Die Projekte Philosophischer Gesprächskreis

Archiv Gesprächskreisprotokolle: 1995


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Die hier ausgeführten Protokolle sind Gedächtnisnotizen, die nicht an die Teilnehmer weitergegeben wurden.
Erst seit August 1998 werden die Protokolle einigermaßen regelmäßig aktuell auf der Website veröffentlicht.


Zyklus Zukunftsperspektiven

Protokoll des Vortrages von Walther Zimmerli - Zeit als Zukunft (TU München, 13.2.95)


Zukunftsperspektiven


Ankündigung

Unser "Philosophischer Gesprächskreis zu aktuellen Themen" nimmt mit Beginn des Neuen Jahres seine Arbeit in neuer Form auf. Bei dem Einführungsabend im November im Familienzentrum Trudering wurde von den zahlreichen Teilnehmern beschlossen, daß wir uns zunächst für einige Abende in der "großen Form" treffen wollen und dabei ausprobieren, ob eine philosophische Diskussionsrunde in dieser Weise produktiv gestaltbar ist. Die Option der Aufteilung in kleinere Gruppen bleibt bestehen.
Für den neuen Zyklus soll - da wir keine Diskussion zu alternativen Themenaspekten führten - der Phänomenkomplex der 'Endzeitstimmung', der allgemeinen 'Verdrossenheit' und 'Perspektivelosigkeit' bestehen bleiben. Wir wollen (auch anhand unterschiedlicher philosophischer Ansätze) selbst auf den Weg finden, Zukunftsperspektiven zu erarbeiten und Ansätze für eine 'Umsetzung' zu gewinnen.

Folgender Satz soll hierzu nochmals ins Gedächtnis gebracht werden:
"Wenn die Leute nur endlich einsehen lernten, daß Luftschlösser fertigbauen das solideste Realitätengeschäft ist und der Grund sie obendrein gar nichts kostet."

Leo Allmann: Zum Selbstverständnis

Auch: Zu einer Position im Gesprächskreis hinsichtlich "Umsetzung in die Tat"

Philosophie anwenden heißt philosophieren

Ein "Institut für dialogische und angewandte Philosophie" wäre schlecht beraten, wollte es, um "anwendungsorientiert" zu sein, dem philosophischen Element sein spezifisches Gewicht absprechen. Ein solcher "Dialog" würde vor dem Unbekannten zurückweichen ins Bekannte; er würde die befremdende Wirklichkeit auf überschaubare Modelle reduzieren, das Erstaunlichste "interessant" und damit unwesentlich machen. Der Weg der Philosophie ist umgekehrt der vom Bekannten ins Unbekannte; er folgt keiner "Methode", die immer nur von außen der Sache aufgesetzt werden kann.
Das Philosophieren nimmt eine Verlegenheit in Kauf, die sonst überspielt zu werden pflegt. Philosophie anwenden heißt Ernst mit ihr machen - es gibt keine anderen Sprachen für den "Ernst des Lebens", weder therapeutische noch politische. Denn diese "angewandten Wissenschaften" sind als professionelle Umgangs-Formen allesamt der "Logik der Ent-Fremdung" verfallen, um ihren Betrieb aufnehmen zu können. Durchaus nicht als Lokomotive vor diesen "Zug der Zeit" bedarf es eines philosophischen Engagements, sondern dessen "Logik der Be-Fremdung" ist allenfalls angebracht, um den Geist zu wecken, der die Fortschritt genannte Katastrophe noch zum Stillstand kommen läßt.

Leo Allmann: Wieso die Zukunft aus der Mode ist

Zum Erstaunlichsten gehört die Zeit. Dem, was wir Zeit nennen, ist geschuldet, daß alles kommt und geht. Wirklich alles? Oder gibt es neben diesem Zeitlichen auch im eigentlichen Sinne Zeitloses?
Im übertragenen Sinn sprechen wir von Zeitlosem, wenn etwas Zeiten, "Moden" überdauert. Auch von der Philosophie heißt es, sie sei zeitlos, "immerwährend" : philosophia perennis - es sei denn, es handelt sich um bloße Modephilosophie.
Die Zeiten ändern sich, das heißt: regelmäßig werden aus modernen antiquierte Zeiten. So ist die Zeit der Zeiten Feindin.
Es muß demnach zwischen dem Zeitlichen und dem Überzeitlichen unterschieden werden. Das Überzeitliche überdauert Zeitliches.
Dem eigentlich Zeitlosen allein kann man keine Dauer zumessen. Es bewegt sich nicht in der zeitlichen Dimension; es bewegt sich überhaupt nicht. Alles, was Zeit hat, hat Bewegung, und alles, was Bewegung hat, hat Zeit, das eigentlich Zeitlose kommt nicht und geht nicht. Es steht ganz außerhalb der Zeit.
Das Überzeitliche hingegen steht innerhalb der Zeit. Es kommt, indem es geht, und geht, indem es kommt. So kann es nicht veralten. Je älter es wird, desto jünger erhält es sich. Das Überzeitliche ist das Ideal alles Zeitlichen.
Die Zukunft gehört dem Überzeitlichen; es ist jederzeit "all hier", wie der Igel im Märchen. Zeitliches jedoch, so jung der Hase auch sein mag, befindet sich von Anfang an auf dem Abstellgleis des Vergehens. Wir können uns nicht weiter bewegen als bis zu dem, was bleibt.
Nicht ob sondern wie wir am besten "aus der Mode kommen", ist also hier die Frage.

Leo Allmann: Stellungnahme

(auf der Basis meiner Aussage im Gesprächskreis am 8.2., es gäbe wohl so viele Meinungen, was Philosophie sei, wie Philosophen)

Warum es nur EINE Philosophie gibt - höchstens

Es bereitet kaum Schwierigkeiten, nur EINE WISSENSCHAFT anzunehmen, der die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen Beiträge liefern. Soweit man überhaupt von "Wissenschaften" redet, geht man von der Auffächerung aus, die für den Wissenschaftsbetrieb bezeichnend ist.
Anders verhält es sich mit dem weltanschaulichen Spektrum. Für dieses ist gerade die VIELZAHL DER WELTANSCHAUUNGEN charakteristisch, die einander seltener ergänzen als anfeinden. Selbst der "Pluralismus", mit dem man den Absolutheitsanspruch von Weltanschauungen einzudämmen vermeint, ist nichts anderes als ein weltanschauliches Unterfangen. Wie könnte man auch prinzipiell, also mit Absolutheitsanspruch, jeder möglichen Weltanschauung die absolute Geltung aberkennen! Jeder "Relativismus" kommt nicht umhin, mit den "Fundamentalismen" lediglich in Konkurrenz zu treten, und steht per se der Wahrheit durchaus nicht näher. Jede Weltanschauung ist eben ein Fundamentalismus, ob wir es nun mit einem Fundamentalismus der Unbescheidenheit oder mit einem der Bescheidung zu tun haben.
Philosophie ist weder Wissenschaft noch Weltanschauung - oder es gibt sie gar nicht. Sie ist, mit Aristoteles gesprochen, "die gesuchte Wissenschaft". Am ehesten erscheint sie noch der wissenschaftlichen Grundlagenforschung verwandt. Doch bei allem Spielraum, der Grundlagenforschern zugestanden wird, sie sind am Ende doch gehalten, Resultate zu liefern, das Auf-der-Suche-Sein durch eine Versiertheit abzulösen. Man will in der Grundlagenforschung nicht zur Wirklichkeit, sondern auf Ideen, auf neue Modelle des Wirklichen kommen. Die Grundlagenforschung ist ein Instrument des Wissenschaftsbetriebs und daher fern von Philosophie, die im Auf-der-Suche-Sein unentwegt verweilt und sich nicht instrumentalisieren läßt - es sei denn, sie ist gar keine.
Die Philosophen haben zu der EINEN Philosophie verschieden beigetragen. (In diesem uneigentlichen Sinne gibt es "viele Philosophien".) Es ist aber selbst ihnen allzuoft auf anderes angekommen, nämlich auf Wissenschaft und/oder Weltanschauung.
Philosophieren heißt, der Versuchung, konstruktiv zu sein, nicht erliegen, heißt SEIN LASSEN was ist.
Aber wie können wir noch Einblick nehmen in das, was ist, bei einer derart mit Konstruktionen verstellten Sicht?


Walther Zimmerli - Zeit als Zukunft

Aufgrund der Nähe zu unserem Thema gab es die Empfehlung, diese Vortragsveranstaltung an der TU München zu besuchen.
Protokoll: Wolfram von Berg

Prognosen haben nichts mit Zukunft zu tun. Denn: Prognosen sind wissenschaftliche, logische Folgerungen, bei denen "Zukunft" definitionsgemäß nicht genannt ist (höchstens erscheint die Zeit als "t").

Aristoteles: Futurische Aussagen haben keinen Wahrheitswert; gegenteilig zu wissenschaftlichen Prognosen und gegenteilig zur "Pythia" (Orakel von Delphi).
Auseinandersetzung mit dem Orakel auf wissenschaftstheoretischer Ebene: Das Pythia Syndrom: Struktur der Orakelsprüche (und heute genauso der "Bauernregeln" und "Horoskope") ist die Mehrdeutigkeit, wodurch sich nachträglich immer eine Richtigkeit des Orakels herausinterpretieren lasse. Hierfür zwei Beispiele:
- Kroisos der Lyderkönig will gegen Persien Krieg führen und befragt das Orakel. Dies sagt: Du wirst ein großes Reich zerstören. Kroisos interpretiert, dies sei das Reich der Perser, es wird aber sein eigenes sein.
- Sokrates-Apologie: Chairephon (seinerzeit bereits gestorbener Freund des Sokrates) war beim Orakel um zu erkunden, wer der Klügste der Menschen sei. Das Orakel antwortet: Sokrates. Dieser will das nicht glauben und befragt all diejenigen, die er für klüger als sich selbst hält. Er kommt zu dem Ergebnis, daß diese nichts wis-sen (wir er selbst), er jedoch immerhin wisse, daß er nichts wisse und damit wohl tatsächlich der Klügste sei.
Nötig für das Funktionieren der Orakelsprüche sei also: 1. Die Kooperation derer, die an Zukunft interessiert sind; 2. Die Interpretation einer spezifischen Deutung als ihrer Deutung und das Handeln unter der Bedingung des Nicht-Wissens.

Einteilung des weiteren Vortrags unter drei Punkte:
1. Zeit als Zukunft (Zukunft ist - senu strictu - Zeit erster Ordnung; Vergangenheit und Gegenwart sind Derivate oder Zeit zweiter Ordnung);
2. Bedeutung von Messung und Medien für unsere Zeitwahrnehmung;
3. Näheres zum Begriff der Prognose (dies nurmehr rudimentär vorgetragen)

Ad 1.

Wir wissen nichts über die Zukunft, haben aber dennoch Wissen über unser Zukunftswissen. Wir wissen nämlich, daß wir sie nicht kennen und wir wissen, daß wir sie nicht kennen können. (Verweis auf Popper und sein "schlagendes" Argument: Wenn Zukunft bekannt wäre, dann müßte auch das Wissen der Zukunft bekannt sein; dann wäre es aber gegenwärtig und somit nicht mehr Zukunft.
Einige kleine Einblicke in Zukunft könnten wir allerdings schon haben, wie uns Albert Einstein bzgl. der Raum-Zeit-Relativität aufgezeigt hat. Dies wird an einem "Autobahnbeispiel" verdeutlicht: Wir kommen an einem Stau, der sich auf der Gegenfahrbahn gebildet hat vorbei; nach einer Weile sehen wir, wie am Ende dieses Staus die Autos allmählich auf diesen Stau auflaufen. Für uns ist der Stau zwar Vergangenheit, wir kennen ihn aber als die Zukunft des anderen Systems (der Autos auf der Gegenfahrbahn).
Dies führt hin zu der Feststellung, daß Zukunft - so wie Zeit überhaupt - beobachterrelativ sei. Für Zukunft gelte dies sogar in noch stärkerem Maße als für die sonstige Zeit.

Zu unterscheiden sei zwischen 2 Formen von Zeitrelationen (McTaggert): Der Relation "früher - später" und der Relation "Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft". Hinter dieser Unterscheidung steht die Behauptung: Was einmal "früher" war, ist im-mer "früher"; was einmal "später" ist, ist immer "später"; d.h. diese Relation ist beobachterunabhängig. Andererseits wird "Zukunft" einstmals "Gegenwart" und diese "Vergangenheit"; d.h. diese Relation ist beobachterabhängig.

Zimmerli geht davon aus, daß der Mensch ein zeitkonstituierendes Wesen ist: Dabei ist die Gegenwart zu verstehen als Transformationsprozeß von Zukunft in Vergangenheit.
Kritisch ist gegen diese Position Einwand durch Ilya Prigogine erhoben worden, der behauptet, solch ein Verständnis sei selbst Element der "Naturzeit". Die Gegenwart sei dann der Punkt, an dem die "Früher-Später-Relation" konstituiert werde.

Fest scheint zu stehen, daß der Zeitpfeil (die Entropie) gebrochen ist, nämlich zwischen Vergangenheit und Zukunft; es sei deutlich auszumachen, daß zwischen Vergangenheit und Zukunft ein qualitativer Unterschied bestünde: Bezüglich der Zukunft haben wir nur Möglichkeitskategorien zu ihrer Beschreibung; bezüglich der Vergangenheit besitzen wir Wirklichkeitskategorien. Kausalreihen sind auf Zukunft gar nicht anwendbar, während Vergangenheit "an sich" ein wohlgeordnetes System darstellt. Zukunft ist - wenn überhaupt - nur "halbgeordnet", eine "Melasse": "Wir bewegen uns in einem Horizont von Honig, Halbgeordnetheit".
Diesem Verständnis wird - so Zimmerli - von Niklas Luhmann entgegengehalten, auch Vergangenheit sei nur nach Möglichkeitskategorien zu beschreiben. Zimmerli verdeutlicht, daß Vergangenheit zwar immer (unterschiedlich) interpretiert werden kann, daß es sich aber bezüglich Vergangenheit und Zukunft um zwei unterschiedliche Möglichkeitsbegriffe handelt: Bezüglich der Vergangenheit handelt es sich um Möglichkeiten, "bestehende Tatsachen" unterschiedlich zu interpretieren, bezüglich der Zukunft handelt es sich um die Möglichkeit der Freiheit, ob eine (bestimmte) Struktur entsteht.
"Wir sind Gegenwartswesen, aber damit zur Beobachtung verurteilt, verurteilt Zukunft in Vergangenheit zu verwandeln." Dies ist Zimmerlis Bestimmung menschlicher Freiheit. Konkretisierend heißt dies: Freiheit wahrnehmen bedeutet, Möglichkeit in Wirklichkeit zu transformieren.

Zur weiteren Entwicklung der These von der Zeit als Zukunft wird eine Grundaussage von Carl Friedrich von Weizsäcker herangezogen: Wir bräuchten eine "Uralternative", um die Zukunft als Möglichkeit zu verstehen. Diese Uralternative ist "Information" (Information ist hier nicht semantisch - bedeutungsmäßig - gemeint, sondern nach der Definition von Shannon: Information ist der Unterschied - ist ein bit (0 oder 1; Ja oder Nein)). Weil "Möglichkeit" die Voraussetzung schlechthin ist, ist die Grunddefinition von Zeit die Zukunft. Die Wirklichkeit des Abgelaufenen (Vergangenheit) ist dadurch Zeit zweiter Ordnung. Diese These führt zu der - von Zimmerli selbst als "falsch" bezeichneten, weil einseitigen, jedoch mit heuristischem Wert (dem Auffinden von Neuem dienend) behafteten - Aussage: "Zeit gibt es erst, seit die Evolution zeitkonstituierende Wesen hervorgebracht hat"; vorher gab es lediglich "Früher-Später-Relationen".

Ad 2.

Unsere Zeitwahrnehmung ist vor allem technisch vermittelt. Dabei ist zwischen drei Formen des Zeitbewußtseins zu unterscheiden (nach Ramstett (?)):
Das occasionelle Zeitbewußtsein herrschte vor, bevor es zeitbewußte Wesen gab; es ist archaisches Zeitbewußtsein (Früher-Später-Relation).
Das zyklische Zeitbewußtsein findet sich vor allem in der Epoche der Antike und ist gekennzeichnet von z.B. religiösen Zeitzyklen, dem Gedanken der Wiedergeburt etc. Um etwas über die Zukunft zu erfahren, muß man in die Vergangenheit blicken.
Das lineare Zeitbewußtsein ist nochmals in zwei Aspekte zu unterteilen: Das lineare Zeitbewußtsein vor bestimmten Zukünften, wie es z.B. im Mittelalter vorherrschte, wo Zukunft auf ein bestimmtes Ziel hin ausgerichtet (Teleologie) gedacht wurde, und ein lineares Zeitbewußtsein vor offenen Zukünften, wie wir es in der Neuzeit und immer deutlicher bis heute etabliert finden. Dabei ist zu erwähnen, daß mit der Ablösung eines "alten" Zeitbewußtseins durch ein neues dies alte nicht verschwindet, sondern wir auch heute noch mit Relikten aus früheren Zeitbewußtseinen leben (bsplw. das "ungeschriebene Gesetz", in Familientraditionen zu leben). - Im engeren Sinne ist das lineare Zeitbewußtsein vor offenen Zukünften heutzutage "aufgefangen" in dem Begriff des Risikos (welches vor allem als "technische Zukunft" gedacht wird) bzw. der "Risikogesellschaft". Bezüglich unserer offenen Zukünfte stünden wir vor einem Entscheidungsbaum unterschiedlicher kognitiver und normativer Ordnungen; hieraus ergäbe sich z.B. die "Verantwortungs-Konjunktur".

Unser "modernes" Zeitbewußtsein drückt sich technisch aus durch Zeitmessung, besser ausgedrückt: durch Verräumlichung von Zeit zweiter Ordnung. Die Zeitmessung via Uhren etc. ist zum Taktgeber geworden, der wiederum zum Maßstab anderer Taktgeber wird. Dadurch fällt der Mensch - die "menschliche Dauer" - aus dem Zeit-Bewußtseins-Wahrnehmungs-System heraus. Zudem erleben wir im 20. Jahrhundert eine "Verzeitlichung der Zeit"; gemeint ist wohl vor allem eine Verdinglichung der Zeit.

Die von Zimmerli in dieser unserer Situation gesuchte Entwicklung soll abzielen auf eine "Quantentheorie der Zeit". Solch eine Theorie wäre bereits aus dem 17. Jahrhundert zu uns gekommen (durch einen Jesuiten mit Namen ...?) mit der Aussage-Fragestellung, vielleicht seien die letzten Elemente keine Materie sondern die Zeit. Der Gedankengang Zimmerlis zielt insbesondere auf die zentrale Stellung der Zeit-Relativität in Bezug auf Lebenszeittakte: Was für eine "Eintagsfliege" z.B. Dauer bedeutet, sei für uns Bewegung.

Heute würde unsere Zeitwahrnehmung von den Medien bestimmt (Zimmerli spricht von "media-fiction"). Die Medien ermöglichten die A-Präsentation (Ver-Gegenwärtigung) von Vergangenheit, nicht aber die von Zukunft. In dem Moment, wo sie versuchen würden, "tatsächlich" Zukunft zu präsentieren, würde diese ihren Charakter der Möglichkeit verlieren.
[Dieser Gedankengang wäre wohl näher zu erläutern gewesen, fiel aber dem zunehmenden "Zeitdruck" zum Opfer.]

Ad 3.

Bezüglich der "Vorhersage" von Zukunft sei festzustellen, daß ein Wissen von Zukunft eine verändernde Wirkung auf die Zukunft habe.
Zimmerli stellt desweiteren fest, daß Prognosen sowohl in den Natur- wie den Geisteswissenschaften Gauß-Verteilungen annehmen (dabei meint er mit Geisteswissenschaften das Beispiel von "Wahlprognosen"); die Prognosen werden also abgegeben in der Form von Wahrscheinlichkeitsverteilungen.
Bezüglich des Themas "Technikfolgeabschätzungen" stellt Zimmerli fest, daß diese heute im Rahmen von "moderierten Diskursen" stattfände, die Betroffenen also ihre Entscheidungen selbst fällten ("zumindest simulativ"), während früher Fachgutachten etc. diese Aufgabe übernommen hätten. Es bestünde deshalb heutzutage die Möglichkeit, sich auf Zukunft vorzubereiten - bzw. als eine "neue" Form der Überführung von Möglichkeiten in Wirklichkeit -, indem durch Simulationen im "Mensch-Maschine-Tandem" (Computersimulation) trainiert würde. Dies solle zu ähnlichem dienen, wie in der Fahrschule gelernt wird, den Bremsweg des Fahrzeuges - der zunächst immer als "viel kürzer" eingeschätzt wird - richtig einschätzen zu lernen. Der Mensch benötige solches Training, da er in vielen Bereichen mit seinen (mitgebrachten) kognitiven Fähigkeiten "Realitäten" nicht angemessen einschätzen könne ("strukturelle Fehler"). Es ginge um ein Probehandeln vor offenen Zukünften und damit um die Einübung eines "Managements des Nicht-Wissens".


Auf eine Publikumsfrage nach der "Abschätzbarkeit" eines zukünftigen, neuen "Zeitbewußtseins" antwortend sprach Zimmerli abschließend von der Vorstellung eines Zeitbewußtseins als "Entscheidungszeit": Das Zeitbewußtsein könnte sich evtl. entwickeln zu der Vorstellung eines "Verzweigungsraumes", in dem - nicht linear - Möglichkeiten in offenen Entscheidungen bezüglich einem Plural von Zukunft im Zentrum des Bewußtseins der Menschen stünden.