Die Presse über uns


Die sokratische Bürgerinitiative

Thomas Grasberger, Süddeutsche Zeitung 26.10.1994

Pauschalreise durch Sofies Welt

Dominique Klughammer, Süddeutsche Zeitung 25.11.1994

Auf dem Weg, der erst im Gehen entsteht

Thomas Grasberger, Süddeutsche Zeitung 17.1.1995

Anmerkung zu dem Artikel "Auf dem Weg ..."

Leo Allmann, 25.1.1995

Denken nach Feierabend

Spiegel, 7 1995, 13.2.1995

Die Vermarktung der Vernunft hat begonnen

Peter Michalzik, Süddeutsche Zeitung 10.5.1995

Woher die plötzliche Liebe zur Weisheit?

Antoinette Schmelte, Allegra, August 1995

Nachsommer des Denkens

Spiegel, 26 1996, 24.6.1996

Warum wählen wir das Leben?

Christine Wollowski, Süddeutsche Zeitung 17.8.1996

Menschliches Abenteuer

Thomas Kronewiter, Süddeutsche Zeitung 17.5.1999

Denken beim Bier: Mit Kant in der Kneipe

Andrea Kästle, Abendzeitung München 25.6.1999

Bei Liebeskummer Schopenhauer

Elke Krüsmann, elle März 2001

In jedem steckt ein Grübler

Sylvie Sophie Schindler, Münchner Merkur 24.8.2005

Schwabing - Was die Welt bewegt

Sylvie Sophie Schindler, Münchner Wochenanzeiger 26.4.2011


Die sokratische Bürgerinitiative
"Die Philosophen e.V." spüren den wesentlichen Fragen des Lebens nach

Ein Sportflugzeug stürzt auf ein Fast-Food-Restaurant, ein Erdbeben verwüstet eine Region, eine Fähre sinkt, und Hunderte ertrinken . . . Katastrophen, wie sie bald täglich geschehen und die wir fast genauso schnell wieder verdrängen, wie wir sie erfahren haben. Doch einige wollen es wissen: Was ist eine Katastrophe eigentlich? Zufall oder Schicksal? Philosophische Fragerei dieser Art scheint offenbar in Mode zu kommen - die enormen Verkaufszahlen von Philosophie-Bestsellern wie "Sophies Welt" scheinen jedenfalls darauf hinzudeuten. Kein Wunder, daß es jetzt auch einen Verein für philosophisches Grübeln gibt.

Für "Die Philosophen e.V." ist eine kleine Zeitungsmeldung oft schon Anlaß genug, allgemeine Fragen des Lebens zu stellen und zu diskutieren. "Die Philosophen" haben sich die Liebe zur Weisheit als Zweck in die Satzung geschrieben, um ihre Erkenntnisse fernab von akademisch näselnder Gelehrsamkeit unter die Leute zu bringen. Seit 1987 besteht der Verein, der von ehemaligen Philosophiestudenten gegründet worden ist. Bis 1993 gab es außerdem einen "philosophischen Gesprächskreis", der alle zwei Wochen stattfand und an dem jeder teilnehmen konnte, der nicht im stillen Kämmerlein vor sich hinphilosophieren wollte.

Nach einem Jahr Pause soll jetzt von Anfang November an diese Runde alle zwei oder alle vier Wochen wieder zusammenkommen. "Wir wollen eine Art philosophische Bürgerinitiative sein, wie sie Paul Feyerabend vorgeschlagen hat", sagt Wolfram von Berg, der als gelernter Philosoph den Gesprächskreis leitet und dabei die Funktion des Moderators übernimmt.
[Hier ist die Mutter eines Mißverständnisses, das sich in den weiteren Artikeln hartnäckig hält: Feyerabend hat nicht ein Vorbild gegeben mit einer Aussage zu 'philosophischer Bürgerinitiative' - seine Aussage war 'Bürgerinitiativen statt Philosophie'. Wir meinen bezüglich unserer eigenen Initiative in Kenntnis der Feyerabendschen Aussage: Wir verstehen uns als eine Art 'philosophischer Bürgerinitiative'. - WvB]

"Das aktuelle Thema ergibt sich aus den Interessen der Teilnehmer und wird in der Regel vier bis fünf Sitzungen lang diskutiert. Wenn sich ein neuer Aspekt ergibt, fangen wir einen neuen Themenkreis an." Die Palette möglicher Inhalte scheint grenzenlos zu sein und reicht von Fragen wie "Was ist Natur?" bis zu Diskussionen über Macht und Gerechtigkeit. Nur selten greift der Philosophenstammtisch auf die Lektüre von Klassikern des Fachs zurück, wie damals "als wir Kants 'Was ist Aufklärung?' gelesen haben".

"Meistens diskutieren wir miteinander, und jeder bringt eigene Gedanken und Erfahrungen ein", beschreibt Wolfram von Berg die sokratische Methode des Dialogs, die die Gesprächsabende der "Philosophen" lebendig werden läßt. In den ersten Sitzungen des neuen Diskussionskreises wird es zunächst um Fragen der politischen Philosophie und um die Zukunft ganz global gehen. Wer nicht erst auf eine Katastrophe in seiner Umgebung warten will, bis er anfängt, sich mit philosophischen Fragen zu beschäftigen, der kann sich unter der Münchner Telefonnummer 601 40 80 genauer über die Treffen der "Philosophen" informieren. Wo die Gesprächsabende in Zukunft stattfinden werden, steht noch nicht fest.


Pauschalreise durch Sofies Welt
Der Erfolg des Bestsellers von Jostein Gaarder verweist auf den Trend zur populären Philosophie

Dominique Klughammer, Süddeutsche Zeitung 25.11.1994

Der Literaturbetrieb ist reich an Überraschungen, doch über manche Phänomene herrscht auch in der Branche eine gewisse Ratlosigkeit. Warum, zum Beispiel, wird ein Buch zum Superseller, in dem es weder um irgendwelche wilden Gewächse (wie bei Rosamunde Pilcher) noch um karrieregeile Sexmonster (wie bei Michael Crichton) geht, sondern um Philosophie? Sofies Welt heißt der 600 Seiten lange Schnellkurs über die Geschichte der Philosophie, der bereits über, 700 000 mal verkauft wurde - allein in Deutschland. Zum Jahresende ist die erste Million angepeilt, und damit wurden die kühnsten Erwartungen des Münchner Hanser-Verlags übertroffen. Seit neun Monaten steht der Roman des Norwegers Jostein Gaarder in den Bestsellerlisten, seit sechs Monaten fast ununterbrochen ganz oben.

Der Erfolg des Wälzers verweist auf ein offenkundiges Bedürfnis nach Sinnsuche. "Dieses Buch hat den Nerv direkt getroffen und beantwortet Fragen der Ethik oder Moral, vor denen Eltern und Lehrer längst kapitulieren", glaubt Hanser-Verleger Michael Krüger. Lektoren begeistern sich, Gaarders Zeitreise stelle "Welt-Zusammenhänge her" und fordere "die Rolle des eigenen Ichs heraus". Der Bedarf ist offenbar riesig. Gerade München scheint eine Hochburg vagabundierender Sinnsucher zu sein, der Markt für Orientierungshilfe boomt wie nie zuvor.

Bleiben wir noch einen Moment bei den Erklärungs-Versuchen. "Dem Zeitgeist auf der Spur - Das Ende der Aufklärung" war der Titel einer Diskussion bei der 35. Münchner Bücherschau, bei der sich allerhand Experten - unter ihnen Rita Süssmuth - tiefe Gedanken machten: Der Zusammenbruch zweier totalitärer Systeme im 20. Jahrhundert, ein sich auflösendes Gesellschaftsgefüge und die viele freie Zeit, die eine Herausforderung an unsere Lebensführungskunst darstelle, würden die Menschen zunehmend verunsichern. Konjunktur hätten Sinn- und Heilsstifter. Allein in München zählte Diskussionsleiter Hans-Rüdiger Schwab 170 Sekten und Religionsgemeinschaften.

Wegweiser zum Zen

Der Rahmen für die Diskussion ist ausgesprochen passend: Bei der Bücherschau wurden noch nie so viele Neuerscheinungen in den Sparten Esoterik, praktische Philosophie, Religion und Psychologie vorgestellt: von der "Flüchtlingsproblematik aus Sicht christlicher Ethik" oder den "Wegweiser zum Zen" bis hin zum "Voodoo-Führer". Die Münchner Verlage dtv, C.H. Beck und Hanser bleiben in ihrem Sortiment lieber seriös und freuen sich über einen immensen Bildungsnachholbedarf der Einstiegs-Philosophen. Erich Fromms "Haben oder Sein", die Skizze zweier Persönlichkeiten, sowie "Die philosophische Hintertreppe", ein Sachbuch von Wilhelm Weischedel, sind starke Titel beim dtv-Verlag. C.H. Beck ist in geschichtsphilosophischer Mission unterwegs und hat auch ein neues Zugpferd vor den Karren gespannt: "Der Weg der Philosophie" von Wolfgang Röd. In einer Endzeitstimmung, die jeden Glauben an den Fortschritt verloren habe, bekomme die Philosophie ihre große Chance, sagt Günther Schiwy, Lektor beim Beck-Verlag. Mit 20.000 verkauften Exemplaren in nur zwei Monaten hat Hanser einen zweiten Trumpf in der Hand: "Ein Meister aus Deutschland", die Heidegger-Biographie von Rüdiger Safranski. Verleger Krüger rühmt, es sei diesem Autor gelungen. die Theorien Heideggers zu erläutern - und zwar nicht nur unter politischen Gesichtspunkten. Der Stuttgarter Kohlhammer-Verlag wächst ebenso stetig über seinen Fachkreis hinaus und hat die populäre Philosophie entdeckt.

Philosophie für alle : Nahezu inflationär sind auch die Volkshochschul-Kurse durch den Gefühlsnebel, von Scientology über Buddhismus bis zum Gottesbegriff nach Auschwitz. "Sogar die Universität macht diesen Trend mit", sagt Professor Wilhelm Vossenkuhl, der geschäftsführende Vorsitzende des Instituts für Philosophie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität: Mit Spezialisierungen wie der "ökologischen Ethik" und Übergriffen auf Psychologie und Religion würde das klassische Bildungsfach auch aktuelle und praktische Erklärungsmodelle liefern. Mit rund 8.500 Philosophie-Studenten ist die Zahl in den vergangenen Jahren zwar konstant hoch, doch nur etwa jeder vierte schließt das Studium wirklich ab. Für den Rest ist es Modefach - Philosophie schmückt.

Selbst im Vereinsleben tut sich was. Die Philosophen e.V. grübeln zwar schon seit 1987, doch plötzlich haben sie mit über 60 Anfragen in wenigen Wochen einen derart enormen Zulauf, daß deren Leiter Wolfram von Berg Gruppen bilden muß. Bildungsbürgertum mit hoher Frauenquote findet sich regelmäßig bei ihm ein, um die Antworten, die heute ausbleiben, im Gespräch mit anderen zu finden. Studiert haben das Fach die wenigsten. Kein Problem, findet Wolfram von Berg: "Regelrechter Laie ist doch schon deshalb niemand, weil jeder große Fragen und eine eigene Lebensphilosophie hat."


Auf dem Weg, der erst im Gehen entsteht
Für den Verein "Die Philosophen" ist das Nachdenken über die Welt eine Freizeitbeschäftigung

Thomas Grasberger, Süddeutsche Zeitung 17.1.1995

"Warum soll ich immer sollen", fragt der kleine, schmächtige Mann mit der Brille und dem intellektuellen Aussehen fast ein bißchen trotzig. Für einen kurzen Moment löst er damit Schweigen aus bei den 30 Männern und Frauen, die im Kreis sitzen und über die Verantwortung für die zukünftigen Generationen reden. Dann bricht eine hitzige Diskussion los. Diese Szene spielt in keinem philosophischen Seminar an der Universität, in keiner Gruppentherapiesitzung und auch nicht bei einem Sektentreffen. Die Männer und Frauen im Alter von 30 bis 70 Jahren, die alle zwei Wochen ins Münchner Selbsthilfezentrum kommen, sind ganz normale Bürger, die ein gemeinsames Hobby haben: das Philosophieren.

"Die Philosophen e.V." nennt sich der Verein, der vor acht Jahren von ehemaligen Philosophiestudenten gegründet wurde. Eine philosophische Bürgerinitiative, wie sie Paul Feyerabend vorgeschlagen hat, wollten die Organisatoren machen, doch der Kreis der Interessierten blieb lange Zeit klein. Nach einer einjährigen Pause erfuhr der Philosophenstammtisch jetzt den unerwarteten Aufschwung. 70 Leute - vom Arzt bis zur Hausfrau, vom Rentner bis zum Ingenieur - entdeckten auf einmal ihre Liebe zur Weisheit, und immerhin mehr als 30 fanden jetzt den Weg in den Hinterhof der Bayerstraße 77a, wo der erste themenbezogene Diskussionsabend der neu formierten Bürgerinitiative stattfand.

Die kahlen Räume mit ihrer schlichten Bestuhlung und dem nüchternen Neonlicht vermitteln zwar nicht gerade die Atmosphäre des griechischen Gartens, in dem der Philosoph Epikur mit seinen Schülern die Weisheit des Lebens suchte. Aber trotzdem ist hier, wo sich sonst Gruppen wie der "Selbsthilfeverein für Elektrosensible" treffen, für ein paar Stunden das tiefe Bedürfnis der Teilnehmer zu spüren, den antiken Vorbildern in den philosophierenden Zirkeln zu folgen und der Weisheit nachzujagen.

Denn Philosophieren war einmal mehr als die Kopfakrobatik von Experten, die nur kleinste Ausschnitte der Wirklichkeit behandeln und längst nicht mehr die Frage nach dem Zusammenhang stellen. Sie war auch mehr als nur Philosophiegeschichte, die die Philosophie nur noch verwaltet, aber nicht mehr betreibt. Die griechischen Denker der Antike, seien es die Philosophen der Stoa, der Akademien oder die Freunde im Garten des Epikur, wollten mit ihrem Philosophieren auch einen Lebensstil einüben. Einen Standort in und gegenüber der Welt wollten sie finden, der ihnen innere Freiheit verschaffte.

Diese alte Form der philosophischen Praxis erfreut sich in letzter Zeit zunehmender Beliebtheit. Groß scheint das Bedürfnis des einzelnen oder besser: Vereinzelten zu sein, wieder mit anderen über die großen Fragen des Lebens zu reden.

Beim ersten Treffen der Münchner Amateurphilosophen kommt auch gleich eine der großen Fragen zur Sprache: "Zukunft, Zukunftsangst, Zukunftsperspektiven" heißt das Thema, das Diskussionsleiter Wolfram von Berg angeboten hat und das ganz schnell eine lebhafte Diskussion auf den Weg bringt. Da ist die Rede von der ökologischen Katastrophe und von der verwüsteten Erde, die wir unseren Nachkommen hinterlassen. Da kommt prompt der Einwand, daß diese Weltuntergangsstimmung auch schon am Ende des letzten Jahrtausends weit verbreitet gewesen sei, und alle apokalyptischen Hirngespinste nur herbeigeredet würden. Unvermittelt prallen Weltanschauungen und Charaktere aufeinander: 30 verschiedene Leute, 35 verschiedene Ansätze. Mindestens. Da fehlen natürlich auch nicht die kleinen Eitelkeiten und persönlichen Sympathien und Antipathien. Es fehlt auch nicht an Mißverständnissen, dafür oft genug am gemeinsamen Handwerkszeug: der Sprache. Zwei benutzen denselben Begriff, und doch liegen Welten zwischen dem, was sie sagen wollen.

Eine wilde Redeschlacht entbrennt zum Thema Aufklärung. Dabei ist manchmal nicht ganz klar, ob jetzt die Aufklärung als Epoche der Philosophiegeschichte gemeint ist oder viel allgemeiner im Sinne eines Hinterfragens bestehender Weltanschauungen. Anthropozentrische Ansätze stoßen auf ganzheitliche, Dogmatiker reiben sich mit Skeptikern, Ethiker streiten mit Logikern. Diskussionsleiter Wolfram von Berg will trotzdem nicht eingreifen: "Ich möchte keinen Vortrag halten. Die Leute sollen selber bestimmen,. was sie interessiert."

Trotz des kunterbunten Aneinanderreihens von Meinungen und Fragen entstehen auch immer wieder fruchtbare Diskussionen. Und deshalb kommen die Hobbyphilosophen hierher. Eine 40jährige Krankengymnastin beschreibt es so: "Ich komme, um aus dem ewigen Chaos des Philosophierens immer wieder neue Figuren zu machen." In welche Richtung die Diskussionsrunden der "Philosophen e.V." gehen werden, ist noch ganz und gar offen. Peter Galle, einer der Freizeitphilosophen, sagt es mit einem Sprichwort: "Meinen Weg kann ich nicht sehen, denn er entsteht erst im Gehen." Vielleicht wird der eine oder andere erschöpft und enttäuscht am Wegesrand sitzenbleiben, weil er sich nach der abflauenden Esoterikwelle von der Philosophie sinnstiftende Antworten erhofft hat. Mancher wird vielleicht auch stolpern. Aber die anderen werden tapfer weiterschreiten auf dem steinigen Weg der Philosophie und auch manchen Holz- und Umweg gerne in Kauf nehmen.


Anmerkung zu dem Artikel "Auf dem Weg ..."

Leo Allmann / 25.1.1995

Wer sind die Philosophen?

In ähnlichem Sinn, wie nach Martin Luther ein allgemeines Priestertum und nach Joseph Beuys ein allgemeines Künstlertum anzunehmen ist, kann auch davon gesprochen werden, daß alle Menschen Philosophen sind. Denn von Natur ist der Mensch derjenige, der "immer strebend sich bemüht", sei es, daß er - in theoretischer Hinsicht - nach Wissen, sei es, daß er - in praktischer Hinsicht - nach dem Guten strebt. Genau damit ist nämlich die "Liebe zur Weisheit", die den griechischen Namen "Philosophie" trägt, näher bestimmt.

Als Menschen stehen wir zwischen der "Vollkommenheit" Gottes und der "Vollendetheit" eines Tiers. In solcher Zwischenstellung sind wir allzuleicht Hin- und Hergerissene, ohne doch je "gerissener" als mit einem Gottes- oder Tier-" Komplex " geschlagen werden zu können. In den Grenzen dieses Spannungsbogens mögen wir uns zuweilen gefangen, zuweilen heimisch fühlen - unser Aufenthaltsort ist er allemal. Und der Genius eben dieses Orts ist die Philosophie. Dieser immerwährende endliche Geist ist uns also überaus hinderlich, wo wir Gott oder wo wir Tier, indessen überaus förderlich, wo wir Mensch sein wollen.

Die bisherige Menschheitsgeschichte hat einige wenige "geniale" Inkarnationen dieses allen gemeinsamen "genius loci" in Erscheinung treten lassen. Im europäisch-abendländischen Kulturkreis pflegt man den sogenannten "großen Denkern" einen entsprechend hohen (wenngleich oft genug hohlen) Respekt zu zollen. Die Maßstäbe, die von diesen Denkern gesetzt worden sind, wird nicht mißachten wollen, wer heute im Philosophieren fortzuschreiten versucht. Sie werden ihm alle Mühe wert sein.

So erwächst der Frage "Wer sind die Philosophen?" ein bemerkenswerter Doppelsinn: Die Philosophen - das sind eigentlich wir alle, aber in der Tat die Wenigsten.

Und so oft sich unser Kreis von "Amateuren" in dieser Polarität zu bewegen versteht, ist sachlich der Zweck des Vereins "Die Philosophen" aufs Beste erfüllt.


Denken nach Feierabend

Grübeln über Sein und Zeit, über Platon, Kant und Heidegger: Das Philosophieren etabliert sich als Freizeitbeschäftigung.

Spiegel, 7 1995, 13.2.1995

Der große Philosoph Akuratus ergeht sich gern in gesellschaftskritischen Klügeleien. Seinem unbedarften Schüler Eligius erklärt er: "Der Interessenpluralismus ist hierzulande nicht nur de facto, sondern auch de jure staatlich geförderter Individualegoismus." Daraus folgert der Denker ganz generell, daß an allem Leid dieser Welt die Politik schuld sei.

Hinter Akuratus und Eligius verbirgt sich der Freizeit-Philosoph Winfried Dentler, 53, ein arbeitsloser Lastwagenfahrer aus München. Dentler hat die beiden sokratisch plaudernden Figuren ersonnen, um einem großen Ziel näherzukommen. Nach gut 2300 Jahren des erfolglosen Herumphilosophierens will er endlich Platons Idee vom Staat verwirklichen.

Über Annoncen in Tageszeitungen hat der bayerische Neoplatoniker Mitstreiter gefunden, mit denen er diskutieren will, warum Platons Vorstellung vom gerechten Staat die beste aller Gesellschaftsformen ist. Das könne zwar dauern, meint Dentler, aber "es macht Spaß und lohnt sich" - schließlich gehe es um die Zukunft der Menschheit.

Ähnlich wie Hobby-Weltveränderer Dentler wälzen viele Deutsche in mehr oder minder hochgeistigen Zirkeln die ganz großen Gedanken - aus reinem Vergnügen. Philosophie ist zum prestigeträchtigen Zeitvertreib geworden.

Volkshochschulen bieten reihenweise Grübel-Kurse an - über "Sein und Zeit", "Gott und das Sein" oder "Heideggers Seinsfrage im Spiegel der Genese". Nachdenkliche Zeitgenossen erfreuen sich an unterhaltsamen Themen wie "Selbstaufbau der Natur in phänomenologisch-systematischer Sicht" oder "Kants erkenntnisphilosophische Erklärung der Mathematik".

Vielerorts verkünden philosophische Prediger ihre Sicht der Welt: Walther Zimmerli doziert in Bamberg über "Einmischungen - Die sanfte Macht der Philosophie". Als Handelsreisender in Sachen Sinn und Moral ist Peter Koslowski aus Hannover unterwegs: Er spürt in Vorträgen und Buchreihen "materialen Wertqualitäten" und einer neuen Wirtschaftsethik nach.

Auch Profi-Denker fahnden nach Moral und Ethik. Theologen und Pädagogen gründeten einen bundesweiten "Verein zur Förderung ethischer Urteilsbildung in Erziehung und Wissenschaft". Und an Hochschulen möchten besonders ältere Semester den Geist verfeinern. Ein Großteil der rund 800 Senioren, die an der Hamburger Uni studieren, belegen Fächer wie Literatur, Geschichte und Philosophie.

Sinnsuch-Klubs wie der Münchner Verein "Philosophen e.V." haben großen Zulauf. Ehemalige Philosophiestudenten treffen sich bereits seit acht Jahren zu diesem Sinnier-Stammtisch. Aber erst seit kurzem registriert "Philosophen"-Gründer Wolfram von Berg, 39, ein "vehementes Interesse" an der Erkenntnisfindung. 1994 sei ein erstaunlich erfolgreiches Jahr für die Philosophie gewesen, sagt der Arzthelfer und Philosoph von Berg; Bestseller wie "Sophies Welt" weckten eine neue Lust am Streben nach Weisheit und Wahrheit.

Mehr als 30 Teilnehmer kommen regelmäßig zu den Veranstaltungen der "Philosophen". In einem Klubraum diskutieren sie alle 14 Tage über Themen wie "Zukunftsperspektiven", "Der Machtbegriff" oder "Das Patriarchat". Dabei sei es nicht so wichtig, mit akademischem Wissen rhetorisch zu brillieren, sagt von Berg: "Berufsphilosophie endet meist im Kreisen um sich selbst." Aber auch die Bezeichnung "Laienphilosophie" will er nicht gelten lassen. Was er fördern will, ist vielmehr ein neuer "Mut zum Selberdenken".

Laut Sokrates gehört zur Philosophie das Sich-Bewußtmachen des Nichtwissens. Ganz in diesem Sinne finden sich unter den neuen Amateurphilosophen auch Hausfrauen, Rentner und Hilfsarbeiter. Platon-Fanatiker Dentler hat keinen Schulabschluß; er arbeitete unter anderem als Seefahrer, Schweißer und Monteur. Sein Wissen über die klassische Philosophie hat er sich angelesen. Dennoch sei die Philosophie für ihn kein Hobby, betont er, sondern "eine Berufung".

Wie ernst er und sein Platon-Fanklub es mit den Lehren des Sokrates-Schülers meinen, legt Winfried Dentler regelmäßig in Schriftstücken dar, die er "wahrheitsliebenden" Menschen in den Briefkasten wirft. Dentler alias Akuratus zeichnet außerdem als "Gründer und Leiter der Allianz der philosophischen Menschen Deutschlands" sowie als AIleininhaber, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur der Loseblattsammlung "Pro Veritate" verantwortlich.

Emsig verbreitet der Weise aus dem Bayernland darin seine nicht ganz verfassungskonformen Ansichten, nach denen er Deutschland zum platonischen Philosophenstaat umstrukturieren will. Die Bürger sollen ihre Pflicht tun und schuften. Das Nachdenken will Dentler dem Philosophenstand überlassen.

Als Chefdenker empfiehlt Akuratus einen veritablen Philosophen - so einen wie sich. Den vielen geistesschwachen Bürgern müsse er in Zukunft mitteilen, "was sie zu tun und zu lassen haben". Dieses kleine Detail macht Dentlers Vision dann doch ein wenig unpopulär.


Die Vermarktung der Vernunft hat begonnen
Philosophie verkauft sich gut: Neue Buchreihen und Fachzeitschriften flir Hobbydenker haben Konjunktur

Peter Michalzik, Süddeutsche Zeitung 10.5.1995

Im unaufhaltsamen Umbau unserer Kultur stand bisher einzig die Philosophie als trotziges Bollwerk gegen jede Art von Vermarktung wie ein Fels in der Brandung. Jetzt aber nehmen sich die Trikotwerber auch ihrer an. Seit vergangenem Wochenende kursieren T-Shirts mit aufgedruckten Sprüchen wie "Der Anfang der Philosophie ist Staunen (Aristoteles)", "Denken ist für alle erlaubt, manchen bleibt es erspart (Curt Goetz)" oder "Philosophie ist das vertikale Gewerbe (Peter Sloterdijk)".

Das hat, wie könnte es anders sein, einen logischen Grund: Der Eugen-Diederichs-Verlag wirbt für ein neues philosophisches Großprojekt nicht nur mit Plakaten, Streichhölzern, Postkarten und Taschen, sondern eben auch mit baumwollener Oberbekleidung. 20 Bände mit Texten je eines berühmten Philosophen sollen bei Diederichs bis 1997 erscheinen, jeder für 48 Mark.

Daß ein Verlag, der sich nicht an ein Fachpublikum richtet, derart massiv in Philosophie investiert, war bisher undenkbar. Diederichs, das nächstes Jahr 100jähriges Jubiläum feiernde Traditionsunternehmen, wurde 1988 an Hugendubel verkauft und hat in den letzten Jahren sein Geld vor allem mit der "Gelben Reihe" verdient, in der Texte östlicher Weisheit gedruckt werden. Wird der Verlag also die Werbung bitter nötig haben, um auf seine Kosten zu kommen? Immerhin beträgt die Erstauflage 7000 Stück.

Michael Günther, verantwortlicher Lektor und Initiator der Reihe, sieht so viele Zeichen einer Philosophie-Renaissance, daß er am Erfolg nicht zweifeln will. Zum Beispiel die Münchner "Philosophen": ein Zirkel, der mittlerweile in den Medien als Kronzeuge der Beschäftigung auch von Amateuren mit Philosophie dient und bereits Lesekreise gegründet hat, in denen die neuen Bände Textgrundlage sein werden. Zum Beispiel Rüdiger Safranski: Sein 1988 erschienenes Schopenhauerbuch (er hat auch für die Diederichsreihe die Auswahl der Schopenhauertexte besorgt) verkaufte sich blendend. Genauso wie jetzt sein Heideggerbuch auf größte Aufmerksamkeit gestoßen ist. Und eben Michael Günther: Er besucht noch immer Lehrveranstaltungen an der Uni und sieht auch hier wachsenden Andrang. Es würden neue philosophische Zeitschriften gegründet, so in Stuttgart, und in München soll neben der schon existierenden Zeitschrift Widerspruch jetzt eine zweite erscheinen.

Seit Diederichs Pläne bekannt sind, bekomme der Verlag jede Menge Manuskripte von Amateurphilosophen angeboten, erzählt Günther. Die (noch nicht erschienene) Zeitschrift Ergo wolle in ihrer ersten Nummer einen Bericht über Philosophie in Deutschland bringen. Und auch die Verlagsvertreter hätten, nachdem sie erst etwas überrascht gewesen seien, positiv reagiert, als sie hörten, wie groß der Verlag einsteigen will. Der Einfluß von Sophie's Welt sei eben gar nicht zu überschätzen, meint Günther: "Wir sehen einen Trend." Vermehrt würden Leser, die sich einst für östliche Philosophie begeistert haben, feststellen, daß es im westlichen Gedankengut verwandte Ansätze gibt. Und überhaupt habe die Vernunft Konjunktur.

Die 20 Bände sind je einem Philosophen gewidmet - mit Ausnahme zweier Mittelalterbände, die Texte mehrerer Denker enthalten. Die wollte der Herausgeber der Reihe, Peter Sloterdijk, unbedingt in der Reihe sehen, da er die Bücher auch als Philosophiegeschichte verstanden wissen will. Neben Schopenhauer machen Platon (herausgegeben von Rafael Ferber) und Sartre (herausgegeben von Thomas H. Macho) den Anfang.

Über die Auswahl der Philosophen läßt sich natürlich trefflich streiten, die deutschen Idealisten sind mit Kant, Fichte, Schelling, Hegel überrepräsentiert, die englischen Empiristen kommen gar nicht vor. Genauso könnte man sich über die Textauswahl hermachen. Während sich der Schopenhauerband mit Jugendgedichten und Reiseberichten sachte vortastet, beginnt der Sartre-Band gnadenlos mit der Husserl-lnterpretation aus der Transzendenz des Ego.

Obwohl Sloterdijk Professor in Karlsruhe und Wien ist, steht er wie niemand anders in Deutschland für die Philosophie jenseits der Katheder. Für ihn ist zentraler Punkt, daß die Philosophen in der neuen Reihe nicht "gelehrt" durch Professoren vorgestellt werden, sondern - nach einer kurzen Einleitung - für sich selbst sprechen. Es werden kleine Ausschnitte aus den großen Werken geboten. Wie radikal die Auswahl sein muß, kann man sich vorstellen: Sartre hat durchschnittlich 20 Druckseiten pro Tag geschrieben.

Natürlich liegt da der Verdacht nahe, daß die langen und ehrwürdigen Linien des europäischen Denkens zu leicht konsumierbarer Häppchenware verkommen und daß die Reihe hiermit - neben der Werbung - also das zweite Zugeständnis an den schnellebigen und unphilosophischen Zeitgeist macht.

Bleibt trotzdem die Frage, wie die heutigen Philosophen, als Herausgeber selbst Teil der Werbestrategie, zur Veräußerlichung in der Werbung stehen. Er könne gut damit leben, das übe keinen Verrat an der Philosophie, meint Sloterdijk, die Zeit der nur akademischen Seinsweise der Philosophie sei vorbei. Ganz wohl scheint ihm in seiner neuen Haut als Werbeträger aber doch noch nicht zu sein. "Man muß da mit einem alten Adorno-Wort reagieren: Die Philosophie ist zwar das ernsteste aller Dinge, aber so ernst ist sie auch wieder nicht."

Heute abend um 20 Uhr wird Peter Sloterdijk zusammen mit den Herausgebern der ersten drei Bände Thomas H Macho (Sartre), Raffael Ferber (Platon) und Rüdiger Safranski (Schopenhauer) die neue Reihe im Soft-Research, Osterwaldstraße 10, vorstellen.


Woher die plötzliche Liebe zur Weisheit?

Antoinette Schmelte, Allegra, August 1995

"Philosophie ist eine heiße Kiste, und wer sagt, daß die Philosophen nicht die Megastars der neunziger Jahre werden?" Als der Hanser Verlag vor zwei Jahren so frech und fetzig für seinen Newcomer "Sofies Welt" warb, versteckte sich das Werk von Jostein Gaarder noch schamhaft in den Kinderbuchabteilungen. Aber wie die Lemminge stürzten sich kleine und große Leser ins Lektüreabenteuer. Der norwegische Autor hatte 2.500 Jahre schwerverdauliche Philosophiegeschichte in handliche Häppchen zerkleinert, auf Alltagssprache angerichtet und im Rahmen einer spannenden Story auf 606 Seiten serviert. Seit April 1994 steht Sofies Sinnsuche mit zweiwöchiger Unterbrechung auf Platz eins der "Spiegel"-Bestsellerliste.

Damit begann der Boom der klugen Köpfe. Griechische Naturphilosophen und deren zeitgenössische Kollegen werden plötzlich für die Lösung von Problemen bemüht - ob es um den Sinn des Lebens oder den Charakter einer Bürozicke geht. Philosophie ist Small-talk-Thema, große Unternehmen leisten sich hochbezahlte Querdenker. Absolventen des Philosophiestudiums - bislang auf dem Arbeitsmarkt noch schwerer vermittelbar als eine Platzanweiserin im Kino sind in der Wirtschaft gefragt. Es lohnt derzeit, in den Club der neuen Denker einzusteigen. Hinter allem steckt der Drang, Strategien und Ergebnisse zu hinterfragen, alles in Zweifel zu ziehen, um den Gedanken neue Wege zu öffnen. Motto: Nicht Vorsprung durch Technik, sondern Vorsprung durch Philosophie.

Birte Kleine Banne (3. Semester) "Ich bin im Studium immer auf der Suche, will alles anzweifeln, das Endgültige in Frage stellen. Eine Trennung zwischen Theorie und Praxis gibt es in meinen Augen nicht. Philosophie heißt auch zu hinterfragen, warum und nie ich persönlich handle."

Und die Buchbranche reagiert schnell: "Philosophie jetzt!" nennt der Diederichs Verlag seine neue Reihe und werkelt voller Verve an der Veröffentlichung von zwanzig je 500 bis 600 Seiten starken Lesebüchern über Sartre, Kierkegaard & Co. "Denken ist wieder in", frohlockt Dr. Michael Günther, der 36jährige Initiator und Lektor der brandneuen Reihe. "Die Leute wollen einen Blick auf ihre Wurzeln werfen, ihre Ratio trainieren." Und genau deshalb wage er das Mammutprojekt, dessen Supervisor Peter Sloterdijk sei. Jener prominente Geistes-Guru, der in seinen Augen wie kein zweiter "hehre Philosophie und Publikumswirksamkeit" verbinde.

Track Splinter (1. Semester) "Mein Traum ist es. Dichterin zu werden. Ich studiere Philosophie, um meine momentan etwas konfusen Gedanken zu ordnen und mein Gehirn zu trainieren. Mein Ziel ist es, Dinge kritisch und objektiv betrachten zu können und den großen Denkern hier in Deutschland näherzukommen."

Doch ist die intellektuelle Leselust auch noch so groß, mit Weisheiten schwarz auf weiß wollen sich Wissensdurstige nicht länger begnügen. Und sie müssen es auch nicht. Denn allerorten werden findige Geister aktiv, die ihr philosophisches Know-how anders an die Frau und den Mann bringen wollen. An vorderster Front die Volkshochschulen: Allein 1993 zerbrachen sich 15.552 Deutsche in 1.072 Kursen 18.188 Stunden lang die Köpfe über Themen wie "Mensch und Wirklichkeit", "Zustimmung zur Welt" oder die "Grundzüge unseres Denkens". In der Volkshochschule Hamburg Mitte können Hobbydenker ihre Lieblingslektüre neuerdings selbstbewußt überarbeiten. "Philosophieren in Sofies Welt" hat der 26jährige Arne Wolter seine Kurspremiere überschrieben, die "neugierige Kids" ebenso anlocken soll wie "belesene Hausfrauen". Sein Ziel: wie Gaarders kleine Heldin die berühmte Wer-bin-ich?-Frage zu stellen. Und ein wenig "Halt zu geben, denn im allgemeinen Chaos unserer postmodernen Zeit weiß keiner mehr, wo's langgeht."

Tarik Ozkük (12. Semester) "In meinem Hauptfach Kulturwissenschaften herrscht totale Orientierungslosigkeit. Philosophie habe ich ausgesucht, um Halt zu finden. Sie hilft mir bei meinen ganz persönlichen Fragestellungen und ist Anregung für eigene Gedankengänge."

Nach dem, "was die Welt im Innersten zusammenhält", forscht auch Wolfram von Berg. Mit Lektürekursen und Gesprächskreisen lockt der 40jährige Münchener seit acht Jahren nebenberuflich interessierte Laien. "Am Anfang waren die Aktivitäten der "Philosophen" e.V. eine zähe Angelegenheit", erzählt der blonde Nickelbrillenträger. "Der große Ansturm setzte ein, als die 'Süddeutsche Zeitung' 1994 einen Artikel über uns veröffentlichte." Seither herrsche bei den Veranstaltungen in der Schwabinger Seidlvilla akuter Stuhlmangel. Der Grund für das große Interesse sei nicht etwa ein Wissensmanko. Sondern genau das Gegenteil. "Wir wissen viel zuviel", mutmaßt der studierte Denker, der sein Geld mit Erwachsenenbildung und als EEG-Assistent einer Arztpraxis verdient. "Dadurch verstellen wir uns den Zugang zu den Grundfragen."

Forschen, fragen, zweifeln - darin übt sich Dr. Gerhard Stamer nicht nur theoretisch in Diskussionen und Seminaren. Ganz praktisch geht der Hannoveraner Ende September auf eine "Studienreise nach Elea". Mit Gleichgesinnten will der Dozent auf einem kleinen Bauernhof in der Nähe von Neapel Stellung beziehen, auf den Spuren des griechischen Philosophen Parmenides wandeln, gemeinsam nachsinnen über jene vergangenen Zeiten, "als den Menschen die Augen aufgingen darüber, was menschliche Existenz ist".

J. H. (3. Semester) "Philosophie ist für mich ein Bildungsstudium, das meine persönlichen Interessen befriedigt und kein bestimmtes Berufsziel verfolgt. Momentan stehe ich vor einem Berg von Wissen, der mir großen Respekt einflößt. Trotzdem möchte ich mir an der Uni einen Überblick verschaffen."

Naheliegender, aber nicht weniger tiefschürfend ist sein geplanter Abstecher an die Nordsee. Anfang Dezember sollen sich Hartgesottene den stürmischen Sylter Winterwind um die Nase wehen lassen und beim "Philosophieren am Meer" posthum die Bekanntschaft großer Geister wie Kant, Nietzsche und Lyotard machen. Mit maßgeschneidertem Bildungsurlaub und seinem Verein "Reflex", der sich der Förderung praktischer Philosophie verschrieben hat, will Stamer nicht etwa verschrobene Studienräte begeistern. Sondern "alle normalen Menschen, die Fragen stellen wollen und neugierig sind." Denn: "Philosophie ist das lebendige, existentielle Nachdenken und Sprechen über das, was mich wirklich betrifft."

Inga Möller (2. Semester) "Im Studium stoße ich auf Fragen, auf die ich allein nie gekommen wäre. Begegne verschiedensten Denkweisen undAlternativen zu fetgefahrenen Sichtweisen. Erweitere mein Bewußtsein. Und lerne, flexibler zu sein."

Ans Eingemachte geht Agnes Hümbs bei ihren Einzelsitzungen im Frauenstadthaus Bremen. Überwiegend Frauen zwischen 30 und 50 nehmen auf einem ihrer gelbweiß gestreiften Sofas Platz und lassen sich von der Leiterin der Philosophischen Praxis bei beruflichen oder privaten Problemen beraten. "Die eine steht vor der Entscheidung, ob sie aufgrund eines neuen Jobs die Stadt wechseln soll", erklärt die gebürtige Duisburgerin. "Die andere trauert um die gerade verstorbene Mutter." Besonders kraß sei der Fall einer 38jährigen Klientin, die kürzlich an Krebs erkrankt ist. "Weiter drauflosleben kam für diese Frau nicht mehr in Frage. Sie mußte sich mit der plötzlichen Begrenztheit ihres Lebens auseinandersetzen, und sie versuchte, den Sinn ihres Schicksals zu verstehen." Mindestens sechs, im Idealfall zehn Sitzungen lang arbeitet die studierte Philosophielehrerin an der Lösung eines Falls und benutzt dabei ihr Wissen als Basis. "Konkrete Namen wie Kant oder Hegel", erläutert die Habermas-Schülerin, "tauchen in meinen Beratungesprächen allerdings nicht auf. Ich wende allgemeine philosophische Gedanken an, die der Gesellschaft zugrunde liegen." Die Erfolgsquote, so die 39jährige, sei erstaunlich. "Viele meiner Kunden haben Erfahrungen mit Psychotherapie und sind es leid, in ihrer Kindheit herumzuwühlen. Ihnen gefällt es, daß wir den Blick in die Zukunft richten."

Auch Dr. Gerd B. Achenbach in Bergisch-Gladbach gibt wegweisende Denkanstöße. Sein "lnstitut für philosophische Praxis und Beratung" war bei seiner Gründung vor 14 Jahren ein absolutes Novum. Auf seinen Spuren stiegen mehr und mehr Philosophen aus dem Elfenbeinturm herab und vermarkten ihr Können heute in über fünfzig Praxen bundesweit.

Ihr volksnaher Wunsch, allgemeinverständlich zu arbeiten und als Sokrates' Erben Menschen auf dem Marktplatz des Lebens ins Gespräch zu verwickeln, kommt nicht von ungefahr. "Außerhalb von Schule und Hochschule bieten sich für Absolventen des Philosophiestudiums nur sehr beschränkte Beschäftigungsmöglichkeiten", schreibt das Handbuch "Studien- und Berufswahl". Und skizziert damit die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Ausbildung und Anwendung. "Zu Semesterbeginn sind unsere Seminare brechend voll", weiß Dr. Anke Thyen von der Uni Hamburg. "Bis zum Schluß des Studiums aber hält kaum jemand durch. Knapp zehn bis fünfzehn Prozent schaffen es bis zum Examen." Der Ernst des Lebens aber beginne erst danach. "Hier an der Uni haben auch die Begabtesten kaum eine Chance. Die Aussichten auf einen Job hängen ausschließlich vom Erfindungsreichtum des einzelnen ab." Trotzdem macht sich die 39jährige, die auf einer der raren Dozentenstellen sitzt, stark für ihr Fach. "Wer Philosophie studiert, bekommt eine solide Ausbildung im Nachdenken und hat eine Kompetenz fürs Grundsätzliche."

Von düsteren Prognosen ließen sich auch die Jungphilosophen nicht abschrecken, die für Allegra als Protagonisten ihrer Generation im Fotostudio antraten. Eigensinnig, engagiert, trendy, entsprechen sie kein bißchen dem Klischee vom eigenbrötlerischen Eremiten, der über Bücherbergen brütet und sich an die Weisheiten der Klassiker klammert. Egal ob Birte, Insa, Jakob, Tracy oder Tarik - jeder von ihnen steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden und benutzt die Philosophie als persönliche Chance, den Zeitgeist kritisch zu beobachten und über sich hinauszuwachsen.

Mit Berufsideen der besonderen Art möbelt Alexander Dill seine Zunft auf. "Mit 22 hatte ich noch kein einziges Buch gelesen - aus Protest gegen mein intellektuelles Elternhaus", erzählt der Berliner. "Dann bekam ich Baudrillards 'Der Tod tanzt aus der Reihe' in die Hände, erkannte die Nähe zu meinen eigenen Gedanken und fraß mich besessen durch die Bibliothek meines Vaters." Das Resultat: Dill dichtete philosophische Theaterstücke, ließ sich in Paris von führenden Franzosen inspirieren, mischte die Berliner Uni auf, indem er alles und jeden in Frage stellte, und eröffnete im fünften Semester eine philosophische Praxis auf dem Ku'damm. "Ich wollte den Virus des Denkens verbreiten", erzählt der Störenfried, der sich "in der Suppe des Seins" auflösen möchte. "Um die Akademiker zu ärgern, habe ich außerplanmäßige Vorträge an der Uni veranstaltet, Plakate mit der Aufschrift 'Es ist so bequem, unmündig zu sein' in der U-Bahn aufgehängt und bin 1990 mit einem Freund in Marx- und Voltaire-Kostümen auf die Straße gegangen, um mit Passanten zu diskutieren." Mittlerweile residiert Dill auf einem Bergbauernhof in der Nähe von Salzburg. Bastelt als kreuz & quer-Denker an einem neuen Konzept für das "so hoffnungslos veraltete" Deutsche Museum in München. Will das deutsche Image im Ausland aufpolieren. Und schart seine Schäfchen um sich, die scharenweise aufs platte Land pilgern. Ein Philosoph als Megastar?


Nachsommer des Denkens

Philosophie floriert wieder - jenseits der Universitäten allerdings. Eine Flut von unakademischen Sinn-Angeboten und Moralfibeln im Plauderton rehabilitiert das Fach anders, als es seinen Amtsträgem lieb ist: mit Unterhaltung und geistiger Lebenshilfe. Aber auch Ideen im Ausverkauf haben ihr Gutes: Sie immunisieren gegen Ideologien.

Spiegel, 26 1996, 24.6.1996

Weiße Stühle stehen im Grünen, vom Wiesenrand klingt das Plätschern der Pegnitz herüber. Unter den Eichen ist ein Buffet aufgetischt, und in der romantisch verkommenen Villa nebenan, dem eigentlichen Treffpunkt, wartet schon geistige Nahrung: große Denker, Buch an Buch, griffbereit für alle Diskussionsfälle.

"Zuerst sprechen wir natürlich über Epikur", sagt Reinhard Knodt lächelnd. Die Lehren des alten Griechen, der Weisheit mit Lebensfreude und Gartenlust verband, liefern einen idealen Einstieg für die philosophischen Lesekreise, die Knodt, 45, in seinem Refugium unweit von Nürnberg abhält. Wenn der Herbst kommt, will der hagere Gentleman mit ein paar Eifrigen noch zum "Philosophischen Nachsommer" für eine Woche an den Gardasee ziehen.

"Man verdient nicht wie ein Professor", gibt Knodt zu. Leben kann der Schreib-Profi der als Künstler sozialversichert ist, durch Rundfunkarbeiten. Aber er schätzt die "leichte, spritzige Atmosphäre" seiner Gesprächskreise, schon weil er dort ab und an sein Lieblingsthema behandeln kann: "Ästhetisches Denken im technischen Raum". Schon einiges hat er darüber geschrieben. Es brachte ihn nicht auf einen Uni-Lehrstuhl, sondern auf den Gartenstuhl. Sein Ausstieg hat ihn nie gereut, auch wenn er den Kursteilnehmern - vom Ex-Studenten bis zum mittelschweren Manager - weder Referate aufbrummen noch Noten geben kann. Knodts Seminare bieten schließlich kein Pflichtprogramm, sondern behagliches Freizeitvergnügen, eine Dienstleistung am Geist, wie sie fürs gegenwärtige Dasein des Denkerstands typisch ist: Nach Jahren der Belanglosigkeit ist Philosophie wieder Wachstumsbranche geworden - nur abseits vom geregelten Markt der Universitäten.

Paradebeispiel des Trends ist noch immer der Überraschungsbestseller "Sofies Welt", in dem Jostein Gaarder, ein norwegischer Lehrer, seine simple Version der Philosophiegeschichte mit einer Kinderbuch-Story umkleidet hat. Der Wälzer in Briefform, allein auf deutsch bislang über 1,7millionenmal verkauft, auf Kassette erhältlich und bald auch als Musical zu erleben, bewies allen Skeptikern, daß Denkstoff wieder gefragt ist.

Für die Dosierung in jeder Gestalt haben die Verlage inzwischen gesorgt. Vom Anfänger-Comic oder einem bunten Schnellkurs "Erkenne Dich selbst. Abenteuer Philosophie" über Spruchsammlungen für zahlenmüde Manager ("Mit Platon zum Profit", "Dialoge mit Sokrates", bald auch "Nietzsche für Gestreßte") bis zum dreibändigen Nachdruck einer populären Geschichte des griechischen Denkens gibt es Weisheit zum Auflöffeln in jeder Packungsgröße.

Der einst als Genie gehandelte Hegelianer Vittorio Hösle aus Essen bringt Anfang September sogar frei nach Gaarder einen "philosophischen Briefwechsel für Kinder und Erwachsene" heraus. Darin lernt eine Zwölfjährige das "Cafe der toten Philosophen" kennen und sagt verdächtig altklug ihre Meinung ("Wie auch Maimonides und Alfarabi kann ich zunächst nicht viel gegen das Argument von Lull zur Trinität einwenden").

Ausgerechnet der Talkshowstar des Fachs, der Ursprungs-Träumer Peter Sloterdijk aus Karlsruhe, verantwortet eine Buchreihe, die philosophische Klassiker in Appetithappen anbietet. Doch selbst Tradition mit dem Anreger-Motto "Philosophie jetzt!" wirkt relativ behäbig: Neben Sloterdijks Readern steht im Buchladen oft ein Heftchen des Briten Paul Strathern, das denselben Denker in Turboversion vorstellt - ob Kant oder Kierkegaard, "90 Minuten" müssen genügen.

Gemütlicher geht es da am philosophischen Stammtisch zu. Entstanden sind die Cafe-Treffs mit Denkanleitung in Frankreich; allein Paris hat ein knappes Dutzend der geselligen Runden zu bieten. Aber auch in München, wie in manch anderer deutschen Großstadt, grübeln "Die Philosophen e.V.", die sich als "Bürgerinitiative" verstehen, bedeutenden Lebensfragen nach.

Unter den Diskutanten sind weniger abstrakte Seinsformeln gefragt als moralische Probleme, die jeder konkret nachvollziehen kann. Tugend-Traktate, schon vor den Bucherfolgen des Fernseh-Moralonkels Ulrich Wickert ein Boom, liefern die Stichworte. Über Prinzipienfragen wie Abtreibung, Gentechnik oder Umweltschutz glaubt jeder mitreden zu können. Der nette Denk-Schwatz beim Kaffee bestärkt ihn zudem im Wohlgefühl, ein Stück Mündigkeit, Engagement und Bildung zurückgewonnen zu haben.

Organisiert werden die Kreise häufig von studierten Philosophen, die der unsicheren Uni-Karriere den Rücken gekehrt haben. Statt in philosophischen Privatpraxen, der Ausweichbranche der achtziger Jahre, betätigen sich viele inzwischen bei Galerien, Museen oder anderswo als "pflegeleichtes Allzweckgerät" (Knodt) des Kulturbetriebs. An die Stelle der sokratischen Überzeugung, Philosophie sei Einübung ins Sterben, tritt dabei meist ein gefälligeres Verständnis des Denkens: als eines subtilen Lustgewinns - im Stil französischer Boulevard-Denker wie Michel Serres oder auch Michel Onfray, der mit geistigen Leibesübungen unter den Titeln "Der sinnliche Philosoph - Über die Kunst des Genießens" oder "Philosophie der Ekstase" zum Star geworden ist.

So hat der Rostocker Assistent Dieter Thomä kürzlich ein Lesebuch zu "Lebenskunst und Lebenslust" herausgebracht, wo von Casanova bis Berti Vogts jeder sein Scherflein Weisheit abgibt. Einen Fernsehfilm über "Die Kunst, lustvoll zu leben" schob der alerte Jungdenker gleich nach. Ältere Semester bedienen das wiedererwachte Andachtsbedürfnis mit Meditationen über die Dämmerung, über "Die Dichter und die Ahnung" oder die "Form des Glücks".

Am Wettbewerb der Katheder-Denker um Losungswörter zur Weltverfassung mag sich dagegen kaum noch jemand beteiligen. Wenn der Karlsruher Ordinarius Hans Lenk, ehemals Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland, sich um "Konkrete Humanität" bekümmert, sein Tübinger Kollege Otfried Höffe streng "Moral als Preis der Moderne" einfordert oder der Konstanzer Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß allen Ernstes "strukturelle Geselligkeit" von den Geisteswissenschaften verlangt, klingt das Jüngeren in der Zunft wie müde Oldies aus dem Elfenbeinturm.

Ihnen ist klar, daß scheinbar originelle Zentren für "Gerechtigkeitsforschung", für Ethik oder "Kinderphilosophie", wie sie in den vergangenen Jahren überall entstanden sind, vielfach Modegags und akademische ABM-Unternehmen sind, deren philosophischer Ertrag sich nahe Null bewegt. Und sie wissen auch, daß schon jetzt nicht nur auf Papier mehr Weisheiten und Wahnworte gespeichert sind, als ein Mensch je aufnehmen könnte, sondern ebenso an den unzähligen Philosophie-Haltepunkten im Internet.

Da tummeln sich die australische Kierkegaard-Gesellschaft und die renommierte Voltaire Foundation aus Oxford. Nebenan propagieren die Dschainas, Angehörige einer indischen Religion, ihr Weltbild, einen Mausklick weiter meldet sich eine Gruppe, die "Postmodern Jewish Philosophy" betreibt. Niemand könnte der grenzenlosen, anarchischen Vielfalt, die allenfalls durch die Standardsprache Englisch normiert wird, annähernd gerecht werden.

Dabei bilden die Netze nur elektronisch ab, was sich auch real zum gigantischcn Flohmarkt der Theorien ausgewachsen hat. Ob bemühte Zweibänder über "Philosophinnen" oder ein Selbsterfahrungsopus "aus weiblicher Sicht" ("Gleichzeitig sah ich mich als Reh von außen und fühlte mich als Reh von innen") - allein von Frauen gibt es allerlei. Andere ergründen das "Geheimnis der Vorhandenheit und des Existierens" lieber bei kultischen Hölderlin-Happenings im "Kloster für moderne Kunst und Philosophie", das der pensionierte Mathematiker Fritz Schranz seit Jahren im bayerischen Tacherting unterhält.

"Es gibt schon die Gefahr, daß das Niveau verkommt", sagt Reinhard Knodt selbstkritisch. "Man redet über Romane oder Gedichte, macht Entertainment, Urlaub mit Sozialberatung oder esoterische Sterbehilfe - das ist ja alles nicht Philosophie." Professoren, die stolz sind, daß sie gerade "die neueste Verantwortungs-Version entworfen haben", ließen hingegen den einzelnen mit seinen Problemen im Stich. Ein unlösbares Dilemma?

Universitätsdenker mißachteten schon lange "die einfachen, großen Fragen", meint ein erfahrener Veteran des Faches, der Tübinger Gadamer-Schüler Walter Schulz, im SPIEGEL-Gespräch. Er plädiert für Besinnung innerhalb der Zunft und gelassene Neugier aller im Umgang mit dem riesigen Ideenangebot.

"Daß die Seminarphilosophie, wo sie jetzt unter Druck steht, einfach alles Innovative rauswirft, ist ganz verkehrt" pflichtet Reinhard Knodt bei. Als "Bestandswahrer" und Test-lnstitut für den großen Rohstoffmarkt der Sinnsuche bleibe ihr eine wichtige Aufgabe erhalten. Mündige Menschen würden schließlich ohnehin "von Philosophen nicht geleitet, sondern höchstens begleitet".

Interesse zeigen und weiterfragen bleibt also wohl alles, was Philosophen raten können. Daß der Spaß jedenfalls nicht zu kurz kommen muß, bewies kürzlich Lutz Geldsetzer aus Düsseldorf. In einem kleinen, klugen Buch hat der Professor als erster seines Gewerbes "Die Philosophenwelt/ In Versen vorgestellt", Reim um Reim und Denker für Denker. Am Ende des keineswegs politisch korrekten Poems fordert der dichtende Pädagoge zur Kritik auf: "Schluckt's runter, wenn es euch belästigt,/ auch dadurch sich das Urteil festigt!"


Warum wählen wir das Leben?
Philosophie in Gesellschaft: Suche nach dem praktischen Nutzen

Christine Wollowski, Süddeutsche Zeitung 17.8.1996

Wer Probleme hat, geht zum Seelsorger, zum Therapeuten oder in die Selbsthilfegruppe. Im Grunde muß jedoch jeder selbst mit seinem Leben fertig werden. Die alten Fragen bleiben offen. Auch heute werden sie gestellt: Was ist Wahrheit? Was ist gut? Die neue Lust am Denken nennen das die Zeitungen. Feierabend-Philosophen treffen sich fast in jeder größeren Stadt.

In München in der Seidl-Villa. Es mag am abgeschlossenen Raum liegen oder an der Anwesenheit von mindestens zwei offensichtlich philosophisch Vorgebildeten - die Fragen klingen konzentriert und ernsthaft: Ist die Würde untrennbar mit dem Menschsein verbunden? Wenn Kant sagt, die Dinge haben ihren Preis, der Mensch hat seine Würde - heißt das dann, daß die Würde ein nicht quantifizierbarer Begriff ist? Was meinten die Verfasser des Grundgesetzes mit dem Satz: Die Würde des Menschen ist unantastbar - darf sie nicht angetastet werden? Oder ist es schlichtweg unmöglich, sie anzutasten? Auch wenn ein Ruhrpöttler sein Bedürfnis nicht unterdrücken kann, die Aussagen irmmer wieder mit "mehr oder weniger, ist doch getz klar" aufzuweichen; vom Doktor der Philosophie bis zur amtierenden Großmutter bemühen sich hier Menschen um Begriffsbestimmung, um Klärung, um differenziertes Fragen. Sie wollen keinen lehrreichen Vortrag, sie wollen selber denken. Da entsteht aus dem Thema heraus eine Achtsamkeit und Disziplin, bleibt eine Meinung auch mal ungesagt, um den Diskurs nicht zu bremsen.

Das ist nicht die akademische Philosophie, wie sie Paul Feyerabend kritisiert; eine Wissenschaft; die sich nur um sich selbst dreht, sich um keine Lebensfrage kümmert und deren Vertreter zu "Denkbeamten und Begriffsverwaltern" vertrocknen. Der Initiator der Münchner Philosophie-Abende, Wolfram von Berg, ist Magister der Philosophie und arbeitet als Arzthelfer; um mit Menschen umzugehen. Als Feierabend-Philosoph will er weder dozieren noch über Stammtischthemen diskutieren. Er sucht das philosophische Gespräch mit anderen Interessierten. Als die Presse über seine Aktivität berichtete, meldeten sich umgehend 150 Neugierige. Auch wenn sie nicht alle dabeigeblieben sind: "Das Interesse ist da."

Andere Philosophen haben aus ihrem Fach einen Beruf gemacht. Der "Philosophische Praktiker" stellt sich auf jeden Klienten ein und unterstützt ihn mit seiner Erfahrung im Analysieren und Differenzieren seiner eigenen Probleme. Gerd Achenbach wurde aus doppelter Enttäuschung vor 15 Jahren zum ersten philosophischen Praktiker. "Die akademische Philosophie beschäftigt sich ausschließlich mit Fragen, die sie sich selbst stellt, und die Psychologie leidet daran, daß sie auf alle Klienten die gleichen Konzepte anwendet."

Doch was bietet der Praktiker konkret an Lebenshilfe? Er kann den Mensehen zuhören und den Dingen, die sie ihm erzählen, auf den Grund gehen, sagt Achenbach. Nicht, um etwas Verborgenes hinter dem Gesagten zu entdecken, wie es die Psychologen tun, sondern um dem Erzählten selbst auf die Spur zu kommen. Sobald der Besucher beginnt, im Dialog die eigene Haltung zu begründen, wird das Gespräch zum Diskurs und gewinnt an Gewicht. Das Problem wird sich dadurch nicht unbedingt verändern, aber der Ratsuchende gewinnt zusätzliche Sichtweisen. Wenn so die persönlichen Fragen zu philosophischen werden, ist vielen schon geholfen. Frei nach Sokrates: "Differenzierung der Welt ist ein Gewinn an Plastizität."

"Das Kennzeichen unserer Epoche ist Unsicherheit", sagt Achenbach,"die Leute werden panisch, und das erzeugt einen Riesenbedarf nachzudenken." Philosophiestudium allein reicht nicht aus, dieser Unsicherheit abzuhelfen. Da werden logische Regeln gelernt und Scheine gemacht, weit entfernt von den Problemen des Alltags. Der Praktiker nach Achenbach muß sich hingegen mit wirtschaftlichen Aspekten beschäftigen, muß sensibel sein im Gespräch mit Besuchern, anschaulich sprechen können und eine stabile Persönlichkeit besitzen: "Ein vernünftiger Philosoph minimiert den Gurubedarf und ist vor allem nicht selber der Guru", wie Achenbachs Doktorvater Odo Marquard sagt.

Aus Sorge um die Qualität der Beratungen gründete Achenbach 1982 die "Gesellschaft für Philosophische Praxis". Bedingung für neue Praxiseröffnungen sollte eine Zusatzausbildung beim Lehrpraktiker sein. Nur wenige der inzwischen weltweit über 100 Praxen erfüllen diese Bedingung. Manche Kreuz- und Querdenker haben ihre eigene Wahrheit gefunden: Der Österreicher Günther Witzany etwa verkündet sendungsbewußt, jeder philosophierende Mensch sei verpflichtet, die.Erde vor der ökologischen Gefährdung zu retten, sonst tauge er nichts. Die deutsche Praktikerin Greta Hessel-Lübeck sieht sich als Schamanin und führt die Philosophie nur im Namen auf dem Firmenschild. Die Philosophen distanzieren sich: "Wer einen Guru sucht, der ihn bei der Hand nimmt und ihm den Weg zeigt, der bleibt bei uns schnell wieder weg", sagt Wolfram von Berg.

Die Liebe zur Weisheit ist anstrengend, und wer will Enthusiasten daran hindern, "Philosophie" ganz anders zu übersetzen? Ins "Café du Pont 9" in Paris etwa lädt der Sozialarbeiter Bruno zum Gespräch und stellt gleich klar: "Ich will hier keine Intellektuellen." Das Thema des Abends wird demokratisch bestimmt: Warum wählen wir das Leben? Das nehmen einige als Einladung, ihre urpersönlichen Nöte zu offenbaren. "Ich habe immer alle gegen mich gehabt", sagt da eine Dame, "andere hätten sich längst umgebracht." Ein anderer erzählt vom Verlust eines nahestehenden Menschen. "Es ist ganz gleich, welches Thema gewählt wird, nach fünf Minuten redet sowieso jeder über sich selbst", stellt ein Stammgast fest. Die Philosophie als Gruppentherapie?

Auch Wirtschaftsunternehmen, die auf Effizienz- und Produktivitätssteigerung ausgelegt sind, rufen nach Philosophen. "Es gibt viele intelligente und verantwortungsbewußte Unternehmer, die nach den moralischen Prinzipien von Entscheidungen im Unternehmen suchen", sagt Vittorio Hösle, Philosophie-Professor in Essen. Die andere Seite hat konkretere Vorstellungen: Horst Gross aus der Marketingabteilung der 'Kärntner', einer österreichischen Bank, schätzt philosophische Vorträge als Mittel, Widersprüche aufzudecken. "Wir wollen nicht immer alles harmonisieren, Identität entsteht durch Anders-Sein." Banker haben normalerweise keine Zeit, sich solche Fragen zu stellen, da wird die Philosophie eben "dazugekauft". Das ist gängige Praxis bei der Kärntner ebenso wie bei Alcatel oder France Telecom.

Unternehmensberater und Managementtrainer Rolf Gawrich sieht die unternehmerische Wahrheitssuche skeptisch: "Die Firma, die statt Profit Weisheit sucht, ist mir noch nicht begegnet." Wenn es um ökonomische Erfolge gehe, habe das "Wir-können-über-alles-Reden" sehr schnell Grenzen. Sind im Einzelgespräch noch Zweifel und Ehrlichkeit möglich, so wird in der Gruppe der Hierarchiedruck oft zu stark für offene Gespräche. Philosophie, die Lösungen nicht einfacher, sondern Fragen schwerer macht, taugt eben nicht als "Unternehmensphilosophie".

Die Uni-Philosophen stehen der neuen Lage wohlwollend bis gleichgültig gegenüber. Doch Nachwuchs-Denker werden sich der Auseinandersetzung mit der Nachfrage nach Philosophie in Wirtschaft und Gesellschaft auf Dauer nicht entziehen können. Die offizielle Lehre ficht das bislang nicht an. Nur einzelne Professoren bemühen sich, ihre Studenten auf das Spannungsfeld vorzubereiten, in dem sie sich werden zurechtfinden müssen. "Den reinen 'Theoretikern kommt der Schritt in die Praxis immer zu früh" - Volker Gerhardt von der Humboldt Universität in Berlin kann sich durchaus vorstellen, Kurse einzurichten; in denen Praktiker über ihre Erfahrungen sprechen. Odo Marquard fordert: "Die Universitäten sollten die Studenten zwiebeln, wieder bedeutsam für die gesellschaftliche Wirklichkeit zu werden, nicht sie zur Weltfremdheit erziehen." Kehrt damit die Philosophie zu ihren Anfängen zurück? Schon vor über 2000 Jahren befand Epikur: "Eitel ist das Wort des Philosophen, das kein menschliches Leiden heilt."


Hinter den Mauern der Schwabinger Seidlvilla:
"Menschliches Abenteuer"
Missionare sind im Philosophenkreis nicht gern gesehen

Thomas Kronewiter, Süddeutsche Zeitung 17.5.1999

Alle 14 Tage nehmen sie sich ein paar Stunden Zeit, um sich mit Dingen zu befassen, die im Alltag normalerweise keinen Platz haben, sich aber als Bedürfnis immer wieder melden. So charakterisiert Initiator Wolfram von Berg einen vor 13 Jahren von ihm gegründeten Gesprächskreis, der sich unter dem Titel "Die Philosophen" seit 1994 fest im Veranstaltungsprogramm der Schwabinger Seidlvilla etabliert hat.

Ein "menschliches, kein rein geistiges Abenteuer" nennt ein Teilnehmer die Erfahrung, sich mit anderen zu abstrakten Begriffen austauschen zu können. Diese Gemeinsamkeit verbindet den harten Kein der "Philosophen". Nach Wissen, Wahrnehmung, Identität, Zweifel und Zukunft geht es diesmal um Aufklärung. Seit sechs Abenden schon - und ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Das Ende ist der Anfang

Denn ausdiskutiert ist ein Thema erst, "wenn man sich wieder am Anfang befindet". Das kann ein halbes Jahr dauern. Rainer Schips, seit einigen Monaten regelmäßiger Gast im Gorbach-Zimmer der Seidlvilla, ist es wichtig, in einer technisierten Welt der Informationsüberflutung wieder zu den Ursprüngen zurückzufinden. "Man wird ständig mit Meinungen versorgt, da geht die eigene Meinung sehr schnell verloren." Eine Möglichkeit, Grundbegriffe neu zu beleuchten, sieht Luis Heinrich Sirtl, Magister der Philosophie, in den Treffen der "Philosophen". Und Wolfram von Berg spricht von einem "Freiraum von Raum und Zeit" im Gorbach-Zimmer der Seidlvilla, der die Chance zur Entfaltung bietet.

Der studierte Philosoph hat im Vergleich zu den Anfängen inhaltliche Fortschritte ausgemacht. "Früher haben wir nicht so konzentriert gebohrt." Er hält aber auch die "Art und Weise des Miteinander" inzwischen für "reifer". Denn bei den "Philosophen" geht es nicht darum, wer am meisten weiß. Quellen, die zitiert werden, sollen nicht als Autorität die Ansicht des Zitierenden stützen. Wer also bei den "Philosophen" für den eigenen Esoterikkreis werben will, ist falsch, wie ein Mitglied des harten Kerns unterstreicht. "Missionare sind hier nicht so gern gesehen."

Der Weg ist das Ziel

Doch wer Spaß am Debattieren hat, kommt immer wieder - zum Teil über Jahre hinweg. "Es geht gar nicht um die Ergebnisse", unterstreicht eine Teilnehmerin, "sondern um den Prozeß, wie Gedanken bei Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund entstehen". Anders als bei einem Volkshochschulkurs, dessen erste Stunde meist besser besucht ist als der letzte Abend, sind 15 "Philosophen" praktisch immer da - in wechselnder Zusammensetzung. Und weil Teilnehmer zum Teil mit dem Zug noch am Abend bis nach Augsburg zurückfahren müssen, macht man nach unausgesprochener Vereinbarung meist kurz vor 22 Uhr Schluß.

Dazwischen liegen reichlich zwei Stunden spannender Diskussion - zumindest empfinden es die Teilnehmer so. "Man glaubt gar nicht, was da manchmal hochkommt." Der Inhalt ergibt sich manchmal zwangsläufig, geht aber nicht immer den direkten Weg. So stellt sich -seltsam zufällig - an diesem Abend die Frage "Kann ein Journalist ein Aufklärer sein" Und sie wird ausgesprochen kontrovers diskutiert. Wie eigentlich immer.


Denken beim Bier: Mit Kant in der Kneipe
München-Trend: Philosophen erobern den Stammtisch

Andrea Kästle, Abendzeitung 25.6.1999

Ach Mensch. Da hast Du Dir die Lehre von der Anthropologie ausgedacht, bist nicht mehr bloß materieller Teil des Kosmos, sondern stehst im Mittelpunkt des Weltgeschehens, und jetzt das. jetzt sitzt da Gerhard Arlt (56) in der Gaststätte La Grimace in der Maxvorstadt und schaut so bekümmert, daß man selber gleich ganz traurig wird, und sagt: "ich ringe mit jedem Wort." Immerhin, soviel ist heraußen. Aber von dem Buch über die philosophische Anthropologie, das Arlt schreibt, sind erst 34 Seiten fertig und 200 sollen es sein, und er weiß nicht, ob er das schaffen wird. "Ich bin schon erschöpft." Im großen und ganzen sagt er dann nichts mehr an diesem Montag abend. Er ist ja auch nicht Stammgast am Stammtisch der Philosophen, die sich hier alle zwei Wochen treffen, er betrachtet sich als "Zaungast".

Die Köpfe heiß reden über das Sein

Stammtisch der Philosophen? Sowas ist ziemlich "in" in München. Sollen doch die Fachleute in der Zeitschrift "Widerspruch" das "Siechtum der Deutschen Philosophie" bejammern; in Wohnzimmern und Wirtshäusern reden ehemalige, zwangsläufig umgeschulte Philosophie-Studenten und interessierte Laien sich die Köpfe heiß über Sein und Schein und Gott und Sophies Welt. Bei der Volkshochschule stehen Vortragsreihen über die "großen fünf Philosophen" (Platon, Kant, Nietzsche, Heidegger, Schopenhauer) hoch im Kurs, das ganze Fachgebiet, sagt der zuständige Hermann Schlüter, "hat einen richtigen Drive bekommen".

Alle zwei Wochen trifft sich in der Seidlvilla der 1987 gegründete Verein "Die Philosophen e.V."; meist um die 15 "Leute wie du und ich" proben mit Vereinsgründer Wolfram von Berg (44), ehemals Philosophie-Student, jetzt Arzthelfer, den Dialog in einem "strukturellen und inhaltlichen Freiraum". "Gruppendynamische Konfliktsituationen" entstehen fast nie, im Lauf der Zeit hat man sich, und darauf sind alle stolz, eine "hohe Streitkultur erarbeitet". Behandelt wird momentan die Aufklärung, Destillat mehrmonatigen Gedankenaustausches: "Aufklärung ist der permanente Übergang vom Glauben zum Wissen." Ebenfalls in der Seidlvilla hat zweimal im Monat der Nietzsche Kreis Termin, das "Freie philosophische Zentrum" in der Steinheilstraße 17a unterrichtet "Weisheitslehren aus Ost und West", Überschrift: "Abenteuer Philosophie". Und der Philosophenstammtisch im La Grimace, vor drei Jahren von einer Handvoll Studenten aus der Taufe gehoben, hat zumindest überlebt.

Gar nicht selbstverständlich, allein schon vom Lokal her. Neonhell ist es hier, man sitzt auf grauen Plastiksofas, das Radio läuft. Na, wenigstens das Essen, stimmt. An diesem Montag sind sie zu dritt, und aus gegebenem Anlaß reden Herbert Meyer (45), der über den "Freiheitsbegriff bei Kant" promoviert hat, daraufhin so frei war, zwölf Jahre "überhaupt Nix" zu machen und inzwischen im Versicherungswesen tätig ist, und Gerhart Wiesend (58), Lehrer von Beruf, der mit 32 Epikur und dann die ganze Philosophie für sich entdeckte, über das Buch, "das der Gerhard schreibt". Nicht eben die leichte Kost. Unter anderem geht es um die Grundverfassung des Menschen bei Helmuth Plessner (1892-1982), die die Verfassung eines "aus dem Zentrum gefallenen" Wesens ist. Plessner plädierte für eine Gesellschaft, "in der der einzelne sich anonymisieren kann". "ls' mir sehr sympathisch", sagt Arlt.

Sie nehmen sich nie ein Programm vor, sie machen, sagt Meyer, "Gedankenakrobatik" und versuchen, frei nach Kant, "zu denken wie ein Kupferstecher". Manchmal steigern sie sich rein, manchmal ist es ihnen ein bißchen fad - je nachdem. Wenn er lustig ist, zitiert Meyer seinen Lieblingssatz von Kierkegaard (,Freiheit ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält'), wenn er ein bißchen motzen will, regt sich Wiesend über Platon auf, den er "für 'nen Spinner" hält mit seinen "abenteuerlichen Spekulationen". Während sie ansonsten einfach bloß froh sind, daß sie ihren jour fixe über wahrlich nicht immer leichte Zeiten gerettet haben.

In den schwierigen Zeiten vor eineinhalb Jahren hatte Stammtischgründer Thaddäusz Zenker seine Neigung, lange Reden zu halten, derart hemmungslos ausgelebt, daß sich die Neigung der Stammtischbesucher, zuzuhören, bald aus Trotz in Grenzen hielt. Ein bißchen beleidigt suchte sich Zenker mit sieben Getreuen und Geduldigen ein neues Stammlokal beim Hauptbahnhof, in dem zur Genugtuung der La Grimace-Fraktion das Essen miserabel gewesen sein muß. Am Ende ist man halt doch Hedonist.

Klar besteht bei Philosophie-Zirkeln, die auch dem Laien offenstehen, die Gefahr, daß ein bißchen "ein Larifari eintritt" und die Gespräche an der Oberfläche höchstens kratzen. Was, findet Alexander Pechmann (48), Doktor der Philosophie und Herausgeber der Zeitschrift "Widerspruch", eine weiter verbreitete Erscheinung ist. Vielleicht auch, weil er sich selbst an der Uni durch Hegels "Phänomenologie des Geistes" gequält hat, obwohl ihm oft genug danach zumute war, "den Schmarrn an die Wand zu schmeißen", bedauert er, daß Studenten zunehmend weniger das Bedürfnis verspürten, "Themen zu intensivieren". Derweil läßt sich seine Widerspruch-Redaktion nicht drausbringen und schon gar nicht dreinreden, verqualmt alle paar Wochen ihr Kellerverlies im Uni-Hauptgebäude und "dilettiert", sagt Pechmann, "weiter vor hin".

Da freut sich der alte Platon-Hasser

Was sagen dazu die Stammtisch-Philosophen? Herr Arlt bleibt erschöpft, aber Lehrer Wiesend sagt ähnliches. Er findet es freilich als erstes schade, daß die Philosophie hierzulande kein Schulfach ist wie in Frankreich; "junge Franzosen", sagt er, "wissen viel mehr über deutsche Philosophen als die Deutschen". Und dann? Und dann ist es bedauerlicherweise auch so, daß, wenn im Literaturhaus ein Seminar stattfindet und Koryphäen aus aller Welt auf der Rednerliste stehen, kaum einer zuhört. Im Fall eines der letzten Seminare war das umso bedauerlicher, weil es um Platon ging und der gespinnerte Grieche "mit wenigen Worten zerpflückt worden ist". Gerhart Wiesend stand als fast einziger Zuhörer im Mittelpunkt des Weltgeschehens. Aber er freute sich, der alte Platon-Hasser.


Bei Liebeskummer Schopenhauer

Elke Krüsmann, elle März 2001

Unternehmer zitieren Seneca, philosophische Berater coachen Kunden mit Beziehungsstress. Immer mehr Menschen entdecken: Klassische und moderne Denker sind kompetente Krisenmanager. Manchmal ersetzen sie sogar den Sextherapeuten.

Für diesen Artikel wurde zwar auch bei uns recherchiert, aber im Artikel selbst findet der Gesprächskreis keine Erwähnung.
Im Kasten unter der Überschrift: Gedankencoaching bei Cappuccino: Experten und Lokale, die zum Nachdenken verführen, werden auch: 'Die Philosophen in der Seidlvilla' erwähnt.

Der Mann war etwa Mitte 40 und arbeitete im Management. Worum es ging, erklärte er dem Bonner Philosophen Markus Melchers am Telefon: "Ich brauche einen Menschen, mit dem ich vernünftig über die Liebe reden kann." Ein paar Tage später trafen sich der Denker und sein Kunde am Rhein. Sie flanierten zwei Stunden am Fluss entlang, und dabei schilderte der Geschäftsmann dem Berater sein Problem. In sieben Jahren Ehe hatten er und seine Frau sich auseinander gelebt. Jetzt sollte Melchers dem Manager helfen, seinen inneren Konflikt zu klären: "Muss ich mit Rücksicht auf unsere kleine Tochter bei meiner Familie bleiben? Oder verstoße ich dann gegen meinen Anspruch, im Umgang mit mir nahe stehenden Menschen wahrhaftig zu sein?" Zwei Wochen nach dem Treffen rief der Kunde den Philosophen an. 'Wir werden zusammen bleiben. Unsere Tochter ist ja erst vier Jahre alt. Wie soll ich ihr erklären, dass ihr Vater die Familie aus Liebe zur Wahrhaftigkeit verlassen will?"

In Zeiten, wo sich sechs Männer und sechs Frauen 106 Tage lang im "Big Brother"-Container unter enormer öffentlicher Anteilnahme gegenseitig aus der Sendung mobben, mögen Zyniker es schrullig finden, dass ethische Rigoristen ihr Verhalten nach derart strengen Maßstäben hinterfragen. Doch irgendwann steckt jeder Mensch einmal in einem Konflikt, den er nur im eigenen Kopf austragen kann: Was ist richtig? Und was ist falsch?

STARKE GEDANKEN KÖNNEN DAS LEBEN GENAUSO VERÄNDERN WIE GROSSE GEFÜHLE

"Dabei hilft die Philosophie wirksamer als jede andere Sinnvermittlungsinstitution", sagt Josef M. Werle, Privatdozent an der Universität Trier und Herausgeber des Buchs "Klassiker der philosophischen Lebenskunst". "Weil sie Menschen dazu bringt, sich selbst zu verstehen - und zwar ohne sie mit Dogmen zu bevormunden oder ihnen vorgefertigte Konzepte aufzudrücken wie Religion oder Psychologie."

Die Erkenntnisse klassischer und jüngerer Denker haben bei modernen Jobnomaden und von Sinnkrisen gebeutelten Managern derzeit Hochkonjunktur. Ratgeber wie die "Philosophie der Lebenskunst" des in Erfurt lehrenden Privatdozenten Wilhelm Schmid erreichen Bestsellerauflagen, Bernard Arnault, Chef des Luxuskonzerns LVMH, nennt den römischen Philosophen Seneca seinen Lehrmeister und missioniert mit dessen Ideen gelegentlich auch seine Mitarbeiter: "Es gibt keinen günstigen Wind für denjenigen, der nicht weiß, wohin er segelt."

Das ZDF plant sogar, ab Herbst ein "Philosophisches Quartett" auszustrahlen - unter Leitung des intellektuellen Wanderpredigers Peter Sloterdijk. Und als Bundeskanzler Gerhard Schröder neulich den Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin in sein Kabinett holte, jubelte die "Bunte", sonst eher für Kommentare zu Veronica Ferres' wachsendem Babybauch bekannt als für Analysen gesellschaftspolitischer Phänomene: "Philosophen sind in."

Philosophische Berater ermutigen Menschen, sich zu einer autonomen Persönlichkeit zu entwickeln. Das ist harte Arbeit - aber ein aufregendes geistiges Abenteuer. Bei dem Menschen die Erfahrung machen: Starke Gedanken verändern das Leben - Wie große Gefühle.

"SINN AUF RÄDERN" - DER GEDANKENCOACH MACHT HAUSBESUCHE

Dienstleister wie Markus Melchers geben dabei Denkanstöße. Seit 1998 bietet der 37-jährige Rheinländer in Bonn und Umgebung "Sinn auf Rädern" an. Der Service heißt so, weil Melchers seine Kunden mit Fahrrad, Bahn oder Straßenbahn zu Hause besucht. Denn der Gedankencoach hat die Erfahrung gemacht: Bestellt man seine Gesprächspartner in eine Praxis, kippt die Beziehung zwischen Berater und Klient leicht in eine Art Lehrer-Schüler- oder Arzt-Patient-Verhältnis um. Bei einer Tasse Tee oder einem Glas Wein im heimischen Wohnzimmer sitzen sich Dienstleister und Auftraggeber dagegen als Gleichberechtigte gegenüber. Dort lässt sich's ungehemmter philosophieren.

Seine Kunden, die Melchers "Gastgeber" nennt, sind Frauen und Männer, die vor schwierigen Entscheidungen stehen und sich überlegen müssen: Welche Werte haben in meinem Leben Priorität? Oder Workaholics, die neue Perspektiven suchen. "Es geht bei den Treffen nicht darum, Philosophie zu lernen, sondern philosophieren zu lernen", stellt Melchers klar. Und das bedeutet: Zu Beginn der Beratung wird zunächst jeder Begriff auf seine genaue Bedeutung hin abgeklopft.

Allein das Wort "Liebe" schillert in tausend Schattierungen. Die Gesprächspartner müssen sich erst einmal einigen: Welche Bedeutung hat das Wort in diesem Fall - geht es um platonische Liebe, Eros oder Begehren?

Wie Archäologen, die Stein für Stein eine neue Ausgrabung erkunden, beleuchten Berater und Klient Schritt für Schritt alle Aspekte des Problems. Am Ende eröffnen sich dem Ratsuchenden neue Perspektiven.

Ein Mobbingopfer erkennt zum Beispiel: Sie ist durch Zufall in die Rolle eines Sündenbocks gerutscht, weil in ihrer Abteilung ein innerbetrieblicher Machtkampf tobt. Bei solchen Erkenntnisprozessen spielen Berater wie Markus Melchers die Hebamme. "Ich helfe den Gedanken meiner Auftraggeber ans Licht." Melchers Honorar für diese Dienstleistung: ab 80 Mark pro Stunde.

FRAUEN SUCHEN WAHRE ERKENNTNIS, MÄNNER INTELLEKTUELLE ATTITÜDE

Die Mehrzahl der intellektuellen Abenteurer, die sich in Begleitung eines philosophischen Beraters auf Exkursionen in die Weiten des menschlichen Bewusstseins aufmachen, sind Frauen. "Männer besuchen Philosophieseminare gelegentlich mit dem Ziel, sich eine intellektuelle Attitüde zuzulegen", beobachtet Werle. "Eine Art geistigen Bizeps, mit dem man renommieren kann. Frauen dagegen kommen durchweg aus echtem Interesse an existenziellen Fragen." Manche von Werles und Melchers' Gesprächspartnerinnen haben bereits bei Theologen und Psychologen Rat gesucht - mit mäßigem Erfolg. Wie die Bonner Lehrerin, die gemeinsam mit Markus Melchers die Frage klären wollte: Muss ich ein Versprechen, das ich meiner Mutter gegeben habe, über ihren Tod hinaus halten? Der Theologe verwies sie auf das Gebot: Du sollst deine Eltern ehren. Der Psychologe forschte nach Konflikten in der Mutter-Kind-Beziehung. Erst die philosophische Beratung befreite die Frau von ihren Schuldgefühlen. Sie registrierte: "Kein Verwandter und kein Nachbar kann mich zwingen, das Versprechen einzulösen. Wie immer ich mich entscheide: ich bin nur mir selbst verpflichtet."

ERKENNTNIS - DIE HEISSESTE WARE DES NEW-ECONOMY-ZEITALTERS

Ein gutes Leben führen: Was bedeutet das? Weiche Werte sollen Eltern ihren Kindern vermitteln? Die meisten Menschen haben sich solche Fragen schon einmal gestellt. Jetzt leiten engagierte jüngere Philosophen aus ihren Reflexionen konkrete Vorschläge ab, wie zum Beispiel die Situation der Menschen in der Dritten Welt verbessert werden kann. Martha Nussbaum, eine der profiliertesten Philosophen der USA, arbeitete acht Jahre lang für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen. Die 53-jährige hat während dieser Zeit einen Katalog von Voraussetzungen erarbeitet, die notwendig sind, um Menschen überall auf der Weit zu einem "guten Leben" zu verhelfen. Die wichtigsten Forderungen auf dieser Liste: Eine humane Gesellschaft muss den Bürgern ermöglichen, ihre körperlichen und intellektuellen Ressourcen zu entfalten. Und sie sollte ihnen Freiräume schaffen, damit sie sich erholen und mit anderen austauschen können.

"Das Gute an einer philosophischen Theorie ist doch, dass sie uns zu aktiven, kritischen, fragenden Menschen machen will, die sich nicht von zufälligen Autoritäten blenden lassen", sagte Martha Nussbaum in einem Interview.

TRENDBERUF PHILOSOPH. WICHTIGSTES ERFOLGSKRITERIUM: LEBENSERFAHRUNG

Solche engagierten Bekenntnisse haben den Philosophen, die jahrelang unter Ausschluss der Öffentlichkeit Phönomene wie den "Selbstbezug des Negativen in Hegels Logik" erforschten, wieder Aufmerksamkeit verschafft. Und die Nachfrage nach philosophischer Lebensberatung angeheizt. Geisteswissenschaftler, die bisher auf dem Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar galten, nutzen ihre Chance: Allein in Deutschland gibt es inzwischen über 50 Praxen, in denen sie Rat und neue Einsichten anbieten. Nicht jeder, der ein abgeschlossenes Philosophiestudium vorweisen kann, ist allerdings auch ein guter Coach. "Man braucht Lebenserfahrung", sagt Markus Melchers. "Man muss selbst erlebt haben, was es bedeutet, sich zu verlieben - und verlassen zu werden. Und man sollte fit in den wichtigsten Gesprächstechniken sein!"

Der Bonner Berater ist überzeugt: Die neue Lust am Philosophieren ist ein dauerhaftes Phänomen, Die Erlebnisse des amerikanischen Philosophieprofessors Tom Morris bestätigen diesen Eindruck. "Geschäftsleute in ganz Amerika verwandeln sich in Philosophen. Die Leute haben so viel Geld wie nie zuvor. Jetzt fangen sie an, sich tiefere Fragen zu stellen: Was ist Erfolg? Was ist Glück?" Der Berater und Buchautor verkauft Managern und Mitarbeitern der Unternehmen IBM, Ford, Bayer und der Consultingfirmen Arthur Andersen und Price Waterhouse in Seminaren "die besten Ideen der besten Denker aller Zeiten". Sein Stundenhonorar: bis zu 20.000 Dollar. Damit die viel beschäftigten Businessleute die Werke nicht selbst lesen müssen, hat Morris für sie die wichtigsten Erfolgsformeln herausdestilliert: "Es gibt sieben Bedingungen für anhaltenden Erfolg: conception, confidence, concentration, consistency, commitment, character, capacity to enjoy" (Visionen, Vertrauen, Konzentration, Beharrlichkeit, Hingabe, Charakter, Genussfähigkeit).

Was Auftraggeber an Morris lieben: Der Vor-Denker macht ihnen weder ihre Luxusautos noch ihre teuren Uhren mies. "Schönheit hat eine wichtige Funktion im Leben", doziert der wohl bestbezahlte Philosoph der Welt. Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, den Mammon zu verdammen. In einem BMW-Cabrio kann man genauso gut philosophieren wie als Fußgänger."

Dass Philosophen keine lustfeindlichen Asketen sind, beweist auch eine Initiative des Berliners Uwe Nitsch. Er organisiert für Interessierte einmal monatlich ein Abendessen in den Berliner Restaurants "Austria" oder "Gasthaus Gerstensack". Während der vier Gänge erörtern die Gäste philosophische Fragen. "Die Menschen möchten sich wieder konzentriert mit einer Sache auseinander setzen", hat der 37-jährige festgestellt. Damit die Teilnehmer bei diesen Diskussionen einen klaren Kopf behalten, wird der Wein während des Essens allerdings auf zwei Gläser pro Kopf limitiert.


In jedem steckt ein Grübler
„Die Philosophen“ treffen sich regelmäßig zum offenen Gedankenaustausch

Sylvie Sophie Schindler, Münchner Merkur, 24.8.2005

Dieser Artikel trifft offentsichtlich nicht den Geist des Gesprächskreises. Die Autorin, in den letzten Jahren immer wieder sporadische Teilnehmerin, distanziert sich ebenfalls von der abgedruckten Fassung.

Manchmal schweigt man. Ein Räuspern zwischendurch, dann redet einer. Die 13 Menschen, die da im Turmzimmer der Seidlvilla sitzen, schweigen und sprechen, sind „Die Philosophen“. Eine offene Gruppe, die sich jeden zweiten Mittwoch trifft, um sich unter anderem Kant, Sokrates oder Hegel anzunähern. Nicht nur im wissenschaftlichen Sinne, sondern vor allem aus individueller Sicht: „Wir wollen das philosophische Element, das in jedem Menschen steckt, fördern“, sagt Leiter Wolfram von Berg.

Die Fragen, um die es sich dreht, sind deshalb allgemein gestellt, können auch ohne philosophische Vorbildung behandelt werden, zum Beispiel die Fragen „Was ist Freiheit?“ oder „Wollen wir alles wissen?“

Manchmal sind es Krisen, die die Menschen hierher treiben. Manchmal auch die Suche nach dem Sinn des Lebens. Oder einfach die Freude am Philosophieren. „Ich bin 50 geworden, und plötzlich tauchen da viele Fragen auf, über die ich mich mit anderen austauschen wollte“, sagt R. S. Sie ist erst neu dabei. Eine der wenigen Frauen.

Es sind Lehrer darunter, Psychologen, Naturwissenschaftler und Künstler. Aber auch Paare wie W. und S. Zwei, die regelmäßig kommen, um, wie sie sagen, „unser Denken zu erweitern“. Ihnen gefällt die Art, wie die Diskussionen ablaufen. „Hier darf jeder offen seine Gedanken aussprechen“, sagt S. Im Gegensatz zu typischen Stammtischgesprächen werde hier aber nicht jedes Gegenargument als Bedrohung erlebt. „Es wird zugehört, nicht beurteilt.“ Auf diese Weise, sagt S., erhalte man Mut zum eigenen Denken.


Schwabing - Was die Welt bewegt
»Die Philosophen« laden zur Diskussion wichtiger Fragen ein

Sylvie Sophie Schindler, Münchner Wochenanzeiger, 26.4.2011

Schwabing · Lust auf ein Abenteuer? Wenn ja, dann ist es nicht unbedingt notwendig, einen Trip durch die Sahara zu buchen oder sich für eine Tour auf den Mount Everest zu rüsten. Möglich, und daran wird erst einmal selten gedacht, ist auch, sich in ein geistiges und intellektuelles Abenteuer zu stürzen. Und zwar in das Abenteuer Philosophie. »Davon verstehe ich ja doch nichts«, mag manch einer abwehren.

Ein anderer mag sich fragen: »Ist das nicht zu kompliziert?« Dass Philosophie nicht nur großen Denkern der Weltgeschichte wie Sokrates, Hegel und Kant vorbehalten ist, sondern jeden angeht, beweist der Verein »Die Philosophen – Institut für dialogische und angewandte Philosophie e.V.«. Dessen offener Gesprächskreis hat längst seinen festen Sitz mitten in Schwabing. Etwa jeden zweiten Mittwoch um 19.30 Uhr treffen sich Philosophie-Liebhaber in der Seidlvilla. Willkommen ist jeder, der den Fragen, die das Leben aufwirft, auf die Spur kommen will. Jeder, der Lust hat an dem Streben nach Wahrheit und Weisheit. Denn letztlich meint Philosophie nichts anderes als, so die Übersetzung aus dem Griechischen, die »Liebe zur Weisheit«. »In jedem Menschen steckt ein philosophisches Element. Und das wollen wir ansprechen und fördern«, sagt Leiter Wolfram von Berg, selbst studierter Philosoph.

Vorstandsmitglied Leo Allmann drückt es so aus: »In ähnlichem Sinn, wie nach Martin Luther ein allgemeines Priestertum und nach Joseph Beuys ein allgemeines Künstlertum anzunehmen ist, kann auch davon gesprochen werden, dass alle Menschen Philosophen sind. Denn von Natur ist der Mensch derjenige, der ›immer strebend sich bemüht‹.« Die großen Fragen, etwa die Wer-bin-ich-Frage und die Frage nach dem Sinn des Lebens treiben im Grunde jeden, mal mehr, mal weniger um. Jeder ist auf seine Weise auf der Suche, was beispielsweise auch der Boom von spirituellen Kursen und esoterischen Büchern zeigt. Doch sind »Die Philosophen« keine Selbsthilfegruppe oder ideologische Vereinigung.

»Wir verstehen uns nicht als therapeutisches oder weltanschaulich gebundenes Zentrum«, so Wolfram von Berg. Auch gehe es nicht darum, bestimmte philosophische Lehren zu vermitteln. »Der Gesprächskreis versteht sich ausdrücklich nicht als Informationsveranstaltung oder als Heranführung an philosophisch etabliertes Gedankengut«, erklärt von Berg. »Unser Gesprächskreis ist vielmehr ein Forum für einen offenen, gesprächspartnerschaftlichen Austausch von Fragen und Meinungen. Dort wollen wir den Mut zum eigenen Denken und den Ausdruck der eigenen Meinung und deren Begründung fördern.« Das vorrangige Interesse der Teilnehmer bestehe in der Gesprächskultur und im gegenseitigen Austausch. »Die Philosophen« haben das Philosophieren also herausgeholt aus dem stillen Kämmerlein. Schluss auch mit dem Vorurteil, es sei eine rein akademische Angelegenheit. Denn schnell werden die persönlichen Fragen zu philosophischen. Und die dürfen auch mal ohne besonders angestrengte Denkerstirn gestellt werden.

Der Gesprächskreis wurde im Jahr 1987 von ehemaligen Philosophiestudenten gegründet. Anfangs fanden die Treffen im Münchner Selbsthilfezentrum statt, durch Mund-zu-Mund-Propaganda kamen neue Teilnehmer hinzu, man fand schnell die Seidlvilla als neuen Treffpunkt, momentan sind rund 15 bis 30 Interessierte dabei. Die Gesprächsthemen sind nicht beliebig, sondern Themenzyklen zugeordnet, die halb- beziehungsweise jährlich wechseln. Die Fragen, um die es sich dreht, sind allgemein gestellt: »Was ist Freiheit?« oder »Wollen wir alles wissen?«. Aktuell wird der Frage »Was ist notwendig?« nachgegangen. Auf dem Prüfstand sind hierbei unter anderem die eigenen Bedürfnisse. Wie immer geht es im Austausch darüber nicht um ein Ergebnis oder um die richtige Antwort. Philosophieren nämlich meint etwas ganz anderes, wie Wolfram von Berg erklärt: »Philosophieren ist die Kunst des richtigen Fragenstellens.« Die nächsten Treffen finden am 11. und 25. Mai um 19.30 Uhr statt. Die Teilnahme an den Gesprächskreisen ist kostenlos.