Die Projekte Philosophischer Gesprächskreis

Archiv Gesprächskreisprotokolle: 1992


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Die hier ausgeführten Protokolle sind Gedächtnisnotizen, die nicht an die Teilnehmer weitergegeben wurden.


Zyklus Geschichte

Zyklus Zur Rolle der Philosophie


Geschichte


Ankündigung

In Anlehnung an unseren letzten Zyklus, in dem wir uns auf den Machtbegriff konzentrierten, wollen wir auch diesmal zunächst versuchen zu fassen, was der Begriff beschreiben will, um sodann die Facetten und Bedeutungsgehalte im einzelnen näher zu beleuchten.

Diskussionsverlauf

Begriffsklärung: Was ist überhaupt Geschichte? Warum beschäftigen wir uns mit ihr?
Sobald man in Gesellschaft lebt, lebt man in Geschichte.
Etymologie: Geschichte: <geschehen> Ereignis, Zufall, Hergang, Geschehnis; Historie: <Historia> Wissen, Kunde (der Kundige, Zeuge).
Entwicklungsstufen der Erde werden auch als Geschichte bestimmt, ist aber nicht vom Menschen geprägt.
Europäische Geschichte: Menschen glauben, daß sie sich in einer Entwicklung befinden (auch moralische Vorstellung, daß es immer besser werden soll); es gibt aber auch Gesellschaften, die keinen solchen Entwicklungsgedanken haben > geschichtslos?
Geschichte als Ablauf und Geschichte als Bewußtseins- bzw. Reflexionsprozeß (Vergleich: Philosophiegeschichte und Geschichtsphilosophie) > Historie als 2. Begriff (für die Reflexion).

Was ist wichtig als Geschichtsereignis festgehalten zu werden?
Hat Geschichte Wahrheitsanspruch (auch: geschichtliche Tatsachen)?

These: Geschichte besteht nur aus Kriegen
These: Geschichte ist die Auswirkung von Geschehnissen; Erweiterung: Geschichte ist die Summe der einzelnen (individuellen) Geschichten (berechtigte Zweifel).
These: Geschichte wird reguliert von natürlichen Regularien (z.B. Krankheiten, "Naturkatastrophen").
> Wer ist das Subjekt des "geschichtlichen" Prozesses? (Getriebensein und Selbst-in-die-Hand-nehmen)

Dritter Begriff neben Natur-, Erdgeschichte und Menschheits-, Kulturgeschichte: individuelle Lebensgeschichte (Anzweiflung, ob es die überhaupt gibt).
Kann sich der Einzelne aus der Allgemeingeschichte heraushalten?
Wer ist Subjekt der Geschichte?
Geschichte selbst, Menschheit insgesamt; stellvertretende einzelne Menschen; der jeweilige konkrete Einzelne.

These: Geschichte ist eine (abendländische) Weltanschauung.
Kirche mit besonderem Einfluß in der Geschichtsschreibung will eigentlich keine Geschichtlichkeit.
Hat Geschichte Wahrheitsanspruch (auch: geschichtliche Tatsachen)?
Inwieweit brauchen und mit welchen Methoden suchen wir Systematik in der "Geschichte"?

Warum beschäftigen wir uns mit Geschichte?
Um daraus zu lernen (für Gemeinschaft; für Einzelnen), als bereichernde Kenntnis der Lebensvielfalt mit der Folge einer nötigen Einschätzung des Zur-Kenntnis-Genommenen.
Frage, ob Geschichte der Moralität hilft (Nietzsche - Über den Nutzen der Historie für das Leben).

These, daß Geschichtsbewußtsein und Frage nach "Warum beschäftigen wir uns mit Geschichte?" darauf hindeutet, daß anderes Zeitbewußtsein und anderer Zeitbegriff (nicht chronologisch) aufscheint. Historische Zeiten können "vergegenwärtigt" werden. Zeitreise ist möglich, verweist auf "Zeitfreiheit".
Zeitbegriffe auseinanderhalten; Geschichte ist alles > beliebige Interpretationsmöglichkeiten; Betretenheit durch Bspl. Ausschwitzlüge; Verweis Diskussion "Exotik"; Bedeutungshorizont eigene Lebensgeschichte; Jesus-Papiere-Bspl.: Warum ist uns das nicht egal; Beschäftigung mit Geschichte als "Erholung-Entspannung", "Heldenbild", "Flucht".

Verantwortung für Geschichtsbild; Geschichtsabhängigkeit der Ideen und Interpretationen; Diskussion zur Rolle der Philosophen, die evtl. außerhalb ihrer Zeit stehen; Diskussion zum Selbstverständnis der Philosophen als kompetent in Bereichen, wo Fragen in Hinblick auf fehlende Orientierung gestellt werden (z.B. inwieweit Grüner Punkt philosophisches Thema sein kann).


zur Frage nach der Rolle der Philosophie


Ankündigung

Nach dem Abschluß des Zyklus zum Thema Geschichte steht noch immer die angekündigte Runde auf der Grundlage der Fernsehdiskussion "Herrscher ohne Reich. Können die Philosophen die Welt verändern?" aus. Diese Diskussion kann mit in den Herbstzyklus eingebaut werden, für den ein Themenspektrum angeboten werden soll, das beim ersten Treffen Mitte September sodann ergänzt werden kann und in konkrete Bahnen gebracht werden wird.
Das Themenspektrum setzt sich vorerst zusammen aus den Fragen:
- In welcher Weise kann Philosophieren dem "Leben" und der "guten Sache" dienen?
- Was ist eigentlich die "gute Sache"?
- Mit welchen Realitäten haben wir zu tun?
- Was ist eigentlich Fortschritt?
- Was ist eigentlich Gerechtigkeit?

Meta-Papier

Aus den Diskussionen entwickelte sich auch die Frage nach verschiedenen Rollen der Diskutierenden. Hierzu Leo Allmann:

Philosophie - ein Spielraum. Eine Gruppe. Drei Teilgruppen. In Gruppe A spielt man sich die Bälle zu. Gruppe B sucht den Anschluß und findet ihn hin und wieder (doch mehr schlecht als recht, wie man sagt.) Gruppe C spielt nicht mit - das heißt am Ende doch: es werden Noten verteilt, oder man kündigt den Rückzug an: abschließende Bemerkungen.
Wird so der Spielraum Philosophie ausgenutzt? Es scheint, er wird erst gar nicht gesehen. Die Fachsimpelnden (Gruppe A) kürzen unverschämt ab, die Getreuen (Gruppe B) hinken hinterdrein, die Aussteiger (Gruppe C) versäumen ihren Einsatz. Allen entgeht die Gelegenheit anzufangen. Den seinen, weil sie sich fortgeschritten wähnen, den anderen, weil sie sich als Anfänger genieren, den dritten aus Verärgerung.
Der Anfang ist das einzig fruchtbare Ende.
(So weit das ABC)
Was oder wer immer sich ent-schließt, mitten ins Geschehen auf-bricht: es spielt zusammen. Darauf ist Verlaß wie für den Gläubigen auf Gottes Allgegenwart. (Hölderlin: "Was geschieht, es sei alles gesegnet dir! Sei zur Freude gewandt!") Gewiß, immerzu sind wir Sterbende; und ebenso gewiß, wir haben noch ein zweites Ende - wie die "Wurst", um die es geht.
Der Anfang kann wie der Igel dem Hasen jeden "Fortschritt in die Katastrophe" zurufen: "Ich bin allhier!"
An Genügen überbietet keine Leistung noch Erfahrung noch Kunst des Sterbenden Traum.