Die Projekte Philosophischer Gesprächskreis

Frühere Gesprächskreisprotokolle: 1998


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Die hier ausgeführten Protokolle sind Gedächtnisnotizen, die nicht an die Teilnehmer weitergegeben wurden.
Erst seit August 1998 werden die Protokolle einigermaßen regelmäßig aktuell auf der Website veröffentlicht.


Zyklus Zweifel

Zyklus Wahrnehmung
Zusätzliche Zusammenfassung

Zyklus Wissen
Drei umstrittene Thesen (Leo Allmann)


Was heißt zweifeln?


Diskussionsverlauf

Zum Zweifel als Methode:

Meine Frage (WvB) hierzu war (aufgrund der, nach meiner Meinung, so guten Einleitung zum Zweifel als bedrohender Verunsicherung und als 'Negativum'), ob nicht im Zweifel als Methode unser Phänomen instrumentalisiert wird und dadurch zu sehr fremd bleibt. Gerade Descartes, der in unserer Beschäftigung oft genannt war und befragt wurde, zeigt den Umschwung von der intensiven persönlichen 'Betroffenheit' zur Abstraktheit der Methode. Mein persönlicher Impetus hierbei - und ich bin eigentlich kein Cartesianer - ist, dieses Paradoxon herauszukristallisieren, daß für Descartes der Zweifel (Negation, Verunsicherung, Kritik - Nicht-Wissen) in seiner Erkenntnis, in seinem Ergreifen, gerade zum Sichersten, Gewissesten wird. Der Zweifel, einfach als Methode, läßt den Zweifel fremd bleiben, dem gilt es zu widersprechen.


Wahrnehmung


Diskussionsverlauf

Die unterschiedliche Bedeutung von: wahrnehmen, to realize, perception .
(Z.B.: Gehört zum 'Wahrnehmen' das Verstehen nicht mit dazu, während bei 'to realize' Verständnis geradezu eingefordert wird?)
Ist die Formulierung 'Sinnliche Wahrnehmung' eine Tautologie? - Gegenbeispiele: "Ich denke, also bin ich"; "Ich nehme wahr, daß ich verliebt bin".

Sammlung zum Wortstamm 'wahr':
Gewähren (Garantie für Verläßlichkeit geben), gewahr werden, Währung (Garantie durch jemanden für einen bestimmten Wert), bewahren, (verwahren)

Subjektivität von Wahrnehmung:
Beeinflussung des Wahrnehmugnsvermögens z.B. durch Drogen, aber auch durch Stimmungen oder körperliche Zustände.

Wahrnehmen als Herausgreifen von Besonderem ("etwas hebt sich hervor"); selektive Sensibilität.

Die Reihe: Sehen – Wahrnehmen - Erkennen ('Entwicklungsstruktur'?).

Bedeutung des Teiles 'nehmen':
Subjektiv eines aus dem Vielen herausnehmen.
Besondere Rolle der Aktivität dessen der wahrnimmt.

Ist 'Wahrnehmen' ein Ergreifen von etwas und damit Erheben in den Stand (subjektiver) Wahrheit? Oder ist solch ein Vorgang eher gemeint, wenn die Formulierung 'Fürwahr nehmen' verwandt wird? Wird also im Wahrnehmen evtl. etwas 'Wahres' genommen und nicht etwas 'wahr' durch das bzw. im Nehmen?
Gilt also (Zitat von einem Teilnehmer): "Das 'Wahr' beieinflußt das Nehmen?
Anerkennung dessen, was wahrgenommen wird, in der Wahrnehmung.

Die Frage nach dem Zusammenhang von Wahrnehmung und Wahrheit:
Gibt es ein allmähliches (geschichtliches) Hinarbeiten zur Wahrheit, also eine besondere Form zunehmender Wahrnehmung?
Versuch einer Verbindung von Wahrheit und Wahrnehmung durch Verweis auf die Hermeneutik;
Ästhetik - Pochen auf das Recht der subjektiven Wahrheit von Wahrnehmung; Pluralität des Wahrheitsbegriffs (Perspektivismus).

Bedeutung der Wahrnehmung im Horizont von 'Erscheinung': Es geht um das 'Wie etwas erscheint' in der Wahrnehmung.

These: Wahrnehmung interpretiert den aufzunehmenden Sachverhalt vor (daraus sich ergebende Problematik: 'unbewußte' Wahrnehmung').
Wahrnehmen in Entsprechung mit 'Wertnehmen' - immer eine Bewertung im Prozeß der Wahrnehmung.

These: Je mehr 'Gerechtigkeit' der Sache zukommt, desto weniger Interpretation in der Wahrnehmung selbst.

Zusatzthese: Entsprechungsverständnis Wahrnehmbares und 'Vorgang' im Wahrnehmenden.

Etymologie: Kommt 'Wahrnehmung' von 'Wahrheit'? - Nein: german. waro - Aufmerksamkeit zuordnen, aufnehmen, in Obhut nehmen ['Fürwahr nehmen' soll nicht zu diesem Wortstamm gehören, sondern zu 'Wahrheit' (Vertrauen, Zustimmung, Gunst, Versprechen)] >
'Tätigwerden' als das Besondere (gegenüber z.B. empfinden).

Definitionsthese: Wahrnehmung als Vermittlung von Empfindung und Vorstellung.
Wahrnehmung ist auf 'Jetzt' bezogen (im Gegensatz zu z.B. Vorstellung).

Problematik 'unbewußte Wahrnehmung: Kann es eigentlich nicht geben - wohl aber vorbewußte Wahrnehmung.
Unbewußte 'Lenker' der Wahrnehmung (z.B. lebensgeschichtlich geprägte oder 'geheime Verführer').

Fragestellung: Ist Wahrnehmung schon ein Wissen, oder ist Wissen von Wahrnehmen auseinanderzuhalten?
Wenn Wissen abspeicherbar, dann gilt: Wahrnehmen nicht abspeicherbar.
Wahrnehmen weiter 'bearbeiten' zum Wissen hin.
Wahrnehmung: Aufmerksamkeit da, Kategorien noch nicht. Wahrnehmung als eine Art Bereitschaft, Wissen als eine Art 'Zusammenkommen'.
Verhältnis von Wahrnehmung zu Information: aktiv - passiv (Wahrnehmung als 'verarbeitete Information'?).
Gibt wohl auch Bereiche, in denen Wahrnehmung bereits Wissen bedeutet (Evidenzerlebnisse).

These: Wahrnehmung kann Wissen aus den Angeln heben.

These: Bedeutung der Wahrnehmung zur Auflösung der Machtposition des Geistes im Leib-Geist-Dualismus, weil Bedeutung entwickelt wird mittels Sinnlichkeit und Vermittlung und nicht aufgrund von Rationalitätsstrukturen.

Zusammenhang von Wahrnehmung und Wollen (affiziert werden können): kann passieren, daß entgegen dem praktizierten Wollen eine Wahrnehmung nicht gelingt (Beispiel: Schau der Ideen).

These: Wahrnehmung reihe sich ein in
Empfinden - Wahrnehmen - reflektierendes Denken.
Frage hierzu: Entspricht "reflektierendes Denken" Interpretation? Interpretieren als bewußtes Deuten (zwanghaft), während Reflexion Zurücknahme meint.

These: Wahrnehmen heißt: Etwas so aufnehmen, daß ich es beschreiben kann (zur Kenntnis nehmen).
Kritik: Solch eine These verstellt den Blick auf den Wahrnehmungsvorgang.

Problematischer Aspekt: Wahrnehmung kann bezüglicher der Phänomene verdrängend wirken (Huxley: Pforten der Wahrnehmung), d.h. Wahrnehmung ist immer schon filternd.

Problematik: In der Tradition ist "Wahrnehmung" negativ besetzt, wichtig war hier der "Begriff". Erst bspw. in der Gestalttheorie wird die Wahrnehmung zu einem produktiven Vermögen.(Auch bereits Goethe: "Zarte Empirie.")

These: .Wahrnehmen ist, was wir mit (vermittels) den Sinnen tun. (nicht: Was die Sinne tun.)

Wahrnehmung im Spannungsfeld passiv-erleidend - aktiv-ergreifend:
Wahrnehmungsfähigkeit als Fähigkeit, nicht nur zu erleiden, sondern in Obhut zu nehmen (?)
Wahrnehmung in Tradition als passiv verstanden.
Erleben als Synonym für wahrnehmen (nicht Zaungast sein) (?)
Statt der Alternative aktiv - passiv besser: rezeptive oder produktive Aktivität; Wahrnehmung wäre sodann rezeptive Aktivität

Weitere Fragen:
Wer ist das Subjekt der Wahrnehmung?
Wann ist die Wahrnehmung (der einzelne Wahrnehmungsprozeß) zu Ende?

Bringt unsWahrnehmung Wirklichkeit oder Ideologie? > Was wird genommen in der Wahrnehmung? (Themafrage für 4. Abend)


Eine weitere Zusammenfassung:

Leo Allmann: Hier mein vorläufiges Fazit zum noch gegenwärtigen Gesprächskreis-Thema "Wahrnehmung":

Der Begriff der Wahrnehmung umfasst das Sehen, das Hören und die übrigen Tätigkeiten der Sinne. Wahrnehmung im allgemeinen wäre demnach Sinnestätigkeit. Zu bedenken ist jedoch, dass das Wort "Wahrnehmung" auch in anderem Zusammenhang gebraucht wird: So kann man einen Termin, ein Recht, eine Chance und manche weiteren "Gelegenheiten wahrnehmen", ohne dass hier die Sinne als die eigentlichen Träger des Geschehens fungieren. Dieser alternative Wortgebrauch gibt zu verstehen, dass es mit den Formen schon der sinnlichen Wahrnehmung eine besondere Bewandtnis hat. Sinneswahrnehmung ist nämlich mehr als der bloße Empfang von Sinnesreizen. Das Wahrnehmen ist kein Empfangen, sondern eben ein Nehmen - mit dem Nebeneffekt, vor einer Reizüberflutung zu bewahren. Die "Gelegenheit" des Stroms der Sinnesdaten wird nur zum Teil "wahrgenommen", d.h. beachtet, vermerkt und genutzt: Wir sehen nie alles, was uns gerade optisch, hören nie alles, was uns gerade akustisch reizt usw. Im Grunde ist die Sinneswahrnehmung nicht die Tätigkeit der Sinne, sondern unsere Tätigkeit. Die Sinne sind uns lediglich als Medien der Wahrnehmung dienstbar: Nicht die Augen sehen, nicht die Ohren hören, sondern wir mit und gewiss auch dank ihnen. An und für sich sind die Sinnesorgane ähnlich "blind" und "taub" - d.h. wahrnehmungsunfähig - wie die künstlichen Sensoren, die wir heute vielfach einsetzen. Dagegen ist etwa einem blinden oder tauben Menschen das Wahrnehmungsvermögen dennoch gegeben, da ihm ja durchaus noch Sinneseindrücke bleiben, die er oft sogar intensiver als Nichtbehinderte beachtet, vermerkt und nutzt.


Was heißt Wissen?


Diskussionsverlauf

Hauptdiskussionspunkt des ersten Abends war die Frage nach der Subjektivität oder Objektivität von Wissen. Die Meinungstendenz geriet für diesen Abend deutlich hin zur Subjektivität.
Wissen sei ja auch zum eigenen Nutzen, der Mensch wolle in relevanter Welt leben.

Es gab weitgehende Übereinstimmung bezüglich einer Trennung von Meinung - Kenntnis - Wissen (- Weisheit).
Hierzu wurde eine These aufgestellt, Wissen sei nicht vermittelbar, lediglich Kenntnisse seien vermittelbar; über Vergewisserung entstünde sodann (je subjektives) Wissen.

Definitionsversuch zum Begriff Wissen:
Wissen als Beschreibung von Tatsachen oder als Beschreibung von Vermutungen über Tatsachen (der Begriff der Tatsache wurde an diesem ersten Abend noch unreflektiert verwandt).

Gegenüber einem Wissensbegriff, der Idealität in sich faßt, wurde der Begiff der Meinung als positiver (nicht im Horizont von 'Beliebigkeit') gefaßt: Wer eine Meinung hat, ist auf einer Fährte; Wissen-wollen ist menschliches Streben, was aber nicht garantiert, zum Wissen auch zu kommen. Begrifflich sauberer wäre deshalb z.B. auch, statt vom Stand der Wissenschaft vom Stand der Forschung zu sprechen. Das Meinen sei dabei ein Vehikel des Wissens, welches Unendlichkeitscharakter habe. Wissen als höchstmöglichen Wissensstand (Maximum, nicht Optimum!) gäbe es nicht. Wissenschaft sei nur möglich, weil es kein Wissen gäbe.

Wissen sei in erster Linie Wissensdrang, ein Vektor; Ergebnisse wissenschaftlicher Art seien allemal Wahrscheinlichkeitsaussagen.

Weitere Fährten:
Zusammenhang zum Begriff Tatsache.
Wissen um historische Tatsachen? (Undiskutierte These: Ich kann kein Wissen über eine Vergangenheit außer mir haben.)
'Wissen', das erst im Überstieg von Alltagserfahrung (und -problematik) anzusiedeln ist.
Der Satz "Wissen ist Macht"; die Problematik doktrinärer Verwendung von 'Wissen'.
Die Tabuisierung von Wissen im Konstruktivismus.
Die Formeln: 'Intuitives Wissen' und 'Offenbarungswissen'.
Wird Wissen außer durch Erfahrung (und Nachdenken) noch durch anderes gewinnbar?
Der Zusammenhang von Wissen und Wahrheit.


Teilnehmeranmerkungen zum ersten Abend:

Brief an einen Teilnehmer:
Echtes Wissen verhält sich zu "scheinbarem - subjektivem" Wissen wie das Unendliche zum Endlichen. So sehe ich es auch. Mit dem von Dir gebrauchten Begriff "meinen" verbindet sich bei mir immer doxa und mit doxa die Meinung, im Sinne von vermuten - es könnte so sein aber es kann auch nicht so sein.
Wenn ich sage: "ich weiß das", will ich damit ausdrücken, daß ich mich bemüht habe über den Sachverhalt so viel wie möglich zu erfahren, daß ich die Information kritisch geprüft habe u daß "meines Wissens" meine Aussage mit dem Sachverhalt übereinstimmt. Um meine Meinung zu einem Sachverhalt zu äußern, bedarf es der Nachforschung u der Überprüfung nicht - es ist ja "nur" eine Meinung. Das Subjektive des Wissens geht schon daraus hervor, daß ich sage "ich weiß es" und die Unzulänglichkeit meines Wissens ist gegeben durch meine Unzulänglichkeit als Mensch.
"So ist es" kann ein Mensch nur dann mit Recht sagen, wenn es sich um so evidente Sachverhalte handelt, wie: es ist hell wenn die Sonne hoch am wolkenlosen Himmel steht.

folgend meine widerrede bezüglich der ersten 2 sätze [des Protokolls]: "...subjektivität/objektivität von wissen...die meinungstendenz des abends hin zur subjektivität...". ich stimme dieser tendenz nicht zu: was meint "subjektivität" oder "objektivität" von wissen? daß wissen ein subjekt voraussetzt? daß wissen deswegen immer subjektiv gefärbt ist? daß es also begrenzt und veränderlich ist?
ich denke niemand widerspricht diesen aussagen, aber: jenseits dieser feststellungen von "subjektivität" gibt es den geschichtlichen sprach- und kulturraum, in dem wissen tradiert wird, (der wissen ist?). in diesen kontext werden wir als subjekte hineingeboren, lernen und werden angelernt, aber er existiert unabhängig vor und von uns - "objektiv"(?). ein beispiel: platons philosophie existiert unabhängig von dem subjekt, das nichts von ihr weiß oder wissen will.
gar zu schnell preisgeben möchte ich also den "objektiven" charakter von wissen nicht und zur verstärkung meiner verteidigungslinie den begriff der "bewusstheit" ins spiel bringen -


Weiterer Diskussionsverlauf

Anfangs kreisten die Diskussionsbeiträge um Angaben aus dem Artikel 'Wissen' aus dem Brockhaus-Lexikon. Hervorgehoben wurde, daß 'wissen' ein transitives Verb sei, kein Tätigkeitswort. Wissen sei an den 'Erkennenden' gebunden.

Es wurde unterschieden zwischen dem Begriff Wissen als endgültigem (Gewißheit; "Wenn eine Tatsache getroffen wird, ist es Wissen") und dynamischem (vorläufiges Wissen; gegenwärtiger Wissensstand; Frage hierzu auch: Was sammelt sich in einem 'Raum' (Kanon) genannt Wissen an?). In Annäherung hierzu zeigte sich das Bild des Wissens als Mosaikstein einerseits, als Gesamtbild aus vielen solchen Mosaiksteinen andererseits. Die Tendenz entwickelte sich, den Begriff des Wissens in unterschiedlichen Aspekten zu 'erlauben'.

An der Frage nach historisch festmachbarem Wissen entzündete sich der Gedanke, daß von Wissen nur gesprochen werden könnte, wenn dies sich begründen ließe. Daß z.B. die SPD die Bundestagswahl gewonnen hat, das können wir nicht 'wirklich' wissen, denn wir haben keine ausreichenden Gründe für dieses 'Vertrauen' als Wissen.
Hier rekrutierte die Diskussion auf Descartes, dessen begründetes "cogito ergo sum" evtl. als einzig festmachbares Wissen anzusehen ist.

Es wurde jedoch auch versucht, über Descartes hinauszugehen und den evtl. verkürzenden rationalistischen Blick zu erweitern. Die Frage hierzu lautete: Was ist es, das ich von mir habe? Ist dies von mir so Gehabte ein Wissen?
Besteht solch ein Wissen als Wissen erst, indem ich mir (und/oder anderen) darüber rational/bewußt Rechenschaft ablege? Oder ist dieses als Wissen der Grund der Möglichkeit dafür, Rechenschaft abzulegen? Ist also Evidenz [Gewißheit] (zumindest für diesen Fall) prä-rational?
Der 'subjektive' Charakter von Wissen erhielte so eine differenzierte Bedeutung.
Es wurde sodann auch die Frage andiskutiert, ob es denn neben einem fundamentalen Wissen meiner selbst (das strukturell dann für alle Menschen gelten würde, wenngleich bei jedem mit anderm 'Inhalt') auch eine Evidenz bezüglich einem 'Außen' gibt. Die These hierzu lautete: Es gibt eine Evidenz eines Erfahrungsgebers (einer Struktur von Erfahrungsermöglichung), der nicht ich selbst bin.

Weitere Fragen, die noch nicht ausführlicher zum Disput gekommen sind:
Die unterschiedlichen Wissensaspekte: knowing how to do - knowing what is the case
Das Beispiel aus Prüfungssituationen: 'Wissen' des Könnens gestern bei Unsicherheit, es morgen wieder zu können

Nochmals wurde die Descartes'sche Fundamentalaussage "Ich denke, also bin ich" im Horizont Gewißheit bemüht. Descartes sucht nach dem Objektivum in der Aussage, die durch ihren Widerspruch bestätigt wird. Für alles in der Welt kann bezüglich seiner Feststellung diese wiederum bezweifelt werden ('es verhält sich so und so - ich bezweifle dies'). Lediglich für die Aussage 'Ich denke' gilt solches nicht. Mit dem Widerspruch 'Ich bezweifle, daß ich denke' führt das Ich gerade einen Denkakt aus, somit ist die Aussage 'Ich denke' ein nicht zu widerlegendes Wissen. Die formale Unwidersprechbarkeit wird für Descartes zum Maßstab für Wissen. (Allerdings erweitert Descartes sodann seine Fundamentalaussage um die Übernahme des anselmschen Gottesbeweises [zur Vorstellung eines höchsten Wesens gehört zwangsläufig sein Sein] und die daraus sich ableitende Vertrauensposition [es wird so eingerichtet sein, daß ich mich darin nicht täusche].

Es gab z.T. heftige Diskussion zu der Frage nach dem Absoluten Wissen. Diesbezüglich ist jedoch zu unterscheiden zwischen der 'Anmaßung', solches Wissen evtl. zu haben, oder aber solches Wissen zu erstreben. Der Frage, ob ein Begriff 'Wissen' überhaupt notwendig ist, stand das Postulat von der Schicksalhaftigkeit der Nichtbeantwortbarkeit von bestimmten Fragen (Woher kommt die Welt? Gibt es eine unsterbliche Seele? ...) entgegen: Menschen tun sich mit dem 'Unvollständigen' schwer. Dem Verdacht einer Mißbrauchsgefahr gegenüber einem Absoluten Wissen stand gegenüber, daß der Nichtbesitz solchen Wissens gerade vor verlockenden Patentrezepten und Antworten schützt. Wissen wurde als 'Problembegriff' beschrieben.

Gegenüber insbesondere der Descartes'schen Fundamentalaussage wurde immer wieder ein Plädoyer für eine Pluralität des Wissens (auch des Denkens, oder vielleicht sogar: auf dem Hintergrund einer Pluralität des Denkens) abgegeben.
Folgender Versuch einer 'Zusammenfassung' wurde gemacht: Wir finden uns zu beliebiger Situation mit einem Bestand an 'Wissen'. Dieses hilft uns bezüglich allerlei Alltags- und anderer Angelegenheiten. Jedoch treten auch Fragen auf, in Bezug auf die solches (angesammeltes, ererbtes oder wie auch immer zu verstehendes) 'Wissen' nichts hilft. Wir kommen evtl. sogar zu einem Punkt, an dem wir annehmen, was bislang als 'Wissen' bezeichnet wurde, das sei überhaupt keines, denn nur 'sichere' Antworten auf diese (philosophischen, letzten) Fragen könnten Wissenscharakter haben.
In diesem Zusammenhang ist auch auf die Unterscheidung der Wissensqualitäten in solch Aussagen, wie der dem Sokrates zugeschriebenen vom Wissen um das eigene Nicht-Wissen, hingewiesen. Nicht-Wissen in dieser Aussage bezieht sich auf bestimmte Inhalte (ich weiß nicht, wie es sich um die Tugend verhält, von der andere zunächst behaupten, sie wüßten hierzu Bescheid); das sokratische Wissen hingegen bezieht sich auf die Kategorie Wissen selbst.

Ein weitere Aspekt unserer Beschäftigung kreiste um die Frage, wie Wissen entsteht. Neben der Descartes'schen Argumentationsform mag diese Frage auch darauf abzielen, was überhaupt eine solche Argumentationsform als Wissenserlangung 'erlaubt'. Andere Thesen zu Beantwortung dieser Frage bezogen sich auf Rahel Varnhagens Aussage "Ich bin, und weil ich bin, denkt es in mir", fanden sich in einem Wissen als Leistung, die in Vergewisserung (nicht allein rationaler Argumentationsreihe?) entsteht.
Die These 'Neues Wissen entsteht über altes Wissen' sowie die Frage nach der Bedeutung des Kohärenz-Begriffs für das Verständnis von Wissen wurden wohl für diesen Abend nur unzureichend durchgearbeitet.


Drei umstrittene Thesen zum Thema "Wissen" (von Leo Allmann)

These 1: Wissen ohne EVIDENZ ist kein eigentliches Wissen.
Das Wort "wissen" ist urverwandt mit dem lateinischen und auch mit dem altgriechischen Wort für "sehen": mit "videre" und "idein". Daher hat auch "evident" die wörtliche Bedeutung "ersichtlich". Dass das Wissen vom Sehen hergeleitet wurde, dürfte damit zusammenhängen, dass mit der Inaugenscheinnahme ein besonders hoher Grad der Vergewisserung verbunden zu werden pflegt. So spricht es etwa für die dokumentarische Qualität einer Reportage, wenn darin Augenzeugen zu Wort kommen. Und einmal mehr verstieß Jesus gegen "alles, was recht ist", als er diejenigen "selig" pries, "die nicht sehen und doch glauben". Der Gedanke, dass ein "blinder" Glaube einen tieferen Einblick gewähren, tiefere Einsichten vermitteln, kurz: offenbarender sein kann als der Augenschein bzw. die sinnliche Wahrnehmung, ist ja zumindest sehr gewöhnungsbedürftig, wenn überhaupt zumutbar. Wie auch immer: Das Sehen ist als Modell, als Gleichnis oder Metapher gesicherten Wissens allzu naheliegend und verständlich. Es war vielleicht nur ein neues Gleichnis, das Descartes sich ausdachte, als er zwar nicht mehr seinen Sinnen, wohl aber seinem reflektierenden Selbstbewusstsein (dem Cogito) "unerschütterlich" traute und jedem zu trauen riet. Den Bereich der Evidenz engte er damit zwar extrem ein; doch der auf diese Weise gewonnene strengere Maßstab des Wissens trug entscheidend zu einem Prozess exakter Forschung bei, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte und wie er bis heute Furore macht.

These 2: Eigentliches Wissen ist das unerreichbare Forschungsziel jeder WISSENSCHAFT.
Der praktizierende Wissenschaftler versteht sich nicht als "Wisser", sondern eben als Forscher. Seine Arbeit besteht in einem "Sich-Ausstrecken nach Wissen" (Aristoteles), das zu einem stets vorläufigen, nie endgültigen Forschungsstand führt, der deshalb auch nur bedingt ein "Wissensstand" ist. Solches "wissende Nichtwissen" ist (seit Sokrates) für die Wissenschaft und ihre redlichen Vertreter keineswegs untypisch, sondern sogar überaus charakteristisch; insofern ist der Wissenschaftler im besten Sinne des Wortes ein "Besserwisser" - verglichen nämlich mit denen, die der Wissenschaft als einer Einrichtung anhängen, welche die Wissbegier (schöner gesagt: die Philosophie) stillt statt sie zu repräsentieren. Verglichen aber auch mit dem pragmatischen Alltagsmenschen, der alles "kennt" und "weiß", dessen Infragestellung den Alltagszwecken zuwider ist. Während der Philosoph jedoch die Verkenner der Wissenschaft eines Besseren zu belehren hat, hat dieses Bessere hinsichtlich der "Kenner" des Alltags einer realistischen Antwort nachzustehen auf die Frage: "Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?".

These 3: Wissen ohne BEWUSSTSEIN ist überhaupt kein Wissen.
Wissen kann also nicht unbewusst sein. (Der Ausdruck "unbewusstes Wissen" ist ein Widerspruch in sich: eine contradictio in adiecto). Die Welt, jedes natürliche und künstliche Ding, steckt zwar voller Informationen, aber diese können ohne die Tätigkeit eines Bewusstseins niemals zu Wissen werden. Auch ein noch so "intelligenter" Computer ist völlig - weil naturgemäß - unwissend. Als künstlichem Produkt des Menschen wohnt ihm ausschließlich dessen Intelligenz inne, ist er nur ein wenn auch vergleichsweise hochgetriebenes bewusstloses Mittel zum Zweck der Unterstützung des Menschen bei dessen Bewusstseinsvollzügen. Zu diesen gehören der Erwerb und die Verwertung von Wissen, wodurch die in der außer- und innermenschlichen Natur stattfindende Informationsverarbeitung einzigartig und weltbewegend überformt wird, so dass wir immer betroffener sagen können: "Wissen ist Macht" (Francis Bacon).

Teilnehmeranmerkung:

Hallo Leo,
es läßt mir keine Ruhe, ich verstehe "wissen" anders u möchte so gerne eine Annäherung an Dein Verständnis finden.Die Bedeutung, die Du dem Begriff Wissen am Mittwoch gegeben hast, hat für mich der Begriff "Wahrheit". Du hast das Wissen verglichen mit der Sonne, ohne die kein Leben wäre, die aber für uns unerreichbar ist. Nach meinem Verständnis paßt dieser Vergleich auf die Wahrheit. Ich kann nur einen Teil der Wahrheit in mich aufnehmen u kann auch nicht behaupten, was ich davon aufgenommen habe u wie ich es begreife, sei "die Wahrheit". Ich nenne das, was ich in mich aufgenommen habe aber "mein Wissen", nicht mein Vertrauen u auch nicht mein Meinen, denn ich habe mich vergewissert, d h ich habe das, was ich mit den Sinnen aufgenommen habe, mit Hilfe meiner Vernunft geprüft u jetzt weiß ich, daß sich die Sache so verhält, gesehen von meiner Warte aus (nicht absolut).
So viel für jetzt -

Weiterer Diskussionsverlauf

Die Haupttendenz der Diskussion ist weiterhin die Frage nach dem Absolutheitsanspruch in Bezug auf Wissen, z.B.: Was ist eigentlich philosophisch gesichertes Wissen? Wie ist aber der Aspekt des alltäglichen Wissensbegriffs dann zu benennen? Schaffen die Wissenschaftler gar kein Wissen, sondern sind nur Forscher? (Obgleich immer wieder Wissenschaftler mit dem Anspruch erreichten, gesicherten Wissens auftreten; siehe aktuell: Edward Wilson [Begründer der Soziobiologie] mit seinem neuesten Buch "Einheit des Wissens".)
Ist es z.B. ein Wissen, daß Paris die Hauptstadt von Frankreich ist, oder meinen wir dies nur? Spielt hier ein kommunikativer Aspekt, eine Übereinkunft, eine Rolle in Bezug auf das, was Wissen meint.

Wie aber sieht Vergewisserung aus? Was meint dieser Begriff?

Lautet die Frage: Was ist Wissen? Oder Was ist das Wissen?
Ist Wissen: Haben des Bestandes Wahrheit?
In der biblischen Schöpfung heißt es: "Ihr werdet glücklich sein, wenn ihr nicht mehr wissen wollt, als ihr wissen sollt." - Baum der Erkenntnis und Erleben der Unvollkommenheit

In der Geschichte des Abendlandes findet sich ein entscheidender Zeitpunkt der Diskussion von Wissen, der Nominalismus-Realismus-Streit: Ist, wovon ich spreche, die Sache selbst, oder rede ich nur darüber? Diese Frage ist philosophiehistorisch entschieden worden, aber besteht wirklich Eindeutigkeit zu dieser Entscheidung (ich rede 'nur' darüber)?

Teilnehmerdiskussion per e-mail:

Zunächst weitergeführte Diskussion auf der Grundlage der These 2 vom 4. Abend:

Unserem Zwiegespräch ist vor allem die These 2 gewidmet. Dabei bin ich mir im klaren, dass das Verhältnis von Wissen und Wahrheit, das Du angesprochen hast, noch viel näher betrachtet sein will. Einstweilen nurmehr der folgende Denkanstoß:
Wenn jemand etwas glaubt oder meint, dann hält er es für wahr. Es muss aber nicht wahr sein. Wenn dagegen jemand etwas weiß, dann hält er es zwar ebenfalls für wahr. Aber außerdem muss es auch noch wahr sein.

Antwort:
"Wenn jemand etwas weiß, dann hält er es zwar ebenfalls für wahr. Aber außerdem muß es auch wahr sein", schreibst Du. Ja, so sehe ich es auch.
Es muß der Wirklichkeit des diese Wirklichkeit erkennenden Subjektes entsprechen - nicht weniger aber auch nicht mehr. Das Erkennen ist an das erkennende Subjekt gebunden, ebenso wie das Wissen (als Vorgang gedacht u nicht als Ansammlung von Informationen etc!). Der Erkennende kann also sagen "ich weiß". Gibt es das erkennende Subjekt nicht, gibt es auch diesen Vorgang des Wissens nicht. Die erkannte Wirklichkeit ist so wirklich, wie die Zahnschmerzen, die dieser Mensch möglicherweise hat. Gibt es den Menschen nicht, dann gibt es die Möglichkeit der Zahnschmerzen auch nicht, aber wenn es ihn gibt u er Zahschmerzen hat, dann "weiß" er, daß er Zahnschmerzen hat, da kann jeder andere sagen was er will.
Ich hoffe, Du hast keine Zahnschmerzen u kommst nächstes Mal wieder in den Gesprächskreis.
Bis dahin, schöne Grüße

Reaktionen eines Dritten:
Zunächst im ersten Teil, der ‘Denkanstoß’:
In der zweiten Aussage sagt er: ‘..... Aber außerdem muss es auch noch wahr sein.’ Hier ist es dringend erforderlich wieder in die Definitionsphase von ‘Wahrheit’ einzutreten. Ich habe schon des öfteren bekundet, daß ich infolge der Diskussionsabende die Begriffe ‘Wissen’ und ‘Wahrheit’ sehr restriktiv und vorsichtig verwende. (Abgesehen von der täglichen Kommunikation wo mir noch manchmal - ohne es zu merken - diese Begriffe leicht über die Lippen gehen.)
Ich war von Anfang an der Auffassung, daß nur das, was man bewußt sensorisch aufnimmt, also wahrnimmt, eine Vergewisserung von irgend etwas darstellt, und dem wahrnehmenden Individuum als Wissen zugeordnet werden kann. Ich bezog das seinerzeit auch auf solche Inhalte deren Wahrnehmung zeitlich zurückliegt und die in uns als ‘Wissen’ (an anderer Stelle: ‘Weisheit’= akkumuliertes Wissen) vorhanden sind (Gedächtnis, Erinnerung oder verwandte Begriffe). Davon bin ich dann im Laufe der Diskussion abgerückt, als Begriffe wie ‘absolutes’ oder ‘zweifelsfreies Wissen eingeführt wurden. Neben der Zukunft, die beim ‘Wissen’ mit Sicherheit auszuschalten ist, möchte ich auch die Vergangenheit sehr stark ausnehmen. Ich neige jetzt dazu nur die unmittelbare Gegenwart beim ‘Wissen’ zu betrachten. Das ist auch kein Widerspruch zur Descart’schen Erkenntnis, die ihm ja kam während er merkte, daß ER es sei der zweifelsfrei dachte, oder im vorliegenden Fall, zweifelte. Und da er selbst den methodischen Zweifel als Prüfprozedur für die Wahrheit postuliert hatte, kann man durch Substitution schließen: In dem Moment wo jemand zweifelsfrei erkennt, daß er selbst es ist der denkt oder zweifelt, ist die in diesem Moment gewonnene Erkenntnis wahr, das weiß er. Dagegen ist alles was mehr oder weniger weit in der Vergangenheit liegt nicht mehr frei von Zweifeln. Der vorsichtige Mensch benutzt auch die Wendung „..... ich wußte, oder habe gewußt.....“, oder besser noch „.... ich glaube....“, wenn er etwas nicht mehr so genau weiß. Ich kann z.B. in Anlehnung an Aristoteles von mir sagen: „Ich weiß daß meine Erinnerung nicht frei von Zweifeln ist“! Hier war nur von Denkvorgängen die Rede. Schwieriger wird es bei Wahrnehmungen; Und hierauf bezieht sich mein Vorbehalt zur Aussage der These 2. Ist die Wahrheit das was wir ‘für wahr nehmen’, oder ist die Wahrheit in der Idee der Dinge begründet, die uns aber nicht erreichbar ist, also die Detailzeichnung im ‘Großen Plan’? Ich nehme mal an, der Thesenautor wird für das erstere plädieren, obwohl mir das irgendwie widerstrebt. Beide Auffassungen führen zu Extrempositionen. Im ersten Fall müßte es so viele Wahrheiten von einem Seienden geben wie Individuen die es wahrnehmen. Im zweiten Fall könnten für das Individuum nur Gedanken als wahr gelten, weil alle Sinneswahrnehmung fehlerbehaftet ist. Hierüber gibt es aber auch eine philosophische Auffassung die Hegel vertritt. Er sagt: „Die Wahrheit ist das Ganze“. Und dann differenziert er zwischen abstraktem und konkretem Denken. Hegel kehrt den Wortsinn des ‘Gesunden Menschenverstandes’ um und sagt: „Das Abstrakte ist das vereinzelte, greifbare, momentan Sichtbare; Das Konkrete ist der durch Denken erfaßte Zusammenhang des Sichtbaren“. Hegel will die ‘Wissenschaftliche Erkenntnis der Wahrheit’. Er versteht unter Wahrheit nicht, daß es hier einen Gegenstand gibt und dort eine richtige Vorstellung von ihm. Wahrheit sei nichts Gegebenes, nichts Abstraktes, sondern etwas Konkretes, Lebendiges, sich fortlaufend Entwickelndes. Demnach dürfte in Leo Allmanns Aussage der Terminus ‘wahr’ nicht erscheinen. Es gibt Bereiche wo sehr einleuchtend der Zusammenhang zwischen ‘Wissen’ und ‘Wahrheit’ zu Tage tritt. Einer davon ist religiöser Natur: Das Sakrament der Buße in der Katholischen Kirche. Er beruht auf dem Dualismus Reue - Vergebung. Die Überwiegende Mehrheit der praktizierenden Katholiken ist sich über den Zusammenhang nicht im klaren. Der kontrollierbare Teil des Bußsakraments ist die Ohrenbeichte. Hier steht die Anweisung im Vordergrund: Was man nicht bekennt kann nicht vergeben werden. Aber die Vergebung selbst, ein Vorgang jenseits unserer Ratio, vollzieht sich nur dann, wenn ‘aufrichtige Reue’besteht. Und ob eine echte, aufrichtige Reue vorhanden ist, weiß nur der Sünder selbst. Die meisten glauben die Freisprechung erfolge durch die Ablaßformel des Priesters, den man nur mit mehr oder weniger guten Schauspielfähigkeiten von seiner vorgetäuschten Reue überzeugen müsse. In Wirklichkeit, d.h. nach der Vorstellung der katholischen Kirche, ist die Ablaßformel aber nur Katalysator. Freisprechung und Vergebung vollziehen sich nur zwischen Gott und dem Sünder, und nur bei wahrer Reue. Und ob die Reue wahr ist weiß nur der Sünder selbst und die höhere Instanz, weil sie im Besitze der Wahrheit ist. Bei einem Selbstbetrug kann der Sünder sich nach außen hin noch so ungezwungen geben, in seinem Bewußtsein weiß er, daß er nach wie vor mit seinen Sünden belastet ist. Raffiniert! Die haben sich was dabei gedacht.

Zur These 1.
Ich will die Zumutbarkeit oder Gewöhnungsbedürftigkeit der Aussage ‘Erkenntnisse durch Glauben’ in dieser Form nicht bestreiten, weil Leo Allmann die Adjektive ‘blind’ und ‘tiefer’ herausstellt. Bei einer ‘Lightversion’ der Aussage jedoch möchte ich Einsprüche geltend machen. Mir ist im technisch/wissenschaftlichen Bereich durchaus vertraut, Zusammenhänge und Einsichten in einem Gebäude zu gewinnen, das nur in meiner Vorstellungswelt existiert, das ich mir selbst errichtet habe und für das es keinerlei Evidenzen oder sonstige Beweise gibt, an das ich einfach glaube. Ich benutze solch ein Denkgebäude z.B. um mir Begriffe der Unendlichkeit (mathem.), der Singularität (physik.), der Raumzeit, der Raumkrümmung usw. zugänglich zu machen. Es spielt dabei keine Rolle inwieweit das Gebäude mit der ‘Wahrheit’ oder dem momentanen Stand der Wissenschaft übereinstimmt. Wichtig für mich ist nur, daß alles was ich erfahre in das Gebäude hineinpaßt, und daß die Denkergebnisse nicht im Widerspruch zu Bekanntem stehen. Das mag trivial sein; Ich bin aber bisher ganz gut damit gefahren.

Zur These 2.
Mit diesem Abschnitt stimme ich vollkommen überein. Mir gefällt die Definition (von einem der philosophischen Zeitgenossen, ich glaube Th.W.Adorno wars?) „Jede wissenschaftliche Erkenntnis ist immer die vorletzte“. Und der bewußt forschende (suchende!) Wissenschaftler weiß das!

Zur These 3.
Hierzu gibt es widersprüchliche Auffassungen in der Fachliteratur. Ich möchte die aber erst noch im Internet suchen, weil ich mich nicht mehr genau erinnere wo ich das gelesen habe. Es ging um ‘Wissen ohne Bewußtsein’. Wenn ich das wiederfinde, melde ich mich.

Weiterer Diskussionsverlauf

Zusammenfassung und Abrundung waren die Leitmotive des letzten Diskussionsabends zu dem Zyklusthema Wissen:
Wissen mit Absolutheitsanspruch
Wissen des hic et nunc
Wissen in kommunikativem Zusammenhang
Wissen eingrenzen und Wissen in seinem Umfeld ('Spitze des Eisbergs' bei Freud)
Wissen als Fähigkeit, Modelle von 'Wirklichkeit' zu bilden - wird immer komplexer, hat es eine Grenze? Triebfeder dafür ist ungeklärt: Wissensdurst, Wißbegier, "Das Bewußtwerden des Nicht-genug-Wissens"

Interessanter, und nun erst deutlich einmal zum Thema gemachter Aspekt ist die praktische Seite der Begriffsproblematik: Verantworten kann ich nur, was ich weiß, oder: Glaubwürdigkeit ist genug.

Abschließende These: Im Alltag höherer Stellenwert des Glaubens, des Überzeugtseins gegenüber dem Wissen