschaut).
Das 'mutige' Erfassen der eigenen Verstandes- bzw. Vernunfttätigkeit ist kein 'erkenntnistheoretisches' Problem, sondern ein rein praktisches, d.h. es geht hier um das vernunftgemäße Umsetzen der Freiheit (die selbst nur 'praktisch' 'gedacht' werden kann) als vernünftig-sittliches Verhalten (gegenüber sich selbst und im Rahmen von funktionierender Sozialität). Es fragt sich hier allerdings, ob die Unmündigkeit des Menschen, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen, als Frage des Mutes angemessen gefaßt werden kann. Ist der Mensch überhaupt fähig, seinen eigenen Verstand-Vernunft zu gebrauchen, d.h. ist er in der Lage, selbständig zu denken. Dies führt zu dem in Kants "Kritiken" immanenten Widerspruch, daß der Mensch als handelndes Wesen (und das heißt immer als Vernunft- und Sinnenwesen) niemals in der Lage ist, seine Vernunft rein zu gebrauchen. Der Mensch als Vernunftwesen ist nur eine 'gedachte' Möglichkeit. Bei aller 'rechtmäßigen' und wünschenswerten Aufforderung zur Selbständigkeit auf dem Wege von 'Reflexion' des eigenen Tuns und der Zusammenhänge ist zu fragen, ob vernünftiges Handeln im Kantschen Sinne nicht wesentliche menschenadäquate Bereiche vernachlässigt, wobei gerade diese (Sinnen-)Bereiche es sind, in denen erst angemessen von Mut, Feigheit und Faulheit gesprochen werden kann. Entsprechend müßte sich Mut zur Vernünftigkeit aus diesen Bereichen speisen, bzw. ein Hindernis am Mut-Fassen im Sinne einer menschlich-fundamentalen Abhängigkeit der Vernunft von 'anderem' gefaßt werden.
Für Kant ist die Sinnlichkeit jedoch begriffen als zu überwindendes Hindernis, das der Etablierung des Vernunftwesens im Wege steht. Ist es nach Kant daher, abgesehen von der Unmöglichkeit vernünftig zu sein, für den Einzelnen möglich bzw. notwendig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und damit selbständig zu urteilen und zu kritisieren ("Kritik" als wesentlicher Begriff der Aufklärung).
Für Kant ist die Entwicklung des Einzelnen zum Vernunftwesen unmöglich. Das Vernunftwesen kann nur in einer, die gesamte Menschheitsgeschichte dauernden Entwicklung im Gattungswesen Mensch als wirksam gedacht werden. Das heißt gleichzeitig; daß der Einzelne für sich niemals in der Lage ist, völlig selbständig und damit vernünftig zu sein. Kant überantwortet daher die "Erziehung des Menschengeschlechts" dem Gelehrten, d.i. dem Philosophen, der die Fähigkeit hat, unabhängig von seiner 'Sinnlichkeit', die für die Allgemeinheit wesentlichen Fragen und die Wahrheit zu erkennen. Kants Erziehungsmodell ist daher ein solches, das dem Einzelnen Regeln und Gebote (d.h. Denkstrukturen) auferlegt, die der Gelehrte, aufgrund seiner Vernunfterkenntnis als allgemeinverbindlich setzt. (Der Einzelne würde, so Kant, eben diese vernunftgemäße Allgemeinverbindlichkeit ebenso denken, wäre er dazu im Stande, seinen Verstand und seine Vernunft zu gebrauchen).
"Der Mensch ist ein Tier, das einen Herrn nötig hat", so Kant. Herder hält dagegen, daß der Mensch, der einen Herrn nötig hat, ein Tier sei. Die Problematik der dem Selbständigkeitsgebot (theoretisch wie praktisch) entgegenstehenden historischen Verhältnisses von Lehrer und Schüler, im eigentlichen zwischen Gesetzesgeber und Gesetzesbefolger, erörterten wir am Beispiel des Schießbefehls. Die Problematik eines 'unvernünftigen' Befehls müsse doch nicht als 'Schizophrenie' im individuellen oder sozialen Bereich verstanden werden, sondern die Aufhebung dieses Dilemmas könne doch ein kritisches Unternehmen im Bereich außerhalb der Befehlsgewalt einer Harmonisierung nähergebracht werden. Unabhängig von der Fragestellung, ob ein solches Unterfangen überhaupt gelingen kann, ist doch zu berücksichtigen, daß es Kant hinter der fragwürdigen Untermauerung des Obrigkeitsstaates immer noch um die 'Diktatur der Vernunft' geht. Vernünftiges Handeln bedeutet für Kant nicht menschenadäquates, sondern eben nur vernunftgemäßes Handeln. Der Mensch, für den auf höchster Sittlichkeitsebene gilt "Du kannst, weil du sollst!", ist "aus krummem Holz geschnitzt", das zudem allererst noch geradegebogen werden muß. Ob ein Rückgrat das aushalten kann, ob es dies überhaupt aushalten soll?


Täuschungen - Enttäuschungen - End-Täuschungen

14.9.88 Geiselnahme Gladbeck
28.9.88 Terroristenbegnadigung
12.10.88 Sport-Doping-Olympia
26.10.88 Kind-Erwachsener-Unterscheidung
9.11.88 Wer erzeiht die Erzieher?

Unter verschiedenen Aspekten und in Bezug auf unterschiedliche Themen beschäftigten wir uns in unserem Gesprächszyklus im Herbst 1988 mit dem Fragenkomplex der Konstruktion und Inszenierung von Wirklichkeit: Wie wird Wirklichkeit geschaffen und warum geschieht dies in dieser oder jener speziellen Weise.
Zunächst befaßten wir uns mit der Frage der Inszenierung von Wirklichkeiten im Zusammenhang des Gladbecker 'Geiseldramas' und der Berichterstattung hierüber.
Die Leitidee dieser Diskussionsrunde war: Ist hier eine Wirklichkeit inszeniert worden, die, wenn dieses Ereignis nicht passiert wäre, nicht vorstellbar gewesen wäre? Dennoch haben die verschiedenen 'Mitspieler' (Gangster, Journalisten, Zuschauer) diese inszenierte Wirklichkeit unterschiedlich verstanden. Es scheint dabei darum zu gehen, daß beim heutigen Menschen ein Bedürfnis besteht, sich sowohl eine gute wie auch eine schlechte Welt zu erschaffen. Es wird sodann versucht, die 'schlechte Welt' lediglich aus der Position des Beobachters zu betrachten und zu bewerten; die anderen dafür verantwortlich zu machen, diese aber gleichzeitig in eine immer extremere Situation hineinzutreiben. Die Frage nach der Verantwortlichkeit ist damit allerdings nicht auf der einen oder anderen Seite zum Stillstand gekommen. Jeder der - auf welcher Seite auch immer - Mitspielenden könnte für die 'Absurdität' seiner Wirklichkeitsinszenierung ebenso zur Verantwortung gezogen wie - aufgrund welcher Motive nun auch im einzelnen - entschuldigt werden. Es scheint insgesamt um die Möglichkeiten und Grenzen einer ertragbaren Wirklichkeitsinterpretation zu gehen. Offen ist, zumindest bislang, was die Bedingungen für solchermaßen bedingte Wirklichkeitsinterpretationen sind bzw inwiefern hierfür die Verantwortungsfrage überhaupt gestellt werden kann.

Eine ähnliche Fragestellung wie in der ersten Diskussionsrunde unseres Zyklus beschäftigte uns im Zusammenhang mit dem Dopingskandal bei der Sommerolympiade in Seoul: Hier interessierte uns die Möglichkeit der Ausweichmanöver in Bezug auf eine als hartbeanspruchend erlebte Realität.
Die sportlichen Veranstaltungen werden nicht mehr als Spiel und bloße Unterhaltung genossen, sondern sie stehen stellvertretend für die als hart empfundene, aber nicht bewältigte Realität. Auch für den Sportler handelt es sich bei seinen Aktivitäten nicht um Spiel, sondern er stellt sich selbst unter der Lebensmaxime, daß man durch besondere Leistung zum Erfolg (zur angeblichen Bewältigung) komme, auf derselben Ebene wie der Zuschauer für eine gemeinsame Inszenierung zur Verfügung. Durchbricht nun ein einzelner erfolgreicher Hochleistungssportler diese Übereinkunft durch eine 'Lüge', so entsteht die Problematik einer weittragenden Desillusionierung. Der Zuschauer entzieht dem Sportler, aber vor allem auch sich selbst, die Anerkennung für die Inszenierung; und er gibt dem Sportler die zu verantwortende Schuld: dafür nämlich, daß die gemeinsam inszenierte Wirklichkeitsinterpretation nicht hinlangt. Offensichtlich wird im folgenden stärker nach einem Illusionsersatz gesucht, als daß nach 'angemessenem' Umgang mit dem sich zeigenden Sachverhalt Ausschau gehalten wird. (Nachtrag: Ben Johnson wurde in seinem Heimatland zum Sportler des Jahres 1988 gewählt.)

Auch beim nächsten Thema beschäftigte uns die Frage nach den Illusionsmöglichkeiten von Wirklichkeitsinterpretation bzw. nach den Möglichkeiten des Ausgleichs für eigene Realitätsproblematiken. Nämlich als die Frage, ob Kinder als Ersatz für nicht selbst übernommenes und geführtes Leben beansprucht werden können und werden. Dies beschäftigte uns in dreifacher Hinsicht:
1) Warum überhaupt Kinder? (Warum eigentlich keine Kinder?)
2) Unterschied Kind-Sein - Erwachsen-Sein
3) Erziehungsproblematik: Wer erzieht die Erzieher?

ad 1) Ist der Wunsch nach Kindern ein existentielles Bedürfnis, oder sind Kinder eine Krücke zur Selbstbestätigung?
Ist es überhaupt möglich, einem Menschen (Kind) ein eigenständiges Leben zu ermöglichen bzw zu erlauben, wenn man selbst evtl. dazu gar nicht in der Lage ist?
Kinder können unter Umständen als Ersatz für andere Lebensbereiche (Beruf, Partnerschaft, Sozialität) herangezogen werden, wie allerdings auch umgekehrt. D.h. das Kind wird vorgeschoben, damit man nicht selbst leben muß. Die Rekurrierung auf einen 'Arterhaltungstrieb' kann diese Möglichkeiten nicht erfassen. Daß Menschen mit Kindern sich weniger egoistisch darstellen, erscheint lediglich als oberflächliche Interpretation. Der in solchen Zusammenhängen oft angewandte Satz "Ich will ja nur dein Bestes" zeigt vor allem die Problematik der elterlichen Ansprüche (> "Aber du bekommst es nicht"). Aufgrund dessen kann allerdings nicht schon behauptet werden, es sei auch ein selbstloser Umgang mit Kindern möglich. Die in unserem Zusammenhang auch gestellte Frage "Warum eigentlich keine Kinder?" könnte eine Möglichkeit der gemeinsamen Weiterentwicklung von Kind und Eltern anzeigen. Die differenziertere Frage "Muß ich mich entschuldigen, daß ich ein Kind geboren (gezeugt) habe (eines zur Welt bringen möchte)?" kann nämlich nur im Horizont des Angewiesenheitsverhältnisses von Kind und Eltern, nicht aber primär oder davon unabhängig im gesellschaftlichen oder menschheitlichen Rahmen beantwortet werden; es ist allemal eine konkrete Frage an einen konkreten Menschen in einer konkreten Situation. Mögliche Antworten auf diese Frage (bspw. "Ich möchte erst Kinder, wenn ich selbst das Leben kennengelernt habe", "In diese Welt möchte ich keine Kinder setzen" oder "Ich möchte alsbald Kinder, um noch mein Leben genießen zu können, wenn ich mich nicht mehr so stark um sie kümmern muß") betreffen immer direkt das konkrete Leben der (möglichen) Eltern und der (möglichen) Kinder. Inwieweit sich in solcher jeweiligen Wirklichkeitskonstruktion Illusionierungen aufweisen lassen, zeigt sich im Selbstverständnis der potentiellen Eltern bzw. im Verhältnis der Eltern mit den Kindern; erst sekundär (jedoch evtl. erst hier manifest werdend) zeigt sich dies auf gesellschaftlicher bzw. kultureller Ebene. Auf alle Fälle ist davon auszugehen, daß sich die Konsequenz 'meldet'.

ad 2) Erwachsenwerden kann insgesamt verstanden werden als ein Hineinwachsen, ein dynamischer Prozeß, ein Nicht-auf-der-Stelle-bleiben.
Im folgenden gelangten wir zu acht, unter Umständen allerdings sich widersprechenden Bestimmungen des Unterschiedes von Kind-Sein und Erwachsen-Sein:
1. Def: Kinder sind zu verstehen als potentielle Menschen, tragen in sich die Möglichkeit Mensch zu werden; sie sind vorvernünftig, avernünftig, ungenau. Erwachsene hingegen haben Selbstbewußtsein, Vernunft, sind ausgebildete Menschen. "Erwachsen ist man, wenn man weiß, daß man erwachsen wird."
2. Def: Erwachsen ist man, wenn man klare Entscheidungen treffen und durchziehen kann.
3. Def: Erwachsenwerden geschieht durch Riten (Firmung, Kommunion, Beschneidung, Reifeprüfung), die zwar kulturell unterschiedlich, in irgendeiner Form jedoch immer aufweisbar sind.
4. Def: Hilfesuchen vs Selbständigkeit (Aushalten); Standhalten vs Flüchten; Lenken vs. Gelenktwerden (Leiten lassen) sind die unterschiedlichen Verhaltensmodifikationen von Kindern und Erwachsenen. Erwachsensein bedeutet dabei: Handeln, ohne Kindheitsformen ständig zu reproduzieren.
5. Def: Kindheit entspricht Starrheit (Schablonen); Erwachsen-Sein hingegen bedeutet (zumindest im positiven Sinne) Lockerheit, Freiheit. Der Erziehungs- bzw Entwicklungsgedanke lautet hier: Das Kind aus seiner Starrheit befreien.
6. Def: Erwachsenwerden geschieht durch Rollenübernahme. Aus der Freiheit des Ungeformten in eine Form geraten. Dabei ist der gesellschaftliche Druck der Rollenprägung entscheidend.
7. Def: Erwachsen-Sein ist eine Illusion.
8. Def: Erwachsen-Sein entspricht dem Besitz von Kritikfähigkeit.
Erstaunlicherweise kam in den erarbeiteten Bestimmungen der Begriffe Kind-Sein und Erwachsen-Sein kein Akzentuierung der Rolle des Todes zum Ausdruck (End-Täuschung?!).

ad 3) Entscheidend für den gesamten Themenkomplex Erziehung ist, daß die Lebensführung dem Menschen ein offenes Problem ist; daß er nach Orientierungshilfen suchen muß im selben Maße wie er sein Sein leben muß; daß ihm aber zunächst keiner sagen kann, wie man das richtig bewerkstelligt. Dem steht gegenüber, daß die Eltern bzw Erzieher der Situation nicht auskommen können, den Kindern permanent und von Beginn an die Welt bzw. die Realität interpretieren zu müssen und damit zwangsläufig für die Kinder fremdbestimmte Wirklichkeitskonstruktionen aufbauen. Dieser Problematik kann sich auch eine antiautoritäre Pädagogik nicht entziehen (wenngleich sie das versucht hat). Von der Seite des zu Erziehenden könnte gesagt werden, daß er Grenzen sowohl zur Selbstbestimmung als auch im weiteren zur (möglichen) Überschreitung und somit Selbstfindung in Abgrenzung benötigt (Mögliche Desillusionierung als Selbstwahl).
Offensichtlich verhält es sich im Horizont von Pädagogik so, daß - sind einmal (wie frag-würdig auch immer) Richtlinien und Ziele der Erziehung aufgestellt - diese nicht in der Form von Vernunftappellen an die zu Erziehenden herangetragen werden können. Entscheidend für diesen Prozeß scheint vielmehr der Bereich der Emotionalität zu sein (daß bspw. die Motivation für eine Sache nur über einen persönlichen Bezug herzustellen ist). Solche Erkenntnis erspart jedoch nicht die Frage, aufgrund welcher Argumente die Autorität sich 'legitimieren' kann. Zu berücksichtigen wäre hier die Unterscheidung zwischen 'Autorität haben' und 'autoritär sein'. Die angesprochene Frage und Unterscheidung läßt sich jedoch nicht ohne eine eingehendere Diskussion des Problems von 'Macht und Moral' - das uns in einem Zyklus im Frühjahr 1989 beschäftigen soll - auflösen.
Zur Diskussion in unserer Runde stand allerdings die Frage "Wer erzieht die Erzieher?". Umformuliert wurde diese Frage im Zuge unserer Diskussion zu "Wie wird man ein idealer Lehrer?". Diese Frage stand zunächst im Spannungsfeld von 'Erziehung muß sein' und 'Angst vor Erziehung (erziehen müssen)'. Es wurde ein Erspüren des richtigen Handelns als Erzieher propagiert, eine gefühlsmäßige Verbindung aus den Komponenten dessen, was man erreichen will, und dessen, was man erreichen kann. Hieraus kristallisierte sich die Forderung nach 'optimalem' Eingehen auf den zu Erziehenden, letztlich die Forderung eines offenen Wechselspiels. Die Frage nach der Erziehung der Erzieher wurde unter das Ideal einer wechsel- und gegenseitigen 'Erziehung' von Erzieher und zu Erziehendem gestellt. Dies solle einen beidseitigen Verselbständigungsprozeß bedeuten. Jedoch wurde immer wieder betont, daß es für jeglichen Prozeß von Erziehung keine Garantie auf das Gelingen geben könne. Welche Bedeutung solch eine Aussage für das Prinzip von Erziehung überhaupt hat, wurde allerdings nicht behandelt. Diese Frage führt uns zurück auf die Problematik von Autorität und den Sachverhalt, daß der Erzieher (die Eltern) gegenüber dem Kind unausweichlich wirklichkeitskonstituierende Autorität besitzt. Offen ist an diesem Sachverhalt zunächst, wie dieses Autorität-Sein zu verstehen ist; d.h. ob man sich selbst als Autorität von innen heraus, fremdbestimmt oder womöglich in Distanzierung zur Übernahme der Autorität in irgendeiner Form bestimmt. Diese Möglichkeiten stehen in einem engen Verhältnis zur Frage nach der Verantwortlichkeit und der Übernahme von Verantwortlichkeit, sei es sich selbst, sei es anderen gegenüber. Dieses Problemfeld soll uns im ersten Zyklus des Jahres 1989 beschäftigen.