Philosophische Stadterkundung


Umsetzung der Skripten von 1991

Die Stadterkundungen wurden als Eintagesveranstaltung (Sonntag) durchgeführt in den Jahren 1988 bis 1992 (Projektleitung Wolfram von Berg), teilweise in Verbindung mit Stattreisen München e.V.

Impressionen von der Stadterkundung 1988 (127 kB)


1. Grundgedanken zur Unternehmung

Zitate zu den einzelnen Themenaspekten sollen die Möglichkeit zur weiteren Reflexion auch außerhalb der Philosophischen Stadterkundung geben:

2. Grundaussagen zum Phänomenbereich Stadt
3. Grundaussagen zum Menschen in der Stadt
4. Aspekte einer (Philosophie-)Geschichte der Stadt
5. Zukunftsperspektiven
6. Literatur


1. Grundgedanken zur Unternehmung:

Philosophische Aussagen und Reflexionen über Thema, Form und Inhalt des Phänomenbereiches "Stadt" sind in der Philosophiegeschichte äußerst selten. Wenn überhaupt Aussagen zum Problem des Städtischen zu finden sind, so stehen sie in Zusammenhang mit Staatstheorien (die Stadt als Zentrum des Staates, i.e. die Stadt als Staat).

Grundsätzlich gilt außerdem: Die Stadt selbst ist, besonders in heutiger Zeit, als 'Anschauungsmaterial' und Ausgangspunkt für eigenes Nachdenken wichtiger als eine Geschichte der Stadt. Denn die Stadt heute ist ein so aus allen Maßstäben geratenes Phänomen, daß die historischen Informationen nur ganz bedingt erklärungs- und verstehensfördernd sind. (Solche Informationen werden jedoch im Rahmen dieser Dokumentation für eine auf der Erkundung aufbauende Reflexion vermittelt.)

Als Ausnahme geschichtlicher Bedeutungsgehalte bezüglich des Städtischen wäre vielleicht zu nennen: Die Auswirkungen der Erdbebenkatastrophe von Lissabon 1755, wo der Untergang städtischen Lebens (im weiteren des umfassenden Machbarkeitsdranges der Aufklärung) als empirisches Faktum auf die philosophische Reflexion wirkt: Die Konsequenz ist die Frage nach der Beherrschbarkeit von Mensch und Natur, für uns ein möglicher Ausgangspunkt für die Frage nach einer sinnvollen Stadtplanung.

"Die Zeit der Aufklärung war, wie W.H. Riehl treffend gesagt hat, eine Zeit, da die Menschen sich nach Menschlichkeit sehnten, aber kein Herz für ihre Mitmenschen hatten, da sie über den Staat philosophierten und das Gemeinwesen vergaßen."(Mumford, 529)

>Statt eines unglücklichen Versuchs, die Philosophiegeschichte der Stadt zu erörtern, steht das Vorhaben unserer Philosophischen Stadterkundung unter dem Motto "Zu den Sachen selbst!" D.h. wir fragen nach unseren eigenen Sichtweisen und unserem Verständnis von Stadt, aber darauf aufbauend auch danach, was es an der Stadt selbst ist, das die unterschiedlichen Interpretationen wie auch die unterschiedlichen Ausformungen ermöglicht und sich dabei und in der Umgestaltung ihrer selbst so flexibel zeigt. Die Stadt als ein zwar von Menschen Geschaffenes, jedoch auch Eigendynamik Entwickelndes steht in der Frage:

Was ist das eigentlich, die Stadt?

Es handelt sich also um eine sowohl anthropologische wie auch phänomenologische Untersuchung.

Nach unserer Einschätzung gelingt erst auf einer solchen Grundlage auch ein Bemühen, Wege zu einer menschlichen Stadt (als Harmonie der beiden Aspekte 'Stadt' und 'Mensch') zu gehen.

ür diese Unternehmung sollen einige methodische Leitsätze aufgezeichnet werden:


2. Grundaussagen zum Phänomenbereich Stadt:

"Die Stadt ist die Welt, die der Mensch sich selber baut." (Schneider, 11)

"Alle Wege führen zur Stadt. Obwohl die Städte heute nur wie Inseln in der Landschaft sind, beherrschen sie die Welt." (Schneider, 5)

"Am Anfang steht eine Stadt, die das Symbol für eine Welt war, am Ende eine Welt, die in vieler Hinsicht eine Stadt geworden ist." (Mumford, XI)

"Die Stadt ist weniger eine Anhäufung von Bauwerken als ein Komplex von wechselseitig und ständig aufeinander wirkenden Funktionen; sie ist nicht nur eine Zusammenfassung von Macht, sondern eine kulturelle Polarisation." (Mumford, 100)

"Ökologisch gesprochen, waren Stadt und Land eine Einheit. Falls überhaupt einer ohne den anderen auskommen konnte, so nicht die Stadt, sondern das Land, nicht der Bürger, sondern der Bauer. - Je erfolgreicher Kunst und Erfindungsgabe in der Stadt waren, um so mehr verachtete diese jedoch ihre rückständigen ländlichen Nachbarn." (Mumford, 394)

"Der Städtebau folgt nicht Gesetzen, sondern Zweckmäßigkeiten, und diese ergeben sich aus den für den einzelnen Bau vorliegenden Absichten der Baumeister und ihrer Auftraggeber sowie aus der gesamten Lebenshaltung der Stadtbevölkerung." (Keyser)

"Ein Gebäude ist nicht nur ein nach technischen Prinzipien errichteter Gegenstand, sondern gleichzeitig auch ein soziales Symbol, sei es nun für Herrschaft oder für Partnerschaft." (Breckner et al., 36)

"Die materielle Unbewohnbarkeit der Elendsviertel ist der moralischen Unbewohnbarkeit der funktionellen, nützlichen Architektur vorzuziehen." (Hundertwasser in: Mitscherlich Zuk., 31)

"Ein Haus, welches wie eine vergessene Schachtel nach Belieben irgendwohin gestellt werden kann, gehört jedoch überall gleich wenig hin. Es hat eigentlich keinen Ort, sondern nur eine Adresse, so daß die Bewohner dort, wo sie wohnen, gar nicht ansässig und beheimatet werden, sondern sozusagen schwerelos leben. Wenn hingegen für ein Haus ein Ort gefunden wird, dann hat es ihn auch, und seine Bewohner sind dort, wo es steht, wirklich ansäßig geworden." (Meyer-Abich, 262)

"Wir stehen vor dem Tatbestand, daß Planung gerade deshalb notwendig ist, weil sie mithilft, die Freiheit zu individueller Entwicklung in bestimmten Grundvoraussetzungen zu sichern - jene individuelle, kritische Freiheit, die untrennbar mit der freieren Lebensform der Städte verknüpft war." (Mitscherlich Zuk., 9)

"Die Stupidität, die es unmöglich machte, daß auch nur eine Stadt sich großzügig wiederherstellte [nach dem 2. Weltkrieg], ist motiviert durch ein panisches Regressionsbedürfnis vom Vater (dem nun alle Schuld zugeschoben wird) weg zur 'Mutter Erde', die - hat man ein Stück von ihr, einen nicht verkommen läßt. Wahrhaftig nicht: die Bodenpreise steigen - und steigen weiter." (Mitscherlich Unwirt., 62)

"Auch die Knappheit an Boden, die immer wieder als Grund für das Auseinanderklaffen von Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt angegeben wird, zeigt keine befriedigende Erklärung auf. Sie besagt lediglich, wenn kein Boden verfügbar ist, können keine Wohnungen gebaut werden. Das ist aber gerade nicht das Problem, denn es werden Wohnungen gebaut, nur zu teuere, zu kleine. Weiterhin werden Geschäftsviertel errichtet, wo Wohnungen gebaut werden können." (Breckner et al., 85)

Untergrund:

"Jetzt hat man zu diesen Einrichtungen aber unterirdische Läden und Geschäftsräume und schließlich den unterirdischen Luftschutzraum gebaut, als ob die Umwelt, die den mechanischen Einrichtungen und Versorgungsleitungen der Stadt dienlich ist, auch ihren Bewohnern wirkliche Vorteile brächte. ... Dieser Zwang bedeutet kaum etwas anderes als ein vorzeitiges Begräbnis oder doch mindestens die Vorbereitung für ein eingekapseltes Dasein, das allein noch denen übrigbleibt, die maschinelle Verbesserungen als die einzige Rechtfertigung des menschlichen Abenteuers ansehen." (Mumford, 559)

"Dank der Klimaanlage und dem Neonlicht, das den ganzen Tag über brennt, unterscheidet sich das Innere eines amerikanischen Wolkenkratzers heute nur noch wenig von dem Zustand, der dreißig Meter unter dem Erdboden herrschen würde." (Mumford, 560)

Mobilität:

"In Wirklichkeit sollte die Schnelligkeit der Fortbewegung eine Funktion des menschlichen Zusammenlebens, d.h. der menschlichen Bestimmung sein. Will man auf einem Spaziergang in der Stadt andere Menschen treffen und mit ihnen plaudern, dürften fünf Stundenkilometer zuviel sein; eilt ein Chirurg zu einem Patienten, der fünfzehnhundert Kilometer entfernt wohnt, so mögen fünfhundert Stundenkilometer zuwenig sein. Unsere Verkehrsfachleute werden aber durch ihre eigenen Grundsätze daran gehindert, zu erkennen, daß es unmöglich ist, ein ausreichendes Verkehrswesen nur mit einer einzigen Art von Fortbewegung zu schaffen, was immer deren theoretische Geschwindigkeit sein mag." (Mumford, 592)

"... daß sich an manchen Stellen der Welt Utopia in 'Autopia' verwandelt hat." (Mitscherlich Zuk., 61)

"Die stumpfsinnige Verwüstung menschlicher Energie wird in Rekorde umgefälscht: Transportrekorde, Besucherrekorde usw." (Mitscherlich Unwirt., 82)

Rechtsprechung:

GG, § 14:
(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
(3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig.

Bay. Verf., §161:
(1) Die Verteilung und Nutzung des Bodens wird von Staats wegen überwacht. Mißbräuche sind abzustellen.
(2) Steigerungen des Bodenwertes, die ohne besonderen Arbeits- oder Kapitalaufwand des Eigentümers entstehen, sind für die Allgemeinheit nutzbar zu machen.


3. Grundaussagen zum Menschen in der Stadt:

Der Begriff des Psychotops:

"... als seelische Ruhepunkte, stellen ein Stück der Selbstvergewisserung für den dar, der dieser Stadt mit verdankt, was er ist. ... Ob jemand hingegen die Wohnsilos von Ludwigshafen oder von Dortmund vor sich hat, weiß er nur, weil er da- oder dorthin gefahren ist. Die gestaltete Stadt kann 'Heimat' werden, die bloß agglomerierte nicht, denn Heimat verlangt Markierungen der Identität des Ortes." (Mitscherlich Unwirt., 14f)

"Wenn also jemand die Lust verspürt, rein deskriptiv ein Kapitel 'Großstadt und Neurose' mit der Hypothese zu schreiben: Großstadt schafft Neurose, so müßte man ihn daran erinnern, daß in der Weltliteratur durch klassische Romane das Thema 'Kleinstadt und Neurose' bereits aufs glänzendste abgehandelt worden ist." (Mitscherlich Unwirt., 141)

"Dem Bauherrn ist gestattet, seine Wunschträume mit seiner Identität zu verwechseln. Für diesen Sachverhalt müssen wir einen klaren Blick gewinnen."(Mitscherlich Unwirt., 13)

74% der Bundesbürger wünschen sich Einfamilienhaus im Grünen - 65% verfügen über kein Wohnungseigentum.
Einem Fünftel der privaten Haushalte gehören vier Fünftel des gesamten Haus- und Grundbesitzes in der BRD (1979). (Aus: Breckner et al., 94f)

In den Wohnungen:

"Ist die Landschaft öde, wird der Wohnbereich wichtiger." (Mitscherlich Unwirt., 10)

"Ein Stadtquartier wird benützt wie ein Schnellrestaurant oder eine Buslinie - ist das ein Fortschritt? Ist es Verarmung?" (Mitscherlich Zuk., 88)

"Die Krankheit nämlich, mit menschlichen Kontakten nicht ins Klare zu kommen und statt dessen reine Böden zu schaffen." (Mitscherlich Unwirt., 133)

"Im letzten halben Jahrhundert gab die Architektur das Prinzip der Einfriedung auf und wandte sich der Enthüllung zu: die Mauer ist durch das Fenster ersetzt worden. ... Als wir unseren Bauten dem ungedämpften Tageslicht und der freien Natur aussetzten, vergaßen wir zu unserem eigenen Schaden das Bedürfnis nach einem Gegensatz, nach Ruhe, Dunkelheit, Abgeschlossenheit und innerer Zurückgezogenheit." (Mumford, 314)

"Das Einfamilienhaus, ein Vorbote des Unheils, den man immer weiter draußen in der Landschaft antrifft, ist der Inbegriff städtischer Verantwortungslosigkeit und der Manifestation des privaten Egoismus." (Mitscherlich Unwirt., 36)

"Eigenheim als Identitätsstütze." (Mitscherlich Unwirt., 46)

Kinder:

"Warum werden unsere städtischen Kinder nicht wie Kinder von Menschen behandelt, sondern wie Puppen oder Miniaturerwachsene, von infantilisierten Erwachsenen umgeben, deren städtische Vorerfahrungen sie dermaßen beschädigt haben, daß sie schon gar nicht mehr wissen, was der Mensch bis zum 6., bis zum 14. Lebensjahr für eine Umwelt braucht, um nicht später ein Renten- und Pensionsbettler zu werden?" (Mitscherlich Unwirt., 25)

Nachbarn:

"Ehe die Stadt geboren wurde, hatte das Dorf den Nachbar geschaffen, der in der Nähe lebt, an den Lebenskrisen teilhat, über den Sterbenden wacht, die Toten mitfühlend beweint und bei Hochzeit und Geburt mitfeiert." (Mumford, 15)

"Nur wo man auf den Nachbarn angewiesen ist, macht man von ihm als Nachbarn Gebrauch. In unseren Städten wird aber jede Anstrengung zur kommunikationslosen Bedürfnisbefriedigung unternommen. Die vollendete Auflösung der städtischen Gesellung spiegelt sich in dem Wort 'Selbstbedienung'." (Mitscherlich Unwirt., 26)

"In den Wohnblocks kommt man sich meistens auch nicht näher; man leidet nur mehr sinnlich, vor allem durch den Gehörsinn, aneinander. So entsteht ein Zustand der Gereiztheit, in dem alle möglichen Verstimmungen vom bösen Nachbarn hergeleitet werden, obgleich sie ganz andere Ursachen haben." (Mitscherlich Unwirt., 74)

"Wird dieses Verlangen nach Affekt- und Meinungsaustausch von Person zu Person nicht befriedigt, dann verlagert es sich in die anonymen Großveranstaltungen." Mitscherlich Unwirt., 77)


4. Aspekte einer (Philosophie-)Geschichte der Stadt:

Als Grundlage für die philosophiegeschichtlichen Aspekte ist hier das umfassende Buch von Mumford herangezogen.
Grundthesen dieser Interpretation sind:

"Der Magnet ist früher da als der Behälter." (9)

"Vor der Stadt gab es den Weiler, das Heiligtum und das Dorf; vor dem Dorf das Lager, das Versteck, die Höhle und die Thingstätte; und vor alledem gab es die Neigung zu Geselligkeit, welche der Mensch offenbar mit vielen anderen Tiergattungen gemein hat. - Das Leben des Menschen schwingt zwischen zwei Polen: Umherziehen und Seßhaftwerden." (3)

"Inmitten der ziellosen Wanderschaft des vorgeschichtlichen Menschen waren die Toten die ersten, die dauernde Wohnung fanden." (5)

"Das entscheidende Ereignis in diesem ganzen Prozeß war vielleicht die Domestikation des Menschen selber." (11)

ANTIKE

"Man beachte, wieviel die Stadt in technischer Hinsicht dem Dorf verdankt. Unmittelbar oder auf Umwegen stammen aus dem Dorf das Kornhaus, die Bank, das Zeughaus, die Bibliothek und das Lagerhaus. Auch bedenke man, daß der Bewässerungsgraben, der Kanal, der Wasserspeicher, der Wallgraben, die Wasserleitung und die Abwässerungsanlagen gleichfalls Behälter sind und der automatischen Beförderung oder Speicherung dienen. ... [Die Stadt ist] nichts anderes als ein Behälter von Behältern." (17f)

"Die Stadt erwies sich nicht nur als Mittel, eine stetig wachsende weltliche und geistliche Macht in greifbaren Formen auszudrücken, sondern vergrößerte auch alle Dimensionen des Lebens auf eine Weise, die weit über jede bewußte Absicht hinausging. In ihren Anfängen war die Stadt eine Verkörperung des Kosmos, ein Mittel, den Himmel auf die Erde herabzubringen; später wurde sie zum Symbol des Möglichen." (35)

"Die Stadt war nichts Geringeres als die Heimat eines mächtigen Gottes." (56)

"Als unmittelbares Ergebnis der neuen Machtmythologie wurde die Maschine selber erfunden; sie blieb den Archäologen lange verborgen, weil die Substanz, aus der sie zusammengesetzt wurde - Menschenleiber - zerfallen und verwest war." (38)

"Für eine große Zeitspanne der Stadtgeschichte blieben die Funktionen des Gefäßes wichtiger als die des Magneten [Fremde, Außenseiter, Händler, Reisende, Sklaven]. ... Dank der Beherrschung dieser Funktionen konnte die Stadt ihre eigentliche Aufgabe erfüllen: die Umgestaltung" (114)

"Einst im alten Dorf hatten diese Zuschauer ihren vollen Anteil am Geschehen gehabt und konnten alle Rollen erfolgreich spielen, abwechselnd als Schauspieler und als Publikum. Jetzt in der Stadt waren sie zu Statisten abgesunken. Die Aufgabe der monumentalen Stadtkunst bestand nicht zuletzt darin, daß leichter zu regieren war, solange die Illusion Bestand hatte." (82)

"Und was als Umgestaltung der gesamten Umwelt begann, wurde zu einer Umgestaltung des Menschen." (119)

"Zwar zerlegte sie [die Stadt] das Ganze des Menschen und zwang ihn, ein langes Leben auf eine einzige Aufgabe zu verwenden, aber sie setzte ihn zu einer neuen kollektiven Einheit zusammen. Mochte also sein persönliches Leben eng und beschränkt sein, so wurde doch das daraus entstehende Gewebe um so bunter, je farbiger die Fäden waren, aus denen es entstand." (129)

"In gewissem Sinne ist der dramatische Dialog zugleich das vollendete Symbol und die letzte Rechtfertigung des Daseins der Stadt. Umgekehrt ist das enthüllendste Symbol dafür, daß die Stadt gescheitert und als gesellschaftliche Persönlichkeit überhaupt nicht vorhanden ist, das Fehlen jedes Dialogs - nicht unbedingt nur das Schweigen, sondern ebenso auch der Lärm eines Chores, der dieselben Worte unterwürfig, wenngleich zufrieden vorträgt." (140)

"Ferner tauchte eine neue Literaturgattung auf, die sich damit beschäftigte, ein ideales Gemeinwesen zu entwerfen. Auch das war ein Beweis dafür, daß die Stadt in eine Sackgasse geraten war." (203)

"Utopia war nichts anderes als eine neue geometrische Aufgabe, wobei man annahm, daß alle Menschen bereit waren, solche Sozialgeometrie zu treiben." (203)

"Als Plato der Unordnung und Verwirrung in Athen den Rücken kehrte, um die gesellschaftlichen Funktionen der Stadt nach überholten Vorbildern neu zu ordnen, kehrte er leider zugleich dem wesentlichen Teil des Lebens in der Stadt den Rücken - der Fähigkeit, sich zu kreuzen, sich zu mischen, Gegensätze zu versöhnen, neue Synthesen zu schaffen und neue Ziele anzuregen, die nicht in der versteinerten Struktur bereits angelegt waren." (207)

"Die Rolle der Dialektik in der Polis übersehen, heißt die hauptsächliche Funktion der Stadt ignorieren: nämlich das Wissen der Menschen vom dramatischen Wesen des Lebens zu erweitern. Durch diese Darstellung erhält das Dasein neuen Sinn, den keine augenblickliche Analyse oder wiederkehrende statistische Ordnung erschließen kann." (210)

"Die Stadt hörte also auf, Schauplatz eines bedeutungsvollen Dramas zu sein, in welchem jeder eine Rolle und etwas zu sagen hatte; sie wurde eher zum Ort einer pompösen Schaustellung der Macht." (231)

"In römischen Städten und zumal in Rom selbst war, wie wir noch sehen werden, der Inhalt häufig widerwärtig und manchmal eine wahre Jauchegrube voll menschlicher Verworfenheit und Ungerechtigkeit. Das Gefäß aber war in ästhetischer Hinsicht häufig ein Wunder an strenger Würde und meisterlicher Komposition." (245)

"Selbst in dem primitivsten Dorf der Jungsteinzeit war das Haus stets mehr als bloße Unterkunft für den Leib. Es war Treffpunkt der Hausgemeinschaft, und der Herd diente zugleich als Mittelpunkt religiöser Feiern und zum Kochen. Das Haus war Heimstatt der Hausgötter und Schauplatz des Familiendaseins, ein Schatzhaus sittlicher Werte, die man nicht mit Geld aufwiegen konnte. Von all diesen Beziehungen und Überlieferungen zeigte die römische insula nichts mehr." (258)

"Zur Stadt der Lebenden füge man dann noch die Stadt der Toten. Ich spreche nicht nur von Friedhöfen und Denkmälern. Außer ihnen gab es einen Wald von Standbildern, [in Rom] 3.785 aus Bronze und insgesamt etwa 10.000 Statuen. Cassiodor stellt daher mit Recht fest, Rom berge eine zweite Bevölkerung aus Stein und Bronze, die teilweise besser gestellt sei als die Lebenden. Diese Tradition hat sich erhalten." (277)

"Bis die Großstadt des 18. Jahrhunderts das Museum in seiner besonderen Gestalt schuf, diente die Stadt selber als Museum." (277)

MITTELALTER

"Es fehlt einem ein Schlüssel zu der neuen Gestalt der Stadt, wenn man die Rolle der Klöster verkennt, die gestaltenden Einfluß ausübten. Denn den entscheidenden Rückzug aus Rom unternahmen nicht die Flüchtlinge, die ihr leibliches Leben retten wollten; entscheidend war vielmehr der Rückzug der Gläubigen, die ihre Seelen retten wollten." (288)

"Die weltweite Kirche verlieh allen Gemeinwesen, ob groß oder klein, eine gemeinsame Zielsetzung; aber die dadurch erreichte Einheit förderte ihre Vielfalt und Individualität eher, als daß sie diese behinderte." (311)

"Als die Kirche aufhörte, Gefäß neuer Werte zu sein, übernahm die Universität allmählich einen Teil dieser Aufgabe. Dieser Umstand hat die ungestörte Wahrheitssuche zum beherrschenden Wert im Leben gestempelt, dabei aber weitgehend die Reiche der Ästhetik und Moral außer Acht gelassen. Dadurch ist die Universität ein klassisches Beispiel für jene Überspezialisierung und funktionale Begrenzung, die heute die menschliche Entwicklung einengt und sogar das Überleben der Menschheit bedroht." (323)

"Schließlich wurde aus dem Kirchenschiff, dem bloßen Versammlungsraum, die Börse." (433)

NEUZEIT

"Der erste radikale Wandel, der auch die Gestalt des mittelal-terlichen Hauses veränderte, war die Entwicklung eines Gefühls für private Sphäre. Sie bedeutete, daß man sich jederzeit von dem gemeinsamen Leben und den gemeinsamen Interessen seiner Mitmenschen zurückziehen konnte. Für sich schlafen, für sich essen, für sich religiösen und gesellschaftlichen Pflichten nachkommen, schließlich auch für sich denken." (332)

"Zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert machte sich in Europa ein neuer Komplex kultureller Erscheinungen geltend. Daher änderte sich das städtische Leben nach Form und Inhalt grundlegend. Die neue Daseinsform entsprang einer neuen Wirtschaftsordnung, dem merkantilistischen Kapitalismus; einer neuen politischen Ordnung, vornehmlich einer zentralistischen Despotie oder Oligarchie, die gewöhnlich über einen Nationalstaat herrschte." (402)

"Man muß bedenken, daß die Hauptstadt sowohl eine gesellschaftliche wie auch politische Rolle zu spielen hatte. In der Hauptstadt wurden provinzielle Gewohnheiten, Bräuche und Mundarten eingeschmolzen und in die Form des königlichen Hofes gegossen. So entstand das nationale Leitbild, wobei das Nationale eher von oben verordnet oder modische Äfferei als orginell war. ... Neben dem Staat war die Familie die einzige Gruppe, deren Dasein als legitim galt, die einzige Gruppe, die nicht der Erlaubnis des gnädigen Königs bedurfte, um ihre natürlichen Funktionen auszuüben." (413)

"In der mittelalterlichen Ordnung wuchs die Stadt in der Waag-rechten; Befestigungen [die nun immer monströser wurden] waren senkrecht. In der Ordnung des Barock konnte die von ihren Befestigungen eingeengte Stadt nur in hohen Mietskasernen nach oben wachsen, nachdem die Hintergärten angefüllt worden waren." (420)

"Die Kasernen nehmen in der Ordnung des Barock fast den gleichen Platz ein wie das Kloster im Mittelalter, und die Exerzierplätze - beispielsweise das neue Champ de Mars in Paris - traten in den neuen Städten ebenso stark hervor wie Mars selber in der Malerei der Renaissance." (422)

"Das neue Renaissancefenster ist eindeutig ein Bilderrahmen, und das Renaissancefenster ist ein imaginäres Fenster, das den Menschen in der Stadt den langweiligen Hof vergessen läßt, den eine wirkliche Fensteröffnung zeigen würde." (425)

"In der Gesellschaft hingegen wirkte sich die Gewohnheit, abstrakt zu denken, verheerend aus. ... Die wirklich lebenden Männer und Frauen, Körperschaften und Städte wurden von Gesetz und Verwaltung so behandelt, als ob sie imaginäre Wesen wären." (427)

"Gradlinige Bewegung eine Avenue hinunter war nicht nur sparsam, sondern ein besonderes Vergnügen. Mit ihr zogen Anregung und Heiterkeit, wie schnelle Bewegungen sie hervorrufen, in die Stadt ein." (429)

"Der Zuschauer steht still. Das Leben marschiert an ihm vorüber." (431)

"Auf halbem Wege zwischen Vergnügen und Wißbegier steht ein letztes Vermächtnis des Schlosses: der zoologische Garten. ... Hier haben wir einen neuen Beitrag zur Stadt: eine Erinnerung an jenen wilden Urzustand, den der Mensch dank seiner Illusion, daß er die Natur erfolgreich bezwungen habe, allzu leicht vergißt." (443)

"In dem Maße, wie der Haushalt ausschließlich eine Einrichtung für Verbraucher wurde, verlor die Hausfrau die Fühlung mit den Ereignissen der Außenwelt. Sie wurde entweder zur Spezialistin der Häuslichkeit oder zur Sexspezialistin, ein wenig Kuli, ein wenig Kurtisane, meistens wohl von beidem etwas. Damit erblickt das 'Privathaus' das Licht der Welt - abgeschieden vom Geschäft und räumlich getrennt von allen sichtbaren Unterhaltsquellen. Alle Bereiche des Lebens wurden in wachsendem Maße von dieser Abtrennung erfaßt." (445)

"Um die Stadt kümmerte sich niemand." (445)

"Im Mittelalter hatte 'Freiheit' etwas anderes bedeutet: Freiheit von feudalen Beschränkungen, Freiheit für das körperschaftliche Tätigwerden der Stadtgemeinde, der Zunft und des religiösen Ordens. In den neuen Handelsstädten [des 18. Jahrhunderts] bedeutete die Freiheit jedoch Freiheit von städtischen Beschränkungen, Freiheit für private Investitionen, für privaten Gewinn und private Vermögensbildung ohne Rücksicht auf das Gemeinwesen als Ganzes." (483)

MODERNE

"Mit der Erfindung der billigen Postkutschen, der Eisenbahn und schließlich der Straßenbahn tauchten zum ersten Mal in der Geschichte Massenverkehrsmittel auf. Fußgängerentfernungen setzten dem Wachstum der Städte keine Grenzen mehr, und die städtische Expansion ging immer schneller vonstatten, da sie sich nicht mehr von einer Avenue oder einem Block zum anderen, sondern von einer Bahnlinie zur anderen und von einer Vorstadt zur anderen vollzog, die sich vom Zentrum aus nach allen Seiten stahlenförmig ausbreiteten." (500)

"Ursache dieser Ballung war nicht der Wunsch, die Armen, die im Gegensatz zu den Reichen nicht feilschen und ablehnen konnten, zu erpressen, sondern man muß sich klarmachen, daß man sich im 17. Jahrhundert damit abgefunden hatte, Bedürftigkeit als das normale Los eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung anzusehen. Man konnte nicht erwarten, daß sie für einen Hungerlohn arbeiteten, wenn sie nicht aus Hunger und Armut dazu getrieben wurden. Elend unten war die Grundlage für Luxus an der Spitze. Man hat geschätzt, daß in größeren Städten über ein Viertel der Bevölkerung aus Gelegenheitsarbeitern und Bettlern bestand. Dieser Überschuß schuf das, was der klassische Kapitalismus einen gesunden Arbeitsmarkt nannte, auf dem der Kapitalist Arbeitskräfte zu seinen Bedingungen anwarb oder andere Arbeiter nach Belieben ohne Kündigung entließ, ohne sich darum zu kümmern, was unter so unmenschlichen Verhältnissen aus dem Arbeiter oder aus der Stadt wurde." (503)

"Mit der Zeit setzte sich der Geschmack für Häßliches fest. Der Arbeiter war nicht mehr bereit, seine alte Wohnung zu verlassen, wenn er nicht ein wenig von dem vertrauten Dreck, Wirrwarr, Lärm und Gedränge mitnehmen konnte. Jede Regung in Richtung auf eine bessere Umwelt stieß auf den Widerstand, der ein ernsthaftes Hindernis für eine Dezentralisierung wurde. ... In diesen neuen Ställen wurde eine Rasse von Krüppeln aufgezogen. Armut und die Umwelt der Armut führten zu organischen Veränderungen." (543)

"Der Industrialismus, die größte schöpferische Kraft des 19. Jahrhunderts, schuf die unwürdigste städtische Umwelt, welche man bis dahin gekannt hatte; denn selbst die Wohnviertel der herrschenden Schicht wurden entstellt und übervölkert." (520)

"Im Zeitalter technischen Fortschritts blieb die Stadt als soziales und politisches Gebilde außerhalb des Kreises der Erfindungen." (523)

"Um die wüste Unordnung der Industriestadt zu begreifen, muß man die merkwürdigen metaphysischen Vorstellungen untersuchen, die das wissenschaftliche und das praktische Leben beherrschten. 'Unbeabsichtigt' war in der viktorianischen Zeit ein Lob. ... Indem sie das taten, was sie für naturgemäß hielten, schufen der Industrielle und der städtische Beamte gemeinsam die neue Art von Stadt, einen verdorbenen, denaturierten Menschenhaufen, der nicht den Lebensbedürfnissen angepaßt war, sondern dem mystischen 'Kampf ums Dasein'." (526f)

"Überhaupt konnte die dem Leben so abträgliche Stadt nur dadurch bestehen, daß ständig neue Kräfte vom Lande in sie einflossen." (544)

GEGENWART

"Wohin die Trennung der Vorstadt von der Stadt schließlich führen sollte, wurde erst im 20. Jahrhundert deutlich, als das demokratische Ideal durch Vervielfältigungsverfahren und Massenproduktion größere Verbreitung fand. Durch den Auszug der Massen in die vorstädtischen Gebiete wurde eine neue Art von Gemeinwesen geschaffen, das ein Zerrbild sowohl der historischen Stadt wie auch der ersten vorstädtischen Zufluchtsorte war: eine Vielzahl von gleichförmigen, unterschiedslosen Häusern, die unerbittlich in gleichen Abständen und an gleichförmigen Straßen in einer baumlosen Einöde aufgereiht stehen, bewohnt von Menschen derselben Schicht, desselben Einkommens, derselben Altersklassen, die denselben Fernsehdarbietungen zuschauen, dieselben faden Konserven aus denselben Kühlschränken essen und sich äußerlich und innerlich in jeder Hinsicht einer gemeinsamen Form anpassen, die in der zentralen Metropole gefertigt wird." (567)

"Ja, ein Teil des ästhetischen Wertes der Vorstadt, ihr besonderer psychologischer Vorzug, rührt von dem täglichen Pendelverkehr her, von der Abwechslung zwischen Offenheit und Eingeschlossenheit, zwischen Freiheit und Enge, Bewegung und Verkehrsstockung, Geräumigkeit und Überfüllung. Alle ästhetischen Werte, die in der Vorstadt beschlossen liegen, werden durch diese Kontraste gekennzeichnet." (569)

"Die Vorstadt, die zunächst ein Instrument des Entrinnens gewesen war, hatte sich in ihr Gegenteil verkehrt. Von dem ursprünglichen Drang nach Unabhängigkeit und Initiative ist nur das Lenken des eigenen Kraftwagens übriggeblieben; aber selbst das gehört zu den erzwungenen und unausweichlichen Voraussetzungen vorstädtischen Lebens, wobei wendige Techniker bereits die persönliche Lenkung durch ein automatisches System zu ersetzen versuchen. Den derzeitigen Preis für dies Art von 'Freiheit' in den Vereinigten Staaten - jährlich 40.000 Tote und über eine Million Menschen, die verletzt oder für Lebenszeit zu Krüppeln werden - muß man teilweise von den Vorzügen der vorstädtischen Bewegung absetzen." (574f)


5. Zukunftsperspektiven:

"Will man also glauben, daß die menschliche Kultur in der modernen Großstadt eine wunderbare, letzte Höhe erklommen habe, so muß man den Blick von den grausamen Einzelheiten des täglichen Lebens abwenden. Eben dazu versucht sich der Großstadtbewohner auch zu erziehen. Er lebt nicht in der wirklichen Welt, sondern in einer Schattenwelt, die jeden Augenblick mittels Papier, Zelluloid und geschickt gehandhabten Lichtern an die Wand rings um ihn herum projiziert wird - eine Welt, in der er durch Glas, Zellophan und Plastikhüllen von der Qual des Lebens getrennt ist." (Mumford, 638)

"Wir stehen jetzt vor einer Situation, die meines Wissens in der Geschichte kein Vorbild hat. Zwar ist der großstädtische Behälter geplatzt, aber die institutionellen Magneten behalten noch in erheblichem Umfang ihre frühere Anziehungskraft." (Mumford, 645)

"Wenn also die Großstadt weitgehend für die Erfindung und Ausbreitung des Museums in der Öffentlichkeit verantwortlich ist, so dient sie in gewissem Sinne selber auf wesentliche Weise als Museum." (Mumford, 657)

Die Problematik hierbei ist (ohne den Vorschlag zur Passivität machen zu wollen), daß Strukturen - vorgegebene, historisch gewachsene und aufgesetzte - sich in unerwarteter Weise verselbständigen können, bzw. wie mit solchen Möglichkeiten bewußt umgegangen werden kann.

Inwieweit können auf solcher Grundlage Möglichkeiten bewußt ergriffen werden in bezug auf gestalterische und sonstige Veränderung?

Eine Möglichkeit hierfür stellt Mumford dar:
"Vielleicht liegt, wie ich schon früher andeutete, einer der Gründe für den häufig wiederkehrenden Kreislauf von Wachstum, Ausweitung und Zerfall der Städte im Wesen der Zivilisation selbst begründet. Wir haben gesehen, daß die Stadt in vielen Fällen dazu neigt, das organische, vielseitige Leben des Gemeinwesens in versteinerten und überdifferenzierten Formen einzuschließen, die Dauer nur um den Preis der Anpassung und weiteren Wachstums erreichen. Eben die Struktur der Stadt selber, bei der das steinerne Gefäß den Magneten beherrscht, ist vielleicht in der Vergangenheit in nicht geringem Maße für diesen Widerstand verantwortlich gewesen. - Wenn das richtig ist, so bedarf die Stadt heute vor allem einer verstärkten kollektiven Kenntnis ihrer selbst und einer tieferen Einsicht in den Ablauf der Geschichte als ersten Schritt zu Zucht und Lenkung. Das ist ein Wissen, wie es sich ein Neurotiker erwirbt, wenn er sich einem lange verdrängten kindlichen Trauma stellt, das sein normales Wachstum und die Festigung seiner Persönlichkeit verhindert hat." (614)

Läßt sich jedoch eine menschliche Stadt überhaupt planen?
Der Mensch scheint mehr geprägt zu sein durch die Stadt, als die Stadt durch den Menschen. Dies drückt sich besonders in heutiger Zeit bei zunehmender Ohnmacht in Form von nicht nur zunehmender Anonymität aus. Diese Frage verweist uns auf ein praktisch-konkretes Problem, nämlich die Entscheidung über das Verhältnis von individueller Gestaltung und ordnender (öffentlicher/politischer) Hand. Immer muß dabei jedoch auch bedacht bleiben, daß Stadt nicht allein Funktionskomplex für den Menschen ist, sondern einen Selbständigkeitscharakter besitzt und weiter besitzen wird. Diesen kann sie allerdings nur dynamisch bewahren, wenn der Phänomenkomplex sich nicht zu dem - eingangs erwähnten - Stadt=Welt hin auflöst.

Nochmals soll - in der Form einer 'konkreten Utopie' - Mumford zu Wort kommen:
"Der Begriff der ausgewogenen Stadt muß jetzt zugunsten der ausgewogenen Region erweitert werden, die bewußt als ein Kunstwerk geschaffen wird." (611)
"Um diese Wiedervermählung von Stadt und Land deutlich sichtbar werden zu lassen, umgab Howard seine neue Stadt mit einem dauernden landwirtschaftlichen Grüngürtel. Diese zweidimensionale horizontale 'Mauer' würde nicht nur dazu dienen, die ländliche Umwelt in erreichbarer Nähe zu halten, sondern sollte auch verhindern, daß städtische Siedlungen miteinander verwüchsen. Nicht zuletzt sollte sie, wie es einst die senkrechte Mauer getan hatte, das Zusammengehörigkeitsgefühl im Innern stärken." (602)
"Die neue Aufgabe der Großstadt ist es, der kleinsten Stadt noch die kulturellen Möglichkeiten zu vermitteln, die zur Einigkeit der Welt und zur Zusammenarbeit beitragen." (656)


6. Literatur:

ARNAU, Frank - Der verchromte Urwald 1958

BIRKENHAUER, J. (Hg.) - München. Weltstadt in Bayern 1987 Kallmünz

BRECKNER, Ingrid u.a. - Soziologie des Wohnens Soziologen-korrespondenz Neue Folge 8, 1981 München

DER UTOPISCHE STAAT - Thomas Morus: Utopia; Thomaso Campanella: Sonnenstaat; Francis Bacon: Neu-Atlantis 1960 Reinbek

GEIPEL, R./HEINRITZ, G. (Hg.) - München. Ein sozialgeographi-scher Exkursionsführer Münchner Geographische Hefte 55/56, 1987 Kallmünz, Regensburg

HASELOFF, O. W. (Hg.) - Die Stadt als Lebensform 1970 Berlin

HENGELER, Adolf/ALTHAUS, Peter - Die Stadt als offenes System 1973 Basel

KEYSER, Erich - Der Stadtgrundriß als Geschichtsquelle, in: HAASE, C. (Hg.) - Die Stadt des Mittelalters Band 1, 1969 Darmstadt, S.117-121

KIECHLE-KLEMT, Erika/SÜNWOLDT, Sabine - Anrüchig. Bedürfnisanstalten in der Großstadt 1990 München

KULTURREFERAT DER LANDESHAUPTSTADT MÜNCHEN - Stadtkultur in München 1987 München

KURSBUCH 27 - Planen Bauen Wohnen 1972 Berlin

MANTLER, Rolf - Partizipatorische Stadtentwicklungspolitik 1982 Frankfurt/M, New York

MEYER-ABICH, Klaus Michael - Wege zum Frieden mit der Natur. Praktische Naturphilosophie für die Umweltpolitik 1984 München, Wien

MITSCHERLICH, Alexander - Die Unwirtlichkeit unserer Städte 1965 Frankfurt/M

MITSCHERLICH, Alexander - Thesen zur Stadt der Zukunft 1971 Frankfurt/M

MUMFORD, Lewis - Die Stadt. Geschichte und Ausblick 1979 München

PLATON - Politeia (verschiedene Ausgaben)

SCHNEIDER, Wolf - Überall ist Babylon 1960 Düsseldorf

SEKTION '87 (Hg.) - Kir social. Bilder einer Stadt 1989 München

SOMBART, Werner - Der Begriff der Stadt und das Wesen der Städtebildung 1907

TIMMERMANN, Johannes (Hg.) - Stadt und Bürgerfreiheit 2. erw. Auflage 1979 München, Paderborn

WEBER, Max - Die Stadt 1956

WIESNER, Herbert (Hg.) - Stadtbesichtigung. Eine Münchner Anthologie 1982 München